kariane westrheim

Befreiung aus mehrfacher Unterdrückung

kariane westrheimDie Frauen in der PKK und die kurdische Freiheitsbewegung

Prof. Dr. Kariane Westrheim, PhD in Psychologie, Norwegen

Würden wir uns einmal zu Ahnenforschung bei kurdischen Frauen entscheiden, dann würden wir uns mit ziemlicher Sicherheit in Sphären begeben, die von Krieg und politischer Konfrontation bestimmt werden. Diese Frauen waren und sind stets auf der Suche nach einer gerechten Gesellschaft und müssen dabei gleichzeitig stets Widerstand leisten gegen die Unterdrü¬ckungspolitik des Staates.

Zunächst einmal müssen alle Frauen, insbesondere politisierte Frauen in einem patriarchalen Umfeld, sich bewusst machen, in was für einem historischen und politischen Raum-Zeit-Gefüge sie sich bewegen. Für ein Individuum ist es nicht einfach, ein solches Bewusstsein zu entwickeln. Ein radikaler Wandel kann nur dadurch zustande kommen, dass der Widerstand der Einzelnen in eine kollektive soziale und politische Bewegung einfließt. Im 21. Jahrhundert ist die kurdische Bewegung ein gutes Beispiel für eine solche starke kollektive Bewegung.

