Die Krise am Golf: Bedeutet eine Niederlage Katars auch die Niederlage der Türkei?

Eine Analyse des Akademikers İlhan Uzgel zur jüngsten Krise in der arabischen Welt und der Rolle der Türkei, 31.06.2017

In den Köpfen der Öffentlichkeit gibt es einige vorurteilsbelastete Einstellungen zur arabischen Welt. Zum Einen dachte man, dass Länder wie Kuwait, Katar, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain alle über dieselben gesellschaftlichen und religiösen Wurzeln verfügen und deswegen auch dieselbe Außenpolitik verfolgen würden. Und zum Anderen dachte man, dass all diese Länder in ihrer Außenpolitik stringent auf dem vorgegebenen Kurs  der USA fahren würden. Die jüngste Krise am Golf hat deshalb für einige Verwirrung in den Köpfen der Menschen geführt.

Die Krise ist in einem wenig erwarteten Moment zu Tage getreten. Da hatten nämlich erst kürzlich nach dem Besuch von Trump in Saudi-Arabien 50 muslimische Länder einen gemeinsamen Block gegen den Iran errichtet und auch Katar war Teil dieses Blocks. Die Erwartung war deshalb eher, dass von nun an der Kurs gegen den Iran schrittweise verschärft werden würde. Doch plötzlich wendete sich gleich eine Reihe von Staaten aus diesem Block gegen den kleinen Wüstenstaat Katar.

Über die Gründe hierfür wurde viel spekuliert. Ich möchte an dieser Stelle einige dieser Spekulationen auflisten:

  • Der katarische Investitionsfonds habe 19,5% der Anteile des russischen Mineralunternehmens Rosneft erworben.
  • Katar hätte für ihre entführten Staatsbürger Lösegeld von bis zu 1 Mrd. Dollar an radikale Islamisten und den Iran gezahlt.
  • Russland hätte durch seine Häcker die Einheit auf dem Golf gestört (Die Krise begann, nachdem der katarische Emir angeblich auf einer Homepage, den Iran als wichtige islamische Kraft in der Region bezeichnet hat. Später hieß es, dass der Emir diese Aussage nicht getätigt habe und sie durch Hacker auf der Homepage platziert worden sei).
  • Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) hätten dem United States Central Command (CENTCOM) angeboten, ihren Stützpunkt in Katar in ihr Land überzusiedeln.
  • Die USA wollten Waffen an Katar verkaufen.
  • Katar habe die Muslimbrüder unterstützt.
  • Katar habe sich dem Iran und der Hisbollah angenähert.
  • Israel habe wegen dieser Annäherung die Katarkrise angefeuert.

Von den oben genannten Spekulationen wirkt aus meiner Sicht Folgendes am ehesten realitätsnah: Während sich die Dynamiken in der Region schnell wandeln, hat Kater zu sehr auf seinem bisherigen Kurs beharrt. Und während man in der Vergangenheit gegenüber begrenzten diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu dem Iran die Augen verschloss, wird in Zeiten der stufenweisen Eskalation des Anti-Iran-Kurses dies nicht mehr toleriert. Katar hat dies nun als erster Staat zu spüren bekommen.

Katar als ein Stachel am Golf

Katar hat weniger als 300.000 Staatsbürger, während bis zu 2,3 Mio. Einwohner des kleinen Staates trotz zum Teil langjähriger wohnhaft im Land keine Staatsbürgerschaft erhalten. Der Wüstenstaat verfügt über drei Besonderheiten: Erstens beherbergt Katar die weltweit drittgrößten Erdgasreserven. Zweitens befinden sich 11.000 US-Soldaten auf einer amerikanischen Militärstation des Landes. Drittens sind die Beziehungen von Katar zu den arabischen Staaten in der Region, insbesondere zu Saudi-Arabien, seit den 1990er Jahren belastet.

Ein zentrales Problem von Katar ist, dass es auf dem Landweg nur über einen einzigen Nachbarn verfügt, nämlich Saudi-Arabien. Dadurch lebt der Staat in einer ständigen Furch davor, vom großen Nachbar verschluckt zu werden oder zumindest in seine Abhängigkeit zu geraten. So gab es beispielsweise im Jahr 1992 im begrenzten Maße Grenzgefechte zwischen beiden Staaten. Nachdem 1995 Hamad bin Chalifa Al Thani seinen Vater durch einen Putsch vom katarischen Thron schubste, verfolgte das Land einen außenpolitischen Kurs, das sich von Saudi-Arabien loszulösen versuchte.  Als 2002 Oppositionelle aus Saudi-Arabien im Nachbarland Katar nicht nur Zuflucht fanden, sondern auch im Fernsehen ihre Meinungen kundtun durften, zog der große Nachbarstaat seinen Botschafter aus der katarischen Hauptstadt Doha ab und schickte für die nächsten fünf Jahre auch keinen Ersatz. Nach dem Irakkrieg von 1991 öffnete Katar seine Pforten für die zuvor in Saudi-Arabien stationierten US-Soldaten, was weniger uneigennützig war, als es sich eigentlich anhört. Denn dadurch wurde die eigene staatliche Sicherheit unter Garantie genommen. Seit der Machtübernahme von Tamim bin Hamad es-Sani 2013 gestaltete Katar seine Außenpolitik dann noch aktiver.

