Bese Hozat

Bese Hozat: Die PKK ist eine Partei der Frauen

Bese Hozat, Kovorsitzende des Exekutivrats der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK), im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Firat (ANF)

Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Firat (ANF) bewertet die Kovorsitzende des KCK-Exekutivrates Bese Hozat anlässlich des 35. Jahrestages der Gründung der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) den Kampf um die Freiheit der Frau in den Reihen der PKK. Im Folgenden geben wir eine gekürzte Fassung des Interviews wieder:

Wenn von der PKK die Rede ist, dann ist eines der ersten Themen, die einem in den Sinn kommt, die Rolle der Frauen innerhalb der Partei. Der inhaftierte PKK-Vorsitzende Abdullah Öcalan sprach einmal davon, dass die PKK eine Partei der Frau ist. Kannst du das Thema für uns ein wenig erläutern?

Im Freiheitsverständnis unseres Vorsitzenden nimmt die Freiheit der Frau eine zentrale Stellung ein. Für ihn definiert sich die Freiheit durch die Überwindung des gesellschaftlichen Sexismus und die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Die Ideologie der PKK gründet sich auf genau dieses Verständnis. Die PKK ist eine Partei, die sich auf Frauenfreiheitsideologie bezieht. Sie glaubt an keine Freiheit einer Gesellschaft, welche die Freiheit der Frau ausklammert. Deswegen ist der Kampf um die Befreiung der Frau von zentraler Bedeutung für die PKK. Aus dieser Sicht ist der 35-jährige Kampf der PKK auch als ein Kampf um die Freiheit der Frau zu begreifen.

Aufgrund der Haltung der PKK zur Geschlechterfrage haben sich von Anfang an Frauen dieser Partei angeschlossen. Mit der Zeit sind tausende Frauen in die Berge gegangen, haben dort wichtige militärische, politische und ideologische Aufgaben innerhalb der PKK übernommen. Bei dem gesellschaftlichen Wandel, der im Zuge des Freiheitskampfes eingetreten ist, haben die Frauen innerhalb der PKK eine federführende Rolle eingenommen.

Militärische Selbstorganisierung der Frau ein Novum

Es gibt kein vergleichbares Beispiel für eine militärische Selbstorganisierung der Frau, wie sie in den Reihen der PKK stattgefunden hat. […] Die Militärs dieser Welt sind männlichen Charakters. Sie haben eine männliche Identität. Durch das Militär wird die männliche Herrschaft gestärkt, quasi institutionalisiert. Durch das Militär werden Herrschaft, Sexismus und Militarismus produziert und permanent reproduziert. Die Bewaffnung in den Reihen der PKK hat eine andere Realität und der wichtigste Grund dafür ist die militärische Selbstorganisierung der Frau. Allein diese Tatsache bricht mit der klassischen Realität des Militärs.

Mit ihrer Linie ist die PKK zu einer Partei der Frauen geworden. Wenn ich von „Frauen“ spreche, meine ich nicht, dass die PKK die Partei eines Geschlechtes ist. Sondern damit meine ich ihre freiheitliche, sozialistische und demokratische Linie. Die Tatsache, dass die Frauen im Freiheitskampf mit ihrem Willen stets an vorderster Front ihrer Verantwortung gerecht geworden sind, hat diese Linie der PKK gestärkt. Dieser Umstand macht die PKK zu einer Partei der Frauen. Je mehr es den Frauen in der PKK gelungen ist sich zu befreien, desto stärker konnten sie den allgegenwärtigen Herrschaftsanspruch der Männer zurückdrängen. Dadurch ist es denn Frauen letztlich auch gelungen, einen Wandlungsprozess bei den Männern zu initiieren. […]

Anfang dieses Jahres wurde die PKK-Mitbegründerin Sakine Cansız gemeinsam mit zwei weiteren Genossinnen in Paris ermordet. Welche Bedeutung hat Sakine Cansız für die PKK und den Frauenfreiheitskampf?

Genossin Sakine ist sowohl Gründungsmitglied der PKK als auch unseres Frauenfreiheitskampfes. Seit der Gründung der PKK hat sie keine Mühen gescheut, um einen Beitrag für die Aufklärung, die Bildung und Organisierung der Frauen zu leisten. Mit ihrer rebellischen Natur gegen die Herrschenden hat sie unzähligen Frauen Kraft und Mut gegeben. […]

Die Kugeln, die am 9. Januar auf unsere drei Genossinnen abgefeuert wurden, waren Kugeln, die auf den Freiheitskampf der Frau abgefeuert worden sind. Mit diesem Massaker wollte man den freien Willen der Frau brechen. Verantwortlich für dieses Massaker ist die NATO in Kooperation mit der grünen Gladio in der Türkei. Die Ziele dieses Massakers sind eindeutig: Sie sollten den Willen der kurdischen Frau und des kurdischen Volks brechen. Sie wollten die widerständigen Potentiale wieder ins System integrieren. Sie wollten einen Krieg zwischen den Völkern ausbrechen lassen und, falls es die Hoffnung auf eine Lösung gibt, diese im Keim ersticken. Für uns ist dieses Massaker die Fortführung des internationalen Komplotts von 1998, welches zur Entführung unseres Vorsitzenden geführt hat. Dass neben der türkischen Gladio auch die USA, Deutschland und Frankreich die Finger in diesem Massaker haben, ist offensichtlich. Dass Frankreich trotz dutzender Beweise das Komplott nicht aufklärt und die Einzelheiten mit der Öffentlichkeit teilt, ist ein Eingeständnis ihrer Mittäterschaft. Dieselbe Schuld trägt auch Deutschland, es ist auch mitverantwortlich für dieses Massaker.