In diesem Artikel möchte ich den Wandlungsprozess in Nordkurdistan, der Ende der 1970er Jahre mit dem Auftreten der ArbeiterInnenpartei Kurdistans (PKK) in Gang gesetzt worden ist, beschreiben. Dieser Zeitraum stellt auch für Tausende von Frauen einen Wendepunkt dar. Der Widerstand der ArbeiterInnenpartei Kurdistans richtete sich seit ihrer Gründung sowohl gegen den türkischen Staat als auch gegen die feudalen Gesellschaftsstrukturen und ihre VertreterInnen in Kurdistan.
Vor allem mit den 90er Jahren stieg die Zahl der Frauen sowohl innerhalb der Guerilla als auch im politischen Bereich deutlich an (Alinia, 2004, S.?65). Die PKK ist nicht nur diejenige Guerillabewegung mit dem größten Frauenanteil in ihren Reihen weltweit, sondern sie zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie sowohl innerhalb der Guerilla als auch im zivilen Leben die Rechte und Freiheiten der Frau zu verteidigen weiß. In der Bildungsarbeit der PKK wird auf die Vermittlung der Ziele und Vorstellungen der Frauenorganisationen besonderer Wert gelegt. In Kurdistan steht ein großer Teil der Frauen weiterhin unter der Kontrolle männlicher Familienmitglieder. Gleichzeitig sind sie dem Druck des Staates ausgesetzt. Für die kurdische Frau bedeutet also die Beteiligung an der PKK die Befreiung aus einem Netz doppelter Unterdrückung. Aufgrund der politischen Bildung, die sie in der PKK genießen, machen viele Frauen ideologisch, politisch und sozial eine beachtliche persönliche Entwicklung durch und setzen sich selbst neue Ziele und Maßstäbe (Westrheim, 2009).
Anja Flach (2007), die sich selbst zwischen 1995 und 1997 bei den Guerillakräften der PKK aufhielt, erklärt, dass die Bildung für alle kurdischen Frauen ein wichtiges Mittel der Befreiung bedeutet. Dies gelte umso mehr für die Frauen, die am bewaffneten Kampf teilnehmen. Denn ohne ein Bewusstsein darüber zu erlangen, weshalb mensch kämpft, ist es kaum möglich, den Lebensbedingungen der Guerilla standzuhalten. Und die Bildung stellt für die Frauen den Schlüssel für ein stärkeres politisches Bewusstsein dar (Flach, 2007, S.?86).
Die Organisierung der Frauen für den Guerillakampf gestaltet sich oft sehr kompliziert. Zunächst einmal müssen die Frauen, die aus traditionellen Verhältnissen stammen, oft von zu Hause abhauen, um sich der PKK anzuschließen. Nachdem sie das gemacht haben, geschieht es allerdings oft, dass die Familien dann stolz darauf sind, ihre Tochter als Teil des bewaffneten Kampfes auf den Bergen zu wissen. Diese Tatsache kann wiederum andere junge Frauen dazu ermutigen, denselben Schritt zu gehen. Laut Wolf unterscheidet sich der Hauptgrund für die Frauen, sich der Guerilla anzuschließen, nicht von demjenigen der Männer, denn der betrifft die Unterdrückung der Kurdinnen und Kurden als Volk. Die patriarchalen Familienstrukturen folgen demgegenüber als zweitwichtigster Grund der Frauen für die Beteiligung an der PKK und sind ein ebenfalls nicht zu unterschätzender Faktor (Wolf, 2004, S.?197–198). Flach (2007) gibt an, dass Ende der 70er und Anfang der 80er vor allem Frauen aus den Universitäten oder aus der Oberstufe sich der PKK anschlossen. Sie entschieden sich zu diesem Schritt aufgrund eines wachsenden kurdischen Bewusstseins über die Unterdrückungspolitik der Türkei gegenüber den KurdInnen und aufgrund der Suche nach einem sozialistischen Lebensmodell. Später schlossen sich aber auch viele Frauen der Guerilla an, weil ihre Angehörigen und FreundInnen von türkischen Sicherheitskräften ermordet oder gefoltert worden waren (Flach, 2007, S.?61).
Nachdem sich die PKK in den 90er Jahren besser organisiert hatte, traten auch viele Frauen mit einem größeren politischen Bewusstsein der PKK bei. Sie kamen zum Teil auch aus Europa. Nach der Entführung des PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan im Jahr 1999 beteiligten sich abermals tausende Frauen an der Bewegung. Natürlich wollten diese Frauen die politische Linie der PKK unterstützen, aber ihnen ging es vor allem auch darum, den Kampf um die Frauenrechte gemeinsam mit der PKK und der PAJK (Frauenfreiheitspartei Kurdistans) zu führen. Die Tatsache, dass sich die Frauen in der PAJK separat von ihren männlichen Genossen organisierten, hat der Bewegung größere Möglichkeiten bei der Organisierung der Gesellschaft eröffnet. Die PAJK erklärte sich für die Bildung ihrer Mitglieder verantwortlich und legte dabei großen Wert auf das Thema der Geschlechterfrage (Flach, 2007, S.?53). Auf die sozialen Aktivitäten der PKK hatten die Frauen erheblichen Einfluss, wodurch die Unterstützung der Bewegung in der Gesellschaft deutlich zunahm.
Ähnliche Organisierungen sind auch in den anderen Teilen Kurdistans zu verzeichnen. So spielen die Frauen im Widerstand der KurdInnen in Syrien aktuell eine zentrale Rolle. Es steht außer Frage, dass die Arbeit der Frauen in der PKK einen wesentlichen Beitrag zum Wachsen der Bewegung geleistet hat. Während sich anfangs nur kleinere Gruppen von Frauen der Bewegung anschlossen, werden heute Frauen zu Bürgermeisterinnen und Abgeordneten gewählt. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass die Arbeit der Frauen leichter geworden ist. So müssen sie weiterhin auch in der Bewegung gegen die Ansichten einiger männlicher Genossen in der Geschlechterfrage ankämpfen.
Mit den 90er Jahren bildete sich unter den KurdInnen ein sowohl politisches als auch historisches kurdisches Bewusstsein. Die Frauen spielten eine bestimmende Rolle dabei, dass die KurdInnen zu jener Zeit auf die Straßen gingen und nicht mehr bereit waren, ihre Assimilierung zu akzeptieren. Mit dieser Phase der Bewusstseinsbildung schritt auch die Organisierung der Bevölkerung und insbesondere der Frauen voran.
