Die „Botschaft“ des alten „zweiten Mannes“ zu einem „neuen“ Attentat

Veysi SarisözenVeysi Sarisözen, Journalist, 21.01.2013

Der AKPler Mehmet Ali Sahin gab zuletzt in Bezug auf das Massaker in Paris von sich, dass solche Morde auch in Deutschland passieren werden.
Dieser jemand, der diese Worte von sich gegeben hat, ist nicht irgendein „Freund“ der AKP oder ein Journalist, der in Boulevardblättern für Desorientierung sorgt, sondern es handelt sich um jemanden, der Justizminister und Parlamentspräsident gewesen war – also jemand, der in der Türkei an zweiter Stelle saß …

Nachdem wir die Identität des Redners geklärt haben, geben wir nun die Rede Sahins wieder: „Wir als Land sagen den Ländern der EU, Frankreich, Deutschland immer wieder. Ihr macht es falsch, dass ihr diese Terrororganisation PKK und ihre Mitglieder schützt und für sie eintretet. Wir haben gesagt, dass diese Organisation euch eines Tages Kopfzerbrechen bereiten wird und sie haben damit angefangen. Wir haben gesagt, dass ‚ihr sie hegt und pflegt‘, aber ihr habt es nicht ernst genommen. Wie oft wurden Schriftstücke erstellt zu ihrer Auslieferung nach internationalen Regeln in die Türkei. Auf keine einzige ging eine Antwort ein, nicht einer wurde ausgeliefert. Aber nun erkennen sie langsam auch, was auf sie zugekommen ist. Ich befürchte, dass in den nächsten Tagen auch Deutschland auf Vorfälle dieser Art stoßen wird.“

War Deutschland überrascht?
Mit großer Wahrscheinlichkeit ist gerade jetzt der Bundesnachrichtendienst (BND) damit beschäftigt, die Worte dieses türkischen Vertreters zu analysieren. Der Chef des BND könnte sich auch fragen, „dass ich es nie erwartet hätte, dass ich so eine ‚Information‘ über politische Morde in Deutschland über die Medien und aus dem Mund eines Vertreters, der seinerzeit zweiter Mann in der Türkei war, erhalten würde“. Der westliche Kopf weiß sich bei solchen verantwortungslosen Ankündigungen nicht zu helfen.
Würdet ihr nach dem Pariser Massaker solch eine Erklärung eines türkischen Vertreters nicht wie folgt lesen? „Nehmt die PKKler fest, ansonsten finden wir irgendeinen Weg, einen von einem ‚Bettler‘, den anderen durch einen ‚Psychopath‘ oder einen weiteren durch einen ‚Spitzel‘, den wir vor Jahren in die PKK eingeschleust haben, töten zu lassen“.
Es wird erkennbar, dass der türkische Staat mit seiner „Integrationsstrategie“ gegen die kurdische Befreiungsbewegung in Europa mit solcher Art „Erklärungen“ die europäischen Staaten in die Umsetzung seines „Liquidationplanes“ einbezogen hat. Sahin mag gesagt haben: „Verhaftet entweder kurdische Politiker und übergebt sie uns oder gebt euch mit Morden wie in Paris ab …“

„Altun und Cansiz verhaften lassen“
In den letzten Tagen wurde sowohl in Nuçe TV, als auch in Sterk TV die eigentliche Quelle dieser Integrationsstrategie des „Verhaftenlassens“ der Öffentlichkeit angekündigt. Und nun wollen wir diese eigentliche Quelle, die Mehmet Ali Sahin „reden lassen hat“, aus nächster Nähe kennen lernen:
„Aus den der Öffentlichkeit bekannt gewordenen Wikileaks- Dokumenten war zu erkennen, dass die USA ihr Hauptaugenmerk auf Sakine Cansiz hatte. In dem Skript, welches am 7. Dezember 2007 vom damaligen amerikanischen Botschafter in Ankara, Ross Wilson, an das Außenministerium und an die Botschaft in Bagdad gesendet worden war, standen folgende Worte: ‚Vorrangig ist, dass wir den Geldfluss der PKK, dass in den Nordirak fließt, feststellen und zum Erliegen bringen müssen. Und dazu braucht es eine Erweiterung der Flughafenkontrollen durch die amerikanischen, irakischen und europäischen Verantwortlichen, also eine gemeinsame Zusammenarbeit hinsichtlich des Schmuggelgeldes in den Nordirak und des Geldflusses zwischen nordirakischen Organisationen und der PKK. Zweitens werden wir die Türken dazu antreiben, den Geldfluss intensiver festzustellen und zu stoppen. Das Amt zur Bekämpfung von Finanzdelikten (MASAK) ist die einzige Institution der türkischen Regierung, die Geldwäsche und Terrorismusfinanzierungen untersucht. Um noch ergebnisreichere Untersuchungen und erfolgreichere Verurteilungen zu erzielen, müssen Finanzfahnder, Staatsanwälte und Richter noch effektiver arbeiten. Und als drittes müssen wir uns noch intensiver der Arbeit mit den Europäern zuwenden. Wir müssen nun effektiver auf die Feststellung unserer beiden Hauptziele, Riza Altun und Sakine Cansiz, arbeiten. Wir können den europäischen Rechtsvollstreckern und den Ansprechpartnern unseres Nachrichtendienstes, umfangreiche Akten vorlegen und dabei helfen, diese beiden Terroristen einzusperren.“
Es ist erkennbar, dass die Pariser „Operation“ vor sechs Jahren begonnen hat. Und die Erfahrung zeigt, dass solche Operationen die Arbeit eines „Auftragskillers“ ist. Beispielsweise haben die Geheimdienste zum Sturz des polnischen Regimes ein Attentat auf den polnischen Papst vorbereitet und den „Auftragskiller“ sehr gründlich ausgesucht gehabt. Wie bekannt, hat Mehmet Ali Agca, nachdem er Abdi Ipekçi erschossen hat, gesagt: „Ich werde den Papst erschießen“ und es reichte den Vorbereitern der „Provokationen“ mit diesem Attentat auf den Papst aus, Agca Schritt für Schritt zum „Attentäter“ zu machen. Es bedeutet also, dass diese seit sechs Jahren vorbereitete Operationen blutig endete. Agca hatte bei der großen Polensache keine Wichtigkeit. Und es wird gleich verständlich sein, dass auch der „Auftragskiller“ dieses Massakers keine Wichtigkeit hat.
Aber der Wert der Aussage Sahins und davor Çeliks und der Wikileaks-Dokumente sind im Vergleich zu den Auftragskillern von weitaus höherer Wichtigkeit.