Durch die enormen Einkünfte aus dem Gasgeschäft ist es Katar gelungen, überall auf der Welt Investitionen in verschiedensten Bereichen zu tätigen und auf diese Weise auch den eigenen politischen Einfluss stetig zu vergrößern. Parallel dazu etablierte der Staat seine eigene Außenpolitik, die nicht unbedingt mit der Linie der übrigen Mitgliedsstaaten des Golfkooperationsrats (GCC) übereinstimmen musste. Stattdessen setzte Doha immer stärker auf einen Kurs, der ein Gegengewicht zur Außenpolitik Saudi-Arabiens darstellen sollte.

Der 2005 gegründete und mittlerweile 335 Mrd. Dollar verwaltende katarische Investitionsfonds (Qatar Investment Authority) hat seine Anlagen auf zahlreiche Unternehmen in Ländern wie den USA, Großbritannien, China oder Deutschland gestreut. Man setzt auf Diversifizierung und so reichen die Investitionen von der Automobilindustrie, über Gaslieferanten und dem Bankwesen bis hin zur Filmindustrie.

Zudem ist es Katar gelungen, inmitten ihrer Hauptstadt Doha das Projekt „Education City” hochzuziehen und zahlreiche US-Universitäten wie Georgetown, Carnegie Mellon, Northwestern dazu zu bewegen, eigene Fakultäten im Wüstenstadt zu errichten. Auch renommierte Think-Tanks aus den USA wie Rand oder Brookings haben Zweigstellen in Doha errichtet. Und mit Fernsehsender Al-Jazeera ist es den Herrschern in Katar gelungen, ihren Einfluss auf die gesamte arabische Welt zu streuen.

Qatar Airways und die Qatar National Bank sind zwei weitere Aushängeschilder des katarischen Ehrgeizes. Hinzu kommt die Aufpolierung des Images durch die Sponsoring-Engagements der Katar Foundation. Um Gastgeber bei der Fußballweltmeisterschaft 2022 sein zu können, um der Welt den eigenen Glanz zu vermitteln, hat sich der Wüstenstaat gar in Korruptionsskandale verwickelt.

Das Überstrapazieren der eigenen Möglichkeiten

Hätte es Katar bei diesen „sanften” politischen Einflussmaßnahmen belassen, wäre es wohl um die Situation des Landes heute besser bestellt. Doch seit 2013 hat Katar zudem angefangen im Mittleren Osten entgegen des Mainstreams einen eigenen Kurs zu fahren. Vor allem in ihrer Bündnispolitik und in ihren Feindseligkeiten zu anderen Akteuren hat Katar sich in eine Situation manövriert, mit welcher sie in dem ohnehin schon sehr wirren Machtgefilde des Mittleren Ostens für ein noch größeres Durcheinander gesorgt hat. Hätte sich Katar mit seiner Rolle als „ehrlicher Makler”, mit welcher es ihm tatsächlich auch gut gelungen ist in Konflikten wie im Libanon, im Jemen oder im Sudan als Vermittler aufzutreten, zufrieden gegeben, sähe die Situation heute womöglich anders aus. Katar wäre dann sowas wie das Norwegen des Mittleren Ostens. Doch die Vermittlerrolle reichte den Herrschern in Doha irgendwann schlichtweg nicht mehr. Und so begab sich der Staat in die Arena der „harten Außenpolitik”.

