demokratische koföderalismus

Die Kunst liegt im Aufbau der alternativen Moderne

demokratische koföderalismusDas Gesellschaftssystem dieser Moderne nennt sich Demokratischer Konföderalismus
Gönül Kaya, Journalistin

Aus menschheitsgeschichtlicher Perspektive war das letzte halbe Jahrhundert aus der Sicht sowohl der Kräfte der kapitalistischen Moderne als auch der Kräfte, die Widerstand für ein freies Leben leisten, eine Phase des Hinterfragens, voller Wirrnisse und Lösungsansätze, auf der ideologischen wie auf der historischen, sozialen, politischen, ökonomischen, ökologischen und geschlechterfreiheitlichen Ebene. Darüber hinaus charakterisiert die Suche nach Antworten auf Fragen wie „Wie ist die Menschheit an diesen Punkt gelangt?“, „Wie leben wir heute?“, „Wie haben wir in der Zukunft zu leben?“ den zeitgenössischen Kampf, wobei die Lösungen auf Demokratie, Gleichberechtigung und Freiheit beruhen.

Die kapitalistische Moderne ist nicht in der Lage, die Probleme der machtgesteuerten Systeme und ihrer Geisteshaltungen zu lösen. Im Gegenteil, erst durch die Reproduktion dieser Probleme erhält sie sich. Überall auf der Welt sind sich die Menschen, die Gesellschaften, die Völker, die Geschlechter und die Natur dieser Wirklichkeit bewusst. Auch wenn die imaginären und falschen freiheitlichen Ideologien der kapitalistischen Moderne, wie beispielsweise der Liberalismus, bestehende Probleme zum Ausdruck bringen, verschleiern sie doch radikale Lösungen, lenken von ihnen ab oder leiten die Lösung gar an „rechte“ oder „linke“ Modelle dieser Moderne. Alternativen, die Profit, Kapital, Macht und Kräfteverhältnisse nicht überwinden (so wie im realsozialistischen Beispiel), waren nicht fähig, die Probleme der Gesellschaft zu lösen. Darüber hinaus wurde in diesen Beispielen versucht, mit Mentalitätsmustern der kapitalistischen Moderne eine „Revolution“ zu vollbringen. In dieser Hinsicht müssen das russische und das chinesische Beispiel der „großen Revolutionen“ des 20. Jahrhunderts hinterfragt werden. Dass die Alternativen von gestern die Fortsetzung des heutigen kapitalistischen Systems darstellen und auf diese Weise dafür sorgen, dass der kapitalistische Geist weiteratmen kann, zeigt, dass es nicht möglich ist, mit falschen Denkweisen und Prinzipien richtig zu leben.

Vielmehr ist eine radikale Loslösung von der kapitalistischen Moderne vonnöten. Das Bedürfnis nach einer wahrhaft alternativen Moderne, die nicht auf den Materialien der kapitalistischen Moderne aufbaut, sondern eigene Muster ent­wickelt, ist brennend zu spüren. Notwendig ist eine Alternative, die in keiner Weise Geist und Praxis des macht- und staatsbezogenen Systems beinhaltet.

In der Geschichte der Menschheit stellten Sozialität und Kommunalität die Existenzbedingung der Menschheit dar. Menschsein beinhaltet im Grunde die Kraft, sozial zu sein und kommunal zu leben. Diese Kraft hat Entwicklung und Fortgang der Existenz des Menschen, der Frau, des Mannes, der Natur möglich gemacht. Auf die Frau gestützte Sozialisierung, Leben im Gleichgewicht mit der Natur und kommunales Leben, Produktion sowie Verteilung gestützt auf Solidarität und Gemeinschaftssinn, sind die drei Hauptprinzipien der demokratischen, ökologischen und antisexistischen Moderne. Die Menschheit hatte über einen sehr langen Zeitraum nach diesen Prinzipien gelebt. Aus Sicht derjenigen, die gegen die kapitalistische Moderne ein alternatives Lebensmodell und
-system schaffen wollen, ist es von Bedeutung, diese drei Hauptprinzipien zu erfassen, zu verstehen und umzusetzen. Die Menschen sind nicht mit einem auf Macht, Staat, Klasse, Sexismus, Gewalt fußenden Geist und entsprechenden System zur Menschheit geworden.