Warum untersucht die Türkei nicht?
Wir wollen eine Tatsache erwähnen, die der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit entgangen ist: Der türkische Staat hat bei den Pariser Morden keinerlei Untersuchungen eingeleitet. Dies ist nicht natürlich. Denn wenn ein solcher Mord geschehen ist, wenn sich dabei der Verdacht auf die türkische Ergenekon kundtut, muss die Justiz dies beachten und selbstständig eine Untersuchung einleiten, und, um die Täter der Morde zu finden, mit ihren Ermittlungen unterstützend helfen. Das Gericht, wo die Morde passiert sind, ist zuständig. Aber wenn die Ermordeten Staatsbürger der türkischen Republik sind, dann muss der türkische Staat wegen dieses Angriffs eine Untersuchung einleiten.
Zudem haben wir die Worte des Ministerpräsidenten Erdogan, der „Tiefe Staat“ sei immer noch „aktiv“ nicht vergessen. Als er erklärte, er würde in seinem Haus und im Büro abgehört, hat er selbst gesagt, dass „der Tiefe Staat“ nicht aufgelöst worden sei. Da der türkische Staat nicht untersucht, ob diese auf der Liste der „Verdächtigen“ stehenden Kräfte eine Rolle bei den Pariser Morden spielen, steht der türkische Staat selbst und „wer immer die Waffe gezogen hat“, auf den ersten Plätzen der Liste der „Verdächtigen“.

Türkei und „Solidarität mit der NATO“?
Die kurdische Öffentlichkeit ist zurzeit sehr misstrauisch und besorgt. Der Grund für Misstrauen und Besorgnis ist, dass während der Untersuchung des Pariser Massakers Zeichen erkennbar wurden, die auf große Staats-„Vorteile“ hinwiesen.
Es sieht so aus, dass der Staat seinen „Tiefen Staat“ nicht aufgelöst hat. Es ist der Tiefe Staat aufgelöst worden, der „gegen den Kommunismus und die UDSSR organisiert“ war. Es ist unzweifelhaft, dass diese aufgelösten „Tiefen Staaten“ oder die Gladio unter anderen Zwecken und unter anderen ideologischen Motiven „von neuem ausgebildet“ und aktiviert werden.
Die Nazi-Gestapo, der militärische Geheimdienst unter Canaris haben sich nicht mit dem Ende des zweiten Weltkriegs aufgelöst. Sie wurden genommen, in Amerika neu ausgebildet und „vom Nationalsozialismus gereinigt“ mit einer neuen Ideologie erneut aktiviert. Denn der bekannte General, Reinhard Gehlen, wurde nach der Ausbildung in den USA an die Spitze des Geheimdienstes gesetzt. Die Gestapo wurde also „aufgelöst“ und dann neu zusammengesetzt.
Die Situation ist jetzt dieselbe, es ist zweifellos, dass der französische „Tiefe Staat“, der seinerzeit während des „Kalten Kriegs“ seine „Mission“ erfüllt hat, „aufgelöst“ wurde und nun mit einer neuen „Mission“ gegründet wurde, bei den Untersuchungen der Pariser Morde gegenwärtig ist.
Manche glauben daran, dass der türkische „Tiefe Staat“ aufgelöst worden ist. Diese muss man fragen: Wie viele Personen werden bei den Ergenekon-Verfahren vor ein Gericht gestellt? Und wie viele Menschen waren in der „STK“ [Seferberlik Tetkik Kurumu, gegründet 1952, stand dem Militär unter und war für viele Kontra-Aktionen bekannt] organisiert, wie viele von den „vergrabenen Waffenlagern“ wurden entdeckt? Wer sich diese Fragen stellt, der wird – wie bei der Verurteilung der GESTAPO-Chefs in Nürnberg – sehr leicht verstehen, dass außer den verurteilten Mitgliedern des „Tiefen Staats“ sich die anderen nicht einfach „in Luft aufgelöst“ haben.
Warum sprechen wir über dies alles? Aus diesem Grund: Erstens sind die „Tiefen Staaten“ der NATO-Länder mit verschiedenen „Missionen“ an der Arbeit. Zweitens ist es egal, wie die Beziehungen zwischen den Staaten sind, unumstößlich sind die Beziehungen zwischen den „Tiefen Staaten“ der NATO.
Und nun kommen in den Medien „schmutzige Informationen“, und das führt in der kurdischen Öffentlichkeit zur Beunruhigung. Die Kurden stellen immer mehr Fragen über die Art der Zusammenarbeit der „Tiefen Staaten“ Frankreichs und der Türkei.
Die durch die Nachrichten verbreiteten „schmutzigen Informationen“ schaffen die Befürchtung innerhalb der kurdischen Öffentlichkeit, dass diese „Tiefen” Staaten, welche die Kompetenzen besitzen, um aus einem Eisenofen einen Jet-Motor zu bauen, aus einem „Kurden“ – wenn dem so sein sollte – einen auffallenden „Pariser Mörder“ zu schaffen.

