rojava efrin

Die Frauen sind der Garant für den Erfolg der Revolution

rojava efrinUnsere jahrtausendealten Träume sind auf dem Weg, Wirklichkeit zu werden
Interview mit Silan Rojinda

Seit der Ausrufung der Demokratischen Autonomie im Jahre 2010 wurden auch in Südwestkurdistan entsprechende Arbeiten geleistet. Teil davon ist der Aufbau von Rätestrukturen, Selbstverteidigungskräften in der Gesellschaft und einem umfassenden Bildungssystem.
Silan Rojinda ist seit fast 20 Jahren in der kurdischen Frauenbewegung aktiv und arbeitet zurzeit in Südkurdistan. Sie kehrte vor kurzem von einem dreimonatigem Aufenthalt in Südwestkurdistan zurück. Ziel ihrer Reise war es, die aktuellen Entwicklungen zu beobachten und den dortigen Kampf zu unterstützen. Sie berichtet von der Rolle der Frauen in dieser Revolution, den Schwerpunkten der Arbeiten und vom Einfluss des Krieges innerhalb Syriens auf die Entwicklungen in den kurdischen Gebieten.

Mit welchen Eindrücken bist Du aus Südwestkurdistan zurückgekehrt?

Zunächst einmal möchte ich die LeserInnen dieses Artikels grüßen. Zurzeit erlebt unser Land geschichtsträchtige Tage. Der Ort, an dem die Entwicklungen am intensivsten voranschreiten, ist Syrien. Dort sind unsere jahrtausende alten Träume auf dem Weg, Wirklichkeit zu werden. Das kurdische Volk, das seit tausenden Jahren Opfer eines staatlichen, machtvollen und sexistischen Systems war, baut jetzt und heute mit eigener Kraft, Freude, Aufregung und Liebe ein eigenes System auf. Die Entwicklungen in Syrien zeigen, dass es möglich ist, ohne Staat zu leben. Das zeigt sich hier sehr deutlich. Einer organisierten, sich der eigenen Kraft bewussten Bevölkerung steht nichts im Wege, sich selbst zu entwickeln. Die schönste und gerechteste Ordnung ist die, die mit eigener Kraft, aus eigenem Willen geschaffen wird. Das ist auch die Seite, die mich am meisten an Syrien interessiert. Das aufgebaute System ist nicht für andere, sondern für uns selbst. Die Menschen hier machen sich die Entwicklungen zu eigen und wertschätzen sie. Es ist wichtig zu wissen, dass der Aufbau gewollt ist. Weil sie daran glauben, nehmen sie teil, um teilnehmen zu können, verteidigen sie. Alle Arbeiten der Revolution werden mit Herz und Seele gemacht. Stell dir vor, in deinem Land wäre es verboten, Bäume zu pflanzen, mehrstöckige Häuser zu bauen, selbst deine Muttersprache zu benutzen, und dann, das erste Mal, nach Zeiten voll Sklaverei, kannst du ohne Angst in deinem Land frei atmen. Ich möchte Euch um einen Augenblick Empathie bitten. Nachdem du diese furchtbaren Verbote durchlebt hast und dann eines Tages ohne Angst aufwachst, die Straßenschilder in deiner Muttersprache beschrieben sind, du dich auf dem Markt, auf der Straße, bei der Arbeit, in der Schule, im Krankenhaus in deiner Muttersprache ausdrücken kannst, hinterlässt dies in deinem Herzen und deiner Seele einzig das Gefühl des Glücks. Bis gestern waren wir nur zur Hälfte Menschen, uns wurde verweigert, unsere gesellschaftlichen, universellen Rechte, unsere grundlegendsten Menschenrechte frei zu nutzen. Unfreie Menschen, eine unfreie Gesellschaft sind nur zur Hälfte Menschen und Gesellschaft. Daher leben wir jetzt mit viel Freude unsere Befreiung von dieser Halbwertigkeit.

Welche Rolle spielen die Frauen in der Revolution in Syrien?

Wir wissen, dass in allen großen Revolutionen Frauen der Motor sind. Dies ist heute in Kurdistan deutlich zu sehen. Es lässt sich sagen, dass die Revolution in Kurdistan eine Revolution der Frauen ist. Denn die treibende Kraft aller revolutionären Arbeiten sind Frauen. Die kurdischen Frauen sagen, eine Revolution ohne Frauen kann keine Revolution sein. Sie sind in jedem Bereich die Trägerinnen der Fahnen der Revolution. Heute sind in Syrien Frauen bei der Verteidigung, bei Aktionen, bei der Organisierung, in der Diplomatie, in der Bildung, im Bereich Gesundheit an vorderster Front. Es gibt in Syrien keine Arbeiten, in den Frauen keinen Platz einnehmen. Daher ist die Revolution in Syrien vor allem Ergebnis der Arbeit und des Mutes von Frauen. Davon wurde ich Zeugin, ich konnte ihr Wirken in allen Bereichen vor Ort sehen. Mir kam dabei der Gedanke, dass eine Revolution, die durch diese bewussten und organisierten Arbeiten von den Frauen eines Volkes geführt wird, nur gewinnen kann. Dass Frauen Garant für den Erfolg einer Revolution sind, beweisen die Frauen in Syrien.