Dass der Mensch zum Feind des Menschen und der Natur, die Frau zum Feind des Mannes, das Individuum zum Feind der Gesellschaft gemacht wird; dass der Mann zum Subjekt und die Frau zum Objekt, der Mensch zum Subjekt und die Natur zum Objekt, der Machtinhaber zum Subjekt und alle anderen zum Objekt erklärt werden, das ist Teil dieser Geis­teshaltung und dieses Systems. Ebenso ist es genau dieses System, das die Aussage „Der Stärkere zerquetscht den Schwächeren, das ist ein Naturgesetz“ produziert. Auch definiert dieses System jegliche Werte der Menschen, der Natur und der Gesellschaft zur kaufbaren Ware. Aus diesem Grund ist es so wichtig, sich dem Geist und den administrativen Modellen der kapitalistischen Moderne mit diesem Bewusstsein anzunähern und die radikale Loslösung von diesem System zunächst im Geiste zu vollziehen. Ansonsten ist es nicht möglich, ein alternatives System zu schaffen. Die erfolglosen Versuche unter „linkem“ oder „sozialistischem“ Vorzeichen sollten uns in dieser Sache eine Lehre sein.

In seiner Position als Vorsitz des seit nunmehr fast vierzig Jahren andauernden Kampfes für Freiheit und Demokratie in Kurdistan entwickelt Abdullah Öcalan seit zehn Jahren Mentalität und Lebensmodell eines alternativen Systems. Das gründet auf dem Hinterfragen der kapitalistischen Moderne, des 5?000 Jahre alten patriarchalen Systems mit seinen ideologischen, politischen, ökonomischen, mentalen und praktischen Ebenen. Ebenso fußt es auf der Überwindung von macht- und staatsbezogenem Sexismus. Öcalan schreibt dazu: „Ohne eine Diskussion der Begriffe der Moderne kann eine radikale Loslösung vom Kapitalismus nicht möglich sein. Viele linke und rechte ideologische Modelle, die sich selbst als antikapitalis­tisch bezeichnen, allen voran der wissenschaftliche Sozialismus und anarchistische Strömungen, sind erfolglos geblieben, weil sie den Kapitalismus nicht als hegemoniale Moderne analysiert und daraus folgend überwunden haben. Über einen Diskurs der Moderne ist es möglich, neue Begriffe und Theorien der Moderne zu entwickeln. Die demokratische Moderne, die wir vorantreiben möchten, stellt eines dieser anderen Paradigmen der Moderne dar.“ (Aus seiner Verteidigungsschrift „Manifest der demokratischen Zivilisation“)

Der Aufbau einer demokratischen Moderne/Zivilisation stellt die alternative Lösung der kurdischen Revolution im Mittleren Osten dar. Das Gesellschaftssystem dieser Moderne nennt sich Demokratischer Konföderalismus. Hierbei handelt es sich um das System der Gesellschaften ohne Staat. Es basiert auf dem Aufbau von Mechanismen der Selbstverwaltung der Gesellschaft, angefangen auf kleinster lokaler Ebene. Innerhalb dieser Mechanismen sollen Probleme und Bedürfnisse festgestellt werden. Ebenso sollen Lösungen aus eigener Kraft, gemeinsam und solidarisch entwickelt und umgesetzt werden. In diesem System sind die Befreiung der Geschlechter, eine gesellschaftliche Ordnung, die auf der Freiheit der Frau basiert, sowie ein ökologisches Leben, das auf Harmonie mit der Natur baut, grundlegend. Sowohl ein ethisches und politisches Individuum als auch eine solche Gesellschaft, die ihre Eigenorganisierung schafft, sich selbst verwaltet, das Faktum der Autorität nicht vereinzelt, ist in der Lage dazu, das System des Demokratischen Konföderalismus aufzubauen. Dabei sind kommunales Denken, die Überwindung der Trennung von Subjekt und Objekt sowie eine demokratische und wissenschaftliche sozialistische Perspektive von Bedeutung.