„Schlafende Hunde“ wecken
Die Aussage von Mehmet Ali Sahin, der auf „dem zweithöchsten Posten“ der Türkei gesessen hat, „Das ähnliche Morde wie in Paris auch in Deutschland passieren können“ bekommt mit dem Wikileaks-Dokument eine ganz andere Bedeutung.
Wie bekannt ist, wurde der im Dokument genannte Riza Altun in Frankreich festgenommen, aber nicht an die Türkei ausgeliefert. Altun ist daraufhin aus Frankreich ausgereist. Hat dieser Vorfall Frankreich, die Türkei oder die im Dokument genannten USA geärgert, oder haben andere aus diesem Durcheinander ihren Vorteil gesucht. Das wissen wir bisher noch nicht. Aber es ist klar, dass diejenigen, die Altun nicht beiseite schaffen konnten, Sakine Cansiz „beiseite geschafft“ haben.
Und wenn morgen in Deutschland ein von Sahin angekündigter Anschlag passiert, dann wisst, dass dies auch ein Anschlag auf den Frieden zwischen den eingewanderten Völkern in Europa und ihre „Gastgeberländer“ ist.
Kein europäisches Land möchte den Aufstand von Millionen kurdischer Migranten nach solchen Attentaten. Frankreich hat selbst in den vergangenen Jahren den Aufstand der Algerier gesehen und weiß, was Wut der Einwanderer und der „Anderen“ bedeutet. Es ist offensichtlich, dass Europa, das sich mit wirtschaftlichen Sorgen plagt, solches nicht will.
Und ein noch gefährlicherer Punkt ist der, dass in den europäischen Staaten Kurden und Türken nebeneinander leben. Wie zuletzt in Holland zu sehen war und mehrfach in Deutschland, Belgien oder Frankreich erlebt wurde, ist der türkische Rassismus noch gefährlicher als in der Türkei. Die Europäer müssen Voraussicht walten lassen, damit einige einen türkisch-kurdischen Krieg in ihren Häusern nicht mit solchen Attentaten provozieren. Sie müssen erkennen, dass die Kurden trotz ihres erlittenen Unrechts in den europäischen Staaten – obwohl sie ein großes Kampfpotential tragen – eine der friedvollsten „Minderheiten“ sind.
Nicht die Kurden und ihre Organisationen bedrohen die Stabilität Europas, sondern die „Tiefen Staaten“ der Länder, die im Herzen Europas die Vertreter des kurdischen Volks „verhaften lassen“ und wenn das nicht klappt, „töten lassen“. Die Länder der EU sind für das eingewanderte kurdische Volk eine „zweite Heimat“ und sie haben kein anders Ziel, als mit den Türken in der „gemeinsamen Heimat“ in Frieden und Gleichheit zu leben, und sie sind eine Kraft des Friedens und der Stabilität für die Länder der EU. Sie arbeiten für ihr Brot, vereinigen sich mit der deutschen Gesellschaft unter Wahrung ihrer Identität, sind in allen Institutionen der deutschen Gesellschaft als „deutsche Staatsbürger“ und haben im Parlament Vertreter ihrer Wähler.
Die europäische Justiz muss dafür arbeiten, dass die „Tiefen Staaten“ ihre Hand von der Untersuchung der Pariser Morde wegziehen, und Deutschland muss aufmerksam über die „Information“ von Mehmet Ali Sahin nachdenken.

Quelle: ANF, 21.01.2013, ISKU