In dieser Arena hat Katar dann sofort eine Position eingenommen, von welcher sich die arabischen Nachbarstaaten gestört fühlten. Das drückte sich vor allem in der Nähe zum Iran und zur libanesischen Hisbollah aus. Katar selbst erhoffte sich durch die Nähe zum Iran als Gegengewicht zum großen Nachbarstaat Saudi-Arabien etablieren zu können. So entstand zwischen Doha und Teheran ein regelmäßiger diplomatischer Verkehr. Auch auf wirtschaftlicher Ebene wurden verschiedene Verträge und Abkommen geschlossen. Zuletzt wurde gar vereinbart, in Zukunft eine Freihandelszone zwischen Katar und Iran zu errichten. Was fast noch schwieriger wiegt, ist die Tatsache, dass der katarische Außenminister bei seinem letzten Besuch im Irak angeblich auch mit iranischen Generälen zusammenkam. Das behaupteten zumindest die saudischen Medien.  Ob diese Meldung stimmt oder nicht, kann nicht genauer bestimmt werden. Tatsache aber ist, dass in der saudischen Öffentlichkeit nach entsprechender Berichterstattung der Unmut gegenüber dem kleinen Nachbarstaat deutlich anschwoll.

Ein wichtiger Grund, weshalb Katar an den Beziehungen zum Iran eigentlich sogar festhalten muss, ist die Realität, dass das katarische Erdgas über den Persischen Golf (Golf von Basra) exportiert wird. Und um diesen Exportweg offen zu halten, ist die Beziehung zum Iran unumgänglich.

Komplizierte Beziehungen zu islamistischen Akteuren der Region

Der Einblick in das Beziehungsnetz Katars zu islamistischen Gruppierungen im gesamten Mittleren Osten gestaltet sich nicht gerade einfach. Dennoch müssen wir uns damit auseinandersetzen, denn ein zentraler Vorwurf an der Wüstenstaat ist letztlich die „Terrorfinanzierung”.

Relativ offene Beziehungen unterhält Katar zu den verschiedenen Ablegern der Muslimbruderschaft in der gesamt Region. Auch die direkten Beziehungen zur Taliban in Afghanistan und zur Al-Kaida lassen sich kaum wiederlegen. Doch den Beginn machte Katar mit seiner Unterstützung für die Hamas, nach deren Wahlsieg in Palästina im Jahr 2010. Fortan trat Katar als offener Unterstützer dieser Organisation auf. Als der Hamasführer Chalid Maschal später aus Syrien, wo er zwischenzeitlich Schutz gefunden hatte, fliehen musste, öffnete Katar seine Toren für ihn. Im Jahr 2012 besuchte der ehemalige katarische Emir auch den Gazastreifen.

Während des gesamten arabischen Frühlings war Katar dann der wichtigste Unterstützer der Muslimbrüder. Besonders in Ägypten, Libyen und Tunesien wurden die lokalen Organisationen der Muslimbrüder finanziell und propagandistisch aus Katar gestärkt. Letzteres funktionierte vor allem über den katarischen Fernsehsender Al-Jazeera, der sich in der gesamten arabischen Welt über eine große Zuschauerschaft erfreut. Um das Gleichgewicht zu wahren, hat sich Katar bei den Protesten in Bahrain und im Jemen auf die Seite Saudi-Arabien geschlagen. Doch als nach Putsch in Ägypten Mursi gestürzt wurde und viele Mitglieder der Muslimbrüder in Katar Zuflucht suchten, kappten Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain 2014 ihre diplomatischen Beziehungen nach Doha.

2013 ließ Katar zudem ein Büro der Taliban innerhalb ihrer Staatsgrenzen eröffnen. Über dieses Büro führten die Taliban Gespräche mit afghanischen und US-amerikanischen Diplomaten.

Die Aufrechterhaltung dieses gesamten Beziehungsnetzes zu recht fragwürdigen Partnern durch Katar passierte letztlich mit dem Segen der USA. Denn während die USA sich gewisse Beziehungen und Kommunikationskanäle aufgrund von möglichen Imageschäden nicht leisten konnte, nutzten sie doch sehr wohl die Möglichkeiten, die sich durch den Partner Katar ergaben. Deswegen wurden die Beziehungen Katars, trotz gelegentlicher Kritik, im Großen und Ganzen toleriert.

Mit dem arabischen Frühling schien dann die katarische Außenpolitik doch zu sehr aus dem Rahmen zu fallen. Denn man engagierte sich, zumeist parallel, in Ländern wie Libyen, Ägypten, dem Gaza-Streifen, Jemen und vor allem in Syrien. Da sich allein durch die finanziellen Möglichkeiten nicht alles verwirklichen lässt, suchten die Machthaber in Katar zunehmend den Schulterschluss zur Türkei. Während der Wüstenstaat sich um die finanzielle Seite der Angelegenheiten kümmerte, sollte der türkische Partner die geheimdienstliche und militärische Ebene abdecken. Und mittels dieser Kooperation wurden dann sowohl in Libyen als auch in Syrien massenhaft islamistische Gruppierungen unterstützt, durch die Katar und Türkei ihren Einfluss in der Region zu stärken suchten. Vor allem Saudi-Arabien fühlte sich von diesem Engagement zunehmend gestört, da sich vieles außerhalb ihrer Initiative zu entwickeln schien. Und so warteten die Saudis auf eine passende Gelegenheit, um zum Gegenschlag auszuholen. Dieser Moment trat ein, als der US-Präsident Trump in Riad erschien und seine Unterstützung zusicherte. Und so war Katar schlagartig mit einer enormen Abrechnung für ihren außenpolitischen Kurs der letzten Jahre konfrontiert. Bis auf den Oman und Kuwait stellten alle arabischen Länder der Region ihre diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Katar ein. So sollte der Wüstenstaat in die Knie gezwungen werden.