Innerhalb dieses Systems werden Probleme nicht aus einer macht- und staatsbezogenen Perspektive betrachtet. In der kapitalistischen Moderne ist das Gegenteil der Fall. Diese Moderne, die für Probleme der Gesellschaft, der Natur und der Geschlechter verantwortlich ist, kann natürlich keine Lösungen liefern. Deshalb muss ihre Intervention gegen die Gesellschaften verhindert werden. Beim Demokratischen Konföderalismus handelt es sich auch um ein solches Hindernis. Da dort die Völker, vor allem unterdrückte Gruppen, über ein eigenes Gesellschafts- und Lebensmodell verfügen, ist es von Bedeutung, aus einer anderen, aus einer nicht den Herrschenden gehörenden Perspektive blicken zu können.

Wenn wir von der Aufbauphase des demokratisch-konföderalen Systems in allen Bereichen des Lebens sprechen, kommen wir auch auf das Thema legitime Selbstverteidigung. Das patriarchale System als Quelle von Gewalt hat es sich zur Aufgabe gemacht, jegliche Gruppen, die es ablehnen und Widerstand leisten, ihrer Selbstverteidigungsmöglichkeiten zu berauben. Völker, Bewegungen, Frauen und Männer, die sich gegen die ideologische, politische, militärische, kulturelle Bombardierung durch das kapitalistische System wehren, werden von ihm als Terroristen gesehen und hingestellt. Dabei ist es legitimes Recht aller Unterdrück­ten, sich in allen Bereichen gegen dieses System zu verteidigen. Das KCK-System, das in Kurdistan vorangetrieben wird, stellt ein wertvolles Beispiel und eine konkrete Kraftquelle für Volks- und Guerillawiderstand dar.

Innerhalb des Demokratischen Konföderalismus organisieren sich alle Gemeinschaften, Ethnien, Kulturen, Glaubensrichtungen, ökonomischen Einheiten, Geschlechteridentitäten etc. in Form von politischen Einheiten und nehmen so innerhalb des Mechanismus der demokratischen Gesellschaft ihren Platz ein. Diese Organisierungsform beginnt auf lokaler Ebene. Direkte und partizipatorische Demokratie ist Prinzip. Anstatt dass eine bestimmte Gruppe oder ein bestimmter Teil die Allgemeinheit repräsentiert und an deren Stelle Entscheidungen fällt, soll garantiert werden, dass das Individuum durch Kommunen oder Räte an den Entscheidungsprozessen teilnimmt. Dies ist auch als Vorsorge gegen Machtzentralisierung von Bedeutung.

Der Demokratische Konföderalismus gibt die Administrationskraft, die der Staat an sich gerissen hat, der Gesellschaft zurück. In diesem Sinne handelt es sich beim Demokratischen Konföderalismus nicht um ein Staatsmodell oder -system. Die Staatslosigkeit stellt gar ein Freiheits- und ein Demokratieprinzip dar. Im Rahmen dieser Prinzipien soll das Individuum in Verantwortung für die Gesellschaft und mit demokratischem, ökologischem und geschlechtsfreiheitlichem Bewusstsein handeln sowie auf diese Weise das Gleichgewicht des sozialen Beziehungssystems wiederherstellen, wobei zeitgleich die Freiheit des Individuums gestärkt werden soll.