Die KurdInnen werden bis zur Aufklärung dieses grausamen Massakers nicht ruhen. Es ist klar, dass hierfür ein starker gesellschaftlicher Widerstand nötig ist. Ansonsten wird Frankreich nicht gewillt sein, dieses Komplott aufzuklären. Dieses Massaker betrifft auch die Bevölkerung in Europa. Auch ihre demokratischen Werte wurden mit diesem Massaker angegriffen. Aus dieser Sicht ist es auch wichtig, dass die Bevölkerung in Europa hierzu nicht schweigt. […]

Vor nicht allzu langer Zeit hat der Kongress des Hohen Frauenrates (KJB) stattgefunden. Welche Haltung für den Frauenfreiheitskampf hat sich bei diesem Kongress herauskristallisiert?

Beim sechsten Frauenfreiheits-Kongress haben wir tiefgreifend und vielschichtig über die Situation der Frauen diskutiert. Wir haben unter anderem über den Einfluss und die Rolle der Frau bei der Entwicklung der demokratischen Politik diskutiert. Eines unserer Ergebnisse war, dass die demokratische Politik vor allem durch die Ideen und Vorstellungen der Frauenbewegung entwickelt werden kann. Der Grund hierfür ist, dass die Natur der Frauen stärker kommunal, gesellschaftlich und demokratisch geprägt ist als die des Mannes. Wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass die Politik auf jeden Fall von der herrschenden Mentalität und dem Verständnis des Mannes befreit werden muss. Ohne eine demokratische Politik und ein demokratisches Gesellschaftssystem zu entwickeln, können weder die Frau noch die Gesellschaft befreit werden.

Wir haben uns bei unserem Kongress zum Ziel gesetzt, den Aufbau der Demokratischen Autonomie voranzutreiben. Denn ohne dieses System zu etablieren, sind die Werte der Frauenbewegung einer permanenten Gefahr ausgesetzt. Die Demokratische Autonomie stellt insofern auch ein Selbstverteidigungsmechanismus für die Werte der Frauenbewegung, für die Werte einer demokratischen Gesellschaft dar. […]

Ein weiteres wichtiges Thema war die Bildung der Frau. Die Bildung nimmt eine zentrale Rolle bei der Befreiung der Frau ein. Ohne die Entwicklung eines Bewusstseins durch Bildung kann der Wille der Frau nicht zur Geltung kommen. Und ohne, dass der Wille der Frau zur Geltung kommt, kann die Frau sich nicht befreien. Aus diesem Grund haben wir den Beschluss gefasst, die Frauenbildungsakademien weiterzuentwickeln sowie jedes Haus und jede Wohnung in eine Bildungseinrichtung zu verwandeln.

Ein wichtiger Faktor, der die Frau abhängig von der Herrschaft des Mannes macht, ist ihre fehlende wirtschaftliche Unabhängigkeit. Eine der zentralen Übereinkünfte unseres Kongresses war, dass die Frau sich nicht befreien kann, solange sie wirtschaftlich vom Mann und vom System abhängig ist. Wir haben lange über die wirtschaftlichen Kommunen und Kooperativen als Mittel für die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau diskutiert und hierzu wichtige Beschlüsse gefasst.

Zudem haben wir über gemeinsame Organisierungsperspektiven und Widerstandspotentiale von Frauen weltweit diskutiert. Die Erfahrungen der Widerstand leistenden Frauen aus unserer Region und aus der ganzen Welt miteinander zu teilen, könnte riesige Synergieeffekte für alle mit sich bringen. Wenn Frauenbewegungen aus der ganzen Welt zusammenkommen könnten und Kampflinien des gemeinsamen Widerstandes entwickeln könnten, würde das der globalen Demokratiebewegung großen Auftrieb geben. Mehr noch, die Frauen wären die wichtigste Dynamik der weltweiten Demokratiebewegung. Die Aufgabe, die Frauen weltweit zusammenzubringen, ist als wichtige Perspektive aus unserem Kongress hervorgegangen.

All diese Punkte und viele weitere Fragen gehörten zu den wichtigen Diskussions- und Beschlussthemen unseres Kongresses. Wir glauben daran, dass die Diskussionsergebnisse einen wichtigen Schritt für einen bedeutenden Vorstoß der Frauenbewegung darstellen werden. …

ANF, 26.11.2013, ISKU
ISKU | Informationsstelle Kurdistan