Welche Rolle nimmt die Türkei in dieser Krise ein?

Traditionell hielt sich die Türkei aus den Krisen im Mittleren Osten heraus. Das galt im Besonderen für Krisen in den arabischen Ländern. Vorwurfsvoll hieß es oft, dass dies an der Initiativlosigkeit des Kemalismus liege. Oder schlichtweg daran, dass die kemalistische Türkei dem Mittleren Osten den Rücken zugekehrt hätte. Heute muss dies allerdings neu bewertet werden. Denn vor dem Hintergrund der heutigen Situation, erscheint das „Heraushalten” aus vergangener Zeit wie eine wohldurchdachte Grundhaltung der türkischen Außenpolitik. Mit der AKP jedenfalls wurde mit diesem traditionellen Kurs gebrochen. Durch die neo-osmanische, islamische und zuletzt sunnitische Ausrichtung der Außenpolitik, ist die Türkei nun Teil der jüngsten Krise in der arabischen Welt geworden. Und in dieser Krise hat sie ihren Platz an der Seite Katars eingenommen.

Man kann sich sicher ausdenken, dass dies eine sehr risikoreiche Politik ist. Denn auf der Gegenseite stehen Staaten wie Ägypten, Saudi-Arabien, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate. Sollte sich aus der Katarkrise überraschenderweise ein schneller Ausweg abzeichnen, könnten sich diese Staaten anschließend gegen die Türkei wenden.

Denn es mag durchaus passieren, dass Katar klein beigibt und auf den Kurs Saudi Arabiens und der USA einschwenkt. In diesem Falle würde die Unterstützung Katars durch die Türkei nicht nur ihre Bedeutung verlieren. Die Türkei könnte hierfür auch noch zur Rechenschaft gezogen werden.

Wichtig ist auch die Frage des türkischen Militärstützpunkts, welches in Katar errichtet werden soll. Es ist nicht klar, ob die Türkei die Risiken, welches dieser Plan mit sich bringt, richtig kalkuliert hat. Wenn die gegenwärtige Krise sich ausweitet, gar einen militärischen Charakter annimmt, dann könnte das ernsthafte Probleme für Ankara mit sich bringen. Von solch einer Eskalation ist derzeit zwar nicht auszugehen, ein gewisses Restrisiko bleibt dennoch.

Wenn man nun zur Frage kommt, weshalb die Türkei sich auf die Seite Katars stellt, so liegt das zunächst einmal an der wirtschaftlichen Kooperation. So hat Katar den türkischen Pay-per-View-Sender Digitürk ebenso sehr aufgekauft, wie die Banken Finansbank und Abank. Hinzu kommen unzählige Investitionen in den türkischen Wohn- und Bausektor. Schätzungen gehen von Investitionen in Höhe von rund 13 Milliarden Dollar aus.

Natürlich wäre da auch noch das gemeinsame Engagement  von Katar und der Türkei in Sachen Arabischer Frühling, das sich vor allem durch die Unterstützung der FSA und zahlreicher islamistischer Gruppierungen in Syrien ausdrückt.

Mit Ausbruch der Krise und der Unterstützungserklärung Erdoğans für Katar haben regierungsnahe Medien sofort unter Schlagzeilen wie “Halte Stand Katar” oder “Der katarische 15. Juli”1 zum Ausdruck gebracht, dass das Ziel nicht bloß Katar, sondern zugleich auch die Türkei ist. Die Krise könnte durchaus darin resultieren, dass mit der Krise die Türkei ihren Bündnispartner Katar verliert. In diesem Falle wäre der letzte übriggebliebene Partner der Türkei in der gesamten Region auch verloren.

Im Original ist die Analyse am 19.06.2017 unter dem Titel “Körfez’de kriz: Katar yenilirse Türkiye de yenilmiş sayılır mı?” bei Gazete Duvar erschienen.


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