Welchen Einfluss hat der Bürgerkrieg in Syrien auf die kurdischen Gebiete?

Es ist wichtig, die verschiedenen Seiten und Gründe des jetzigen Bürgerkriegs in Syrien zu kennen. Genauso sehr wie die ökonomischen und politischen Interessen des globalen Systems tragen auch die Machtinteressen der regionalen antidemokratischen Herrscher zu einer Vertiefung der Krise bei. Dieser Krieg beeinflusst heute alles und jeden in der Region. Allein der vorausschauenden Politik der kurdischen Parteien in Westkurdistan ist es zu verdanken, dass der Krieg nicht völlig in den kurdischen Gebieten die Oberhand gewonnen hat. Auch wenn es auf lokaler Ebene einige bewaffnete Auseinandersetzungen gab, hat die kurdische Seite, weil sie an die politische Lösungsfähigkeit der gesellschaftlichen Probleme glaubt, konsequent auf einem unblutigen, gewaltlosen Verlauf der Revolution beharrt. Diese Herangehensweise der kurdischen Bewegung hat bei der Bevölkerung gewonnen. Ansonsten hätten sich in den kurdischen Gebieten, wie in den arabischen Städten, gewaltsame Kämpfe ausgebreitet.
Das Chaos in Syrien hat einen entscheidenden Einfluss auf die kurdischen Gebiete genommen. Aufgrund des Krieges können grundlegende Bedürfnisse nach Gas, Benzin und Elektrizität nicht gedeckt werden, was zu ernsthaften Problemen führt. Aufgrund von Armut, Arbeitslosigkeit und extremer Auswanderung können die Menschen hier nicht wirklich leben. Die Regierung, ihre Institutionen arbeiten nicht mehr, in den Krankenhäusern gibt es nur noch sehr wenig oder kein medizinisches Material. An einigen Orten gibt es kaum noch Babynahrung oder Medikamente. Diejenigen ohne Geld, Haus und Arbeit leben in einer massiven Krise. Den Preis des Krieges zahlen immer Kinder, Frauen, Alte und die Natur. Der Krieg hinterlässt immer eine Spur der Zerstörung und lässt die Menschen sehr starke Schmerzen durchleben. Und auch wenn durch die Anstrengungen der politischen Kräfte in Westkurdistan die Kriegsrealität nicht völlig in der Region Eingang gefunden hat, beeinflusst die politische und wirtschaftliche Instabilität im Land auch die westkurdische Region negativ.
Der türkische Staat, den die Errungenschaften unseres Volkes sehr beunruhigen, mischt sich auf eine schlaue und geheime Weise in dieser Region ein und versucht alles, um die militärischen Auseinandersetzungen zu verbreiten. Er versucht die kurdische Einheit zu brechen und kurdisch/arabische Auseinandersetzungen zu provozieren. Diese Politik der Türkei ist eine wesentliche Gefahr für Syrien. Die Feinde der KurdInnen sollen unser Volk politisch, militärisch und ökonomisch unter Druck setzen. Der Grund, weshalb die Türkei, die beständig, bei jeder Gelegenheit, auf die kurdischen Errungenschaften abzielt und die inneren Angelegenheiten Syriens so betrachtet, als handele es sich um ihre eigenen Angelegenheiten, liegt allein in ihrer kurdenfeindlichen Einstellung. Da die türkische Regierung die eigenen inneren Probleme nicht lösen kann, hat sie Angst vor der sich entwickelnden kurdischen Lösung in den angrenzenden Ländern. Dass die Türkei selbst davor nicht zurückscheut, ihre Staatskonten anzugreifen, um die Entwicklung der kurdischen Revolution zu behindern, zeigt, wie aufgeschreckt und kopflos sie aktuell handelt. Durch die von ihr organisierten Gruppierungen wird die Bevölkerung angegriffen; es werden darüber hinaus Organisationen aufgebaut und unsere Region mit Agenten infiltriert. Die Situation ist ernst. Große Schwierigkeiten entstehen durch die Angriffe der von außen organisierten Kräfte und unsere mangelnde Organisierung dagegen. Wenn wir diese Lücke schließen, werden Angriffe dieser Art ins Leere laufen. Dort, wo unsere Bevölkerung ausgebildet und organisiert ist, verlor in der Auseinandersetzung immer der Feind.