Eine Besonderheit der kurdischen Nationalbewegung ist, dass sie für die Anerkennung ihrer kollektiven politischen Rechte und für die Demokratie kämpft. Innerhalb dieses Kampfes haben die kurdischen Frauen in den letzten dreißig Jahren große Fortschritte in ihrer politischen Partizipation gemacht. Die zunehmende Mitwirkung von Frauen in politischen Parteien wie der BDP (Partei für Frieden und Demokratie) oder in politischen, kulturellen und sozialen Vereinen in der Diaspora sind Ausdruck dieses steigenden Selbstbewusstseins. Mojab (2000, S.?93) zufolge wurden die Frauen aus ihren Häusern herausgeholt und in das öffentliche Leben gezerrt. Während dieses Prozesses organisieren sie sich bis in die Basis hinein, gründen ihre eigenen Gruppen und Vereine, veröffentlichen ihre eigenen Zeitschriften und betreiben für Frauen und Männer Aufklärungsarbeit in der Geschlechterfrage. Laut Perry (2005) sind Frauen, sofern sie Teil einer unterdrückten Gesellschaft sind, eher bereit, für ihre Rechte zu kämpfen. Eine Form dieses Kampfes ist die Teilnahme an kollektiven politischen Veranstaltungen und Organisationen. Und durch diese Partizipation verschwimmt die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Leben.
Die kurdischen Frauen – vor allem die Frauen in der Guerilla – sind sich bewusst, dass der Kampf für demokratische Rechte, Frauenrechte mit eingeschlossen, kein einfacher Kampf ist. Hierfür muss nämlich ein auf Solidarität und Vertrauen basierender kollektiver Widerstand geleistet werden. Und um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es vor allem der Bildungsarbeit bei den Frauen. Die PKK hat sich stets als eine Bewegung begriffen, die großen Wert auf Bildung legt. Dieser Faktor zeichnet auch für die Entwicklung und den Wandel der Bewegung verantwortlich. Auch in der PAJK haben über Jahre hinweg Tausende von Frauen diese Bildung genossen. Und die Frauen waren während der Schulungen nicht bloß passive Bildungsempfängerinnen. Sie haben sowohl sich selbst gebildet als auch dazu beigetragen, dass andere Frauen gebildet werden. Der Ort der Bildungsstätte spielt dabei keine besondere Rolle. Die Bildung kann genauso gut an konventionellen Bildungsstätten erfolgen wie auch in den Bergen, in einem kommunalen Wohnprojekt, in den Räumlichkeiten einer Partei oder auch im Gefängnis. Im Jahr 2000 lernte ich eine ältere Frau kennen, die eine solche Bildungsveranstaltung in einem kommunalen Wohnprojekt besucht hatte. Sie konnte weder lesen noch schreiben. In einer kurzen Diskussion sagte sie mir: „Dies hier ist meine Schule, jede/r KurdIn ist mein/e KlassenkameradIn und Öcalan ist mein Lehrer.“ Ich habe diese Worte nie vergessen. Bildungsstätten können überall sein und wir können überall lernen. Am besten lehrt dich, wer dich motivieren kann zu lernen und sich um dich kümmert. Für diese alte Frau war ihr politischer Repräsentant der beste Lehrer.
Um die Demokratie und demokratische Rechte zu entwi¬ckeln, bedarf es der Bildungsarbeit. Alle, die dies akzeptieren, sollten deshalb sowohl zu Lehrenden als auch zu Lernenden werden. Wer laut Paulo Freire (1990) ein bewusster Mensch sein will, muss hinterfragen, lernen und zu einem aktiven Subjekt werden. Durch das Lernen schaffen wir zugleich auch einen neuen Blick¬winkel auf uns, unsere Geschichte, unsere Bildung und unsere Gesellschaft. Meiner Meinung nach ist die kurdische Bewegung im 21. Jahrhundert diejenige Akteurin, die das am besten begriffen hat und zu einer befreienden Bildungsstätte für einen demokratischen Wandel geworden ist.
Historisch betrachtet waren Frauenbewegungen für Frauen, die in den gesellschaftlichen Hintergrund verbannt worden waren, stets auch eine befreiende, würdevolle und demokratische Bildungsstätte. Diese Bewegungen haben allen Frauen – von den Analphabetinnen bis zu den Akademikerinnen – Gelegenheit zu den gleichen Bildungsmöglichkeiten geboten. Der Widerstand der Kurdinnen in Südwestkurdistan (Syrien) ist dafür ein gelungenes Beispiel. Seit Beginn des Aufstands sind die Frauen damit beschäftigt, in Städten und Dörfern Frauenräte aufzubauen, in denen der Wille der Frauen umgesetzt werden soll. Es sind unterschiedlichste Frauenzentren gegründet worden, um den verschiedenen Bedürfnissen der Frauen gerecht zu werden. Mit der Gründung kurdischsprachiger Schulen sind neue Arbeitsfelder für Frauen geschaffen worden. Es sieht also so aus, dass die kurdischen Frauen die Vorreiterinnenrolle für eine hoffnungsvolle Zukunft übernommen haben.
Quellen:
Alinia, M.; Spaces of Diasporas: Kurdish Identities, Experiences of Otherness and Politics of Belonging; Dissertation, Department of Sociology, University of Göteborg; Intellecta Dokusys, Schweden 2004.
Flach, A.; Frauen in der kurdischen Guerilla. Motivation, Identität und Geschlechterverhältnis in der Frauenarmee der PKK.; Papyrossa Verlag, Köln 2007.
Freire, P.; Pedagogy of the Oppressed; Penguin, London 1972.
McDowell, D.; A Modern History of the Kurds (2nd ed.); Taurus & Co. Ltd., New York 2000.
Mojab, S.; Vengeance and Violence: Kurdish Women Recount the War; Canadian Women’s Studies 19 (4): 89–94; 2000.
Perry, L. B.; Education for Democracy: Some Basic Definitions, Concepts and Clarifications; in: J. Zajda (Hg.); International Handbook on Globalisation, Education and Policy Research, Part 2, S. 685–692; Springer, Dordrecht, The Netherlands 2005.
Westrheim, K.; Education in a Political Context. A study of knowledge processes and learning sites in the PKK; Dissertation for the degree Philosophiae Doctor (PhD), Faculty of Psychology, University of Bergen, Norway 2009.
Wolf, J.; Aspekte des Geschlechterverhältnisses in der Guerilla der PKK/KADEK unter besonderer Berücksichtigung des Ehrbegriffs; in: S.? Hajo, C.?Borck, E. Savelsberg & ?. Dogan (Hrsg.); Gender in Kurdistan und der Diaspora. Beiträge zur Kurdologie, Bd. 6, 1. Auflage; UNRAST Verlag, Münster 2004, S. 183–217.

Übersetzung aus: PolitikART 12.08.2012

Quelle: Kurdistan Report Nr. 163 September/Oktober 2012