Die Alternative der demokratischen Moderne und des Demokratischen Konföderalismus trägt entgegen den drei Grundelementen der kapitalistischen Moderne (Profit, Nationalstaat und Industrialismus) folgende drei Elemente voran: demokratische Nation, kommunale Ökonomie und ökologische Industrie. Beim Nationalstaat handelt es sich um das macht- und staatsbezogene Modell der kapitalistischen Moderne. Ziel ist die höchstmögliche Anhäufung von Kapital. Aus der Freiheitsfrage der Nationen macht sie ein unüberwindbares Problem. In nahezu allen Nationalstaaten bestehen aufgrund von Nationalismus Konflikte zwischen Völkern. Bei jedem Nationalstaat handelt es sich um eine erweiterte Staatsmacht. Jeder Nationalstaat funktioniert als institutionalisierte rechtlich-sozial-politische Ausbeutung und Unterdrückung der Gesellschaft. Abdullah Öcalan formuliert die Lösung der demokratischen Moderne in diesem Punkt folgendermaßen: „Die demokratische Moderne hat auch in dieser Sache als Ergebnis der demokratischen Lösung die Annäherung an die demokratische Nation vorangebracht. Bei der demokratischen Nation handelt es sich um eine Nationwerdung des Volkes, die sich nicht auf Macht und den Staat stützt, und vor allem auf der Politisierung der Menschen basiert. Es soll außerdem bewiesen werden, dass für eine Nationenbildung mit ihren Institutionen für Verteidigung, Wirtschaft, Recht, Soziales, Diplomatie und kulturelle Autonomie Staatenbildung und Machtzentralisierung nicht nötig sind. Es ist den Völkern möglich, sich als demokratische Nation zu formieren. Für das Heiligtum der kapitalistischen Moderne gibt es nur eine Staatsform und das ist der Nationalstaat.“

Öcalan macht darauf aufmerksam, dass die Rolle des Indus­trialismus für den maximalen Profit der kapitalistischen Moderne die Grundlage für die gesellschaftlichen und nationalen Probleme unserer Zeit darstellt. Das Industrialismusverständnis dieser Moderne ist der Grund für die ökologischen Probleme. Unser Planet ist mit einer großen Katastrophe konfrontiert. In diesem Sinne handelt es sich bei der demokratischen Moderne mit ihrer Kommunenökonomie und ökologischen Industrie um eine systematische Verteidigungsmöglichkeit für die Gesellschaft und das Individuum gegen den zerstörerischen Wahnsinn der kapitalistischen Moderne mit ihrem Verständnis vom maximalen Profit und Industrialismus.
Der wissenschaftliche Sozialismus sollte den Industrialismus der kapitalis­tischen Moderne kritisieren. Allein eine ökonomisch-politische Kritik des Systems reicht nicht aus. Denn Prinzip der radikalen Demokratie und des Demokratischen Konföderalismus ist die Kritik des gesamten Systems der kapitalistischen Moderne (beispielsweise ihre Hegemonie über Wissenschaft, Philosophie, Kultur, Kunst etc.) und die Umsetzung von Alternativen.

Die gesellschaftliche Revolution in Kurdistan wird heute auf Grundlage der neuen Begriffe der demokratischen Moderne von neuem zusammengeführt. Die wahre Umsetzung und kraftvolle Verteidigung des demokratisch-konföderalen Systems kann allein von Kurdistan und dem Mittleren Osten aus verbreitet werden. Diese gesellschaftliche Revolution besitzt ein großes Potential. Wenn man sich aber die Kräfte vor Augen hält, gegen die diese Revolution kämpft, wird die strategische Bedeutung aus Sicht der gesamten Menschheit deutlich. Ohne Zweifel reicht es nicht aus, nur Widerstand gegen das kapitalistische System und seine Auswüchse zu leisten, um diese Hegemonie zu überwinden und eine Alternative voranzutreiben. Die Kunst liegt im Aufbau der alternativen Moderne.

Die Kräfte der kapitalistischen Moderne (UNO, NATO, USA, Großbritannien etc.) führen heute sozusagen einen „Dritten Weltkrieg“ gegen diejenigen, die für Demokratie und Freiheit kämpfen. Die demokratische Moderne und der Demokratische Konföderalismus scheinen die einzige Lösung zur Überwindung der von den Kräften der kapitalistischen Moderne verursachten Krisen und Konflikte zu sein. „Wenn das, was als Lösung dargestellt wird, mehr Kapitalismus und Industrialismus beinhaltet, dann wird es noch mehr Krisen, Arbeitslosigkeit, Konflikte, Umweltzerstörung und Klimaverschmutzung bedeuten.“ (Abdullah Öcalan – „Manifest der demokratischen Zivilisation“)