Welche Rolle spielen die zivilen Verteidigungskräfte in der Region?

In Syrien sind es nicht die Militärs oder die Polizei, die unser Volk schützen. Es sind die von der Bevölkerung entsprechend ihren Möglichkeiten aufgebauten zivilen Verteidigungskräfte, die unser Volk verteidigen. Die ausschließlich aus Freiwilligen gebildeten Volksverteidigungseinheiten (YPG) schützen die Grenzen, die Gesellschaft und reagieren auf Angriffe. Es sind keine Kräfte, die aufgebaut worden sind, um, wie die Besatzungsmächte, andere anzugreifen, sondern es geht um Verteidigung. Verteidigung ist das legitime Recht eines Volkes. Die Bevölkerung hat sich dieses Recht genommen. Wenn es hier keine eigenen Verteidigungskräfte aufgebaut hätte, wäre es nicht in der Lage, sich und seine geschaffen zu schützen. Es liefe Gefahr, bald Opfer schmutziger Politik zu werden. Es braucht das Wissen, Bewusstsein und den Willen, sich selbst verteidigen zu können. Die KurdInnen in Syrien haben in der jetzigen Situation diesen Willen in die Praxis umgesetzt.

Wie bewertest Du die momentanen Arbeiten im Bildungsbereich?

Die Geschwindigkeit der Revolution spiegelt sich zuallererst im Bereich Bildung wider. Permanent gibt es Volksbildungseinheiten und Bildung im Bereich Sprache und Verteidigung. Bildung erreicht dabei nicht nur einen Teil, sondern die gesamte Gesellschaft. Überall werden für alle, zum Beispiel für die Jugend, für Frauen, für Kinder von den gegründeten Räten Bildungseinheiten durchgeführt. In Syrien spielt jetzt jeder Verein ein Stück weit die Rolle einer Schule. In diesen Bildungseinrichtungen geht es vor allem um Selbstverteidigung, Politik, Demokratie, Ethik. Und auch das Lehren der kurdischen Sprache, zuvor durch den Staat verboten, hat seinen Anfang genommen. In der Gesundheitsbildung geht es um Themen wie erste Hilfe, Verhütungsmethoden, Mutterschaft und Kinder. Unsere Bevölkerung verteidigt sich und arbeitet parallel an dem Aufbau und der Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft. Hierbei können wir sagen, dass wir große Fortschritte gemacht haben.

Was wäre für Euch von Seiten internationaler linker Kräfte eine dringende Unterstützung?

Wir sind eine Nation, deren Sprache, Kultur, Geschichte verleugnet, deren Land geteilt und vielen Massakern ausgesetzt war. Unsere jetzigen Schwierigkeiten sind nicht auf heute begrenzt. Wir wurden durch die gesamte Geschichte hindurch unterdrückt, verleugnet, verarmt und zur Identitätslosigkeit gezwungen. Unter großen Schwierigkeiten, kämpfend, ­schreiben wir in diesen bedeutenden Tagen die Geschichte mit unseren eigenen Händen. Unser Wunsch ist es, menschliche Stimmen, die Stimmen bewusster internationaler Kräfte inmitten der Freude der Revolution zu hören. Heute wird allen InternationalistInnen, Kräften in der Gesundheit, Bildung, Politik, Diplomatie, SchriftstellerInnen und JournalistInnen eine wichtige Aufgabe zuteil. Unsere Bevölkerung hat in den Bereichen Ökonomie, Politik, Militär, Gesundheit, Bildung etc. umfassende Bedürfnisse und Probleme. Wir wünschen uns, dass wir diesbezüglich mit unseren Händen, Herzen und Köpfen zusammenkommen. Wir, die seit Jahren von allen Seiten unterdrückt werden, deren rechtmäßiger Widerstand als Terror stigmatisiert wird, sehen Eure große Aufgabe in der Schaffung und Ermutigung einer Öffentlichkeit in der gegenüber den Rechten der KurdInnen tauben und sprachlosen Welt. In diesem Sinne rufen wir alle, die die Möglichkeit dazu haben, dazu auf, unsere Bevölkerung, die trotz schwieriger Armutsbedingungen diese revolutionäre Phase vorantreibt, zu unterstützen. Wir würden uns über UnterstützerInnen im Bereich Gesundheit und Bildung freuen. Die Staaten haben uns ein Verbot auferlegt, unsere Arbeit selbst durchzuführen. Jetzt haben wir uns die Möglichkeit geschaffen, unsere Arbeit selbst in die Hand zu nehmen. Es würde uns unglaublich glücklich machen, Euch an Tagen wie diesen an der Seite unserer Bevölkerung hier zu sehen und zu hören, wie Eure Stimmen eins mit unseren Stimmen werden.

Kurdistan Report Nr. 165 Januar/Februar 2013