Die Rolle der Frauenbewegung beim Aufbau der Demokratischen Autonomie in Westkurdistan

Interview mit Delsha Osman, Yekitîya Star

Delsha Osman ist seit 2005 Mitglied der Koordination der Frauenbewegung »Yekitîya Star« in Westkurdistan. Aufgrund der Repression des syrischen Staates war sie gezwungen, ins Exil nach Europa zu gehen. Auch von hier aus verfolgt sie intensiv die Entwicklungen in ihrer Heimat und setzt ihre politische Arbeit fort.

Wie beschreiben Sie die Situation von Frauen in Westkurdistan und Syrien?

Frauen wurde die Meinungs- und Organisierungsfreiheit unter dem chauvinistischen Baath-Regime immer verweigert. Die Assad-Familie gleicht einer Dynastie, die Syrien über ihren Staatsapparat und Geheimdienst kontrolliert.

Sie regiert mit Methoden wie Unterdrückung, Verhaftung, Folter und Missachtung der Menschenrechte. Insbesondere Frauen sind von der Unterdrückung durch das herrschende System doppelt betroffen. Aus Angst vor Verhaftung und Repression leisteten Frauen lange Zeit keinen Widerstand dagegen. Das führte dazu, dass die Gesellschaft ihrer freien Gedanken und ihres politischen Handelns beraubt wurde. Die Gesellschaft wurde in Unmündigkeit gehalten.

Welchen Einfluss hatten die Volksaufstände in Nordafrika, in anderen Ländern des Mittleren Ostens und in anderen Teilen Kurdistans auf die Situation von Frauen in Westkurdistan?

Wir können die Situation in Westkurdistan und Syrien nicht losgelöst von den Entwicklungen im Mittleren Osten und in Nordafrika betrachten. Doch haben diese Aufstände aus der Perspektive der Völker nicht überall zum Erfolg geführt. Denn die globalen Hegemonialmächte versuchen, diese Situation zur Umgestaltung des Mittleren Ostens entsprechend ihren Machtinteressen auszunutzen. Auch viele Frauen haben sich an diesen Aufständen, die zuerst ein Ausdruck der Freiheitssuche der Völker waren, mit großen Hoffnungen und Emotionen beteiligt. Allerdings waren sie nicht organisiert. Deshalb konnten sie ihre Forderungen nicht durchsetzen und wurden vereinzelt aus der Öffentlichkeit zurückgedrängt. Demgegenüber können Frauen in Westkurdistan heute auf die Analysen und die 30-jährige Erfahrung der Organisierung der kurdischen Befreiungsbewegung zurückgreifen. Insbesondere das Wirken von Abdullah Öcalan in Syrien und Westkurdistan in den 1980er und 1990er Jahren ermutigte viele Frauen dazu, politisch aktiv zu werden, sich eigenständig zu organisieren und für ihre Rechte als Frauen und als Kurdinnen zu kämpfen.

Das war die Grundlage, die den Weg dafür geöffnet hat, dass wir unter dem Namen »Yekitîya Star« im Jahr 2005 unsere eigene Organisierung aufbauen konnten. Yekitîya Star ist zu einer neuen Identität geworden, über die sich Frauen definieren und organisieren können.

Mit welcher Zielsetzung und wie organisiert sich die Yekitîya Star? Und wie hat sich die Arbeit in den vergangenen sieben Jahren seit ihrer Gründung weiterentwickelt?

Die Zielsetzung von Yekitîya Star ist es, eine demokratische, ökologische und geschlechterbefreite Gesellschaft aufzubauen und als Frauen eine treibende und gestaltende Kraft in diesem Prozess zu sein. Über Yektîya Star haben Frauen die Möglichkeit, sich in jedem Bereich der Gesellschaft weiterzubilden und zu organisieren, ihren eigenen Willen zu vertreten – sei es im sozialen, ökonomischen, kulturellen Bereich.

Trotz Folter, Misshandlungen, Menschenrechtsrechtsverletzungen und Gefangenschaft haben Frauen seit der Gründung von Yekitîya Star eine wichtige Rolle in der Politik gespielt, wobei sie auch vor der Verfolgung durch das Regime nicht zurückschreckten. Hunderte Aktivistinnen der Yekitîya Star waren politische Gefangene wie Ayşa Efendi, Süreya Habesch, Rojîn Ramma, Felek Nas, Zahide Hussein, Reside Hussein, Zozan Zeynep Mohammed, Latife Muhammed u. v. a. Sie wurden durch Militärgerichte verurteilt, schwer gefoltert und auf unbestimmte Zeit gefangen gehalten. Die Aktivistin Nazli Kecel ist bis heute verschwunden. Wir wissen nur, dass sie verhaftet wurde, weil sie eine aktive Mitarbeiterin der Yekitîya Star war. Wir wissen jedoch nicht, wo sie sich heute befindet oder ob sie überhaupt noch lebt.

Schon vor der Revolution hat Yekitîya Star wichtige Arbeiten durchgeführt, die die Basis für die heutigen Entwicklungen geschaffen haben. Allerdings hat die Revolution wiederum auch Bedingungen erzeugt, die die Ausweitung der Arbeit befördert haben. Im letzten Jahr konnten deshalb größere Schritte gemacht werden als in den sieben Jahren zuvor. So konnten die Frauen auch eine sehr wichtige Rolle beim Zustandekommen der Einheit der KurdInnen und der Gründung eines gemeinsamen Hohen Rates der kurdischen Organisationen spielen. Dies ist ein wichtiger Schritt, um zu verhindern, dass KurdInnen – wie in der Vergangenheit so oft – von anderen Mächten gegeneinander ausgespielt werden können.

In allen kurdischen Städten und in den Großstädten Syriens, in denen KurdInnen leben, wurden Frauenräte gebildet. Jeder Frauenrat besteht aus 150 bis 350 gewählten Vertreterinnen. Sie führen regelmäßig ihre Versammlungen und ihre Arbeiten durch.

Vor welchen Herausforderungen steht Yekitîya Star momentan im Zuge des Aufbaus der Demokratischen Autonomie einerseits und angesichts der Kriegsdrohungen und Angriffe andererseits?

Gegenwärtig ist die Organisierung von Frauen in allen Lebensbereichen unsere Hauptaufgabe. In allen kurdischen Städten wurden Frauenkomitees gegründet, um uns selbst zu verwalten und zur Lösungskraft für die vielfältigen Probleme von Frauen zu werden. Beispielsweise haben die Friedensmütter ihre eigenen Komitees gebildet, um sich für eine Kultur und eine Welt ohne Kriege einzusetzen und für den Frieden aktiv zu werden. In den vergangenen Monaten haben wir in vielen Städten Kurdistans Fraueneinrichtungen für politische, soziale und kulturelle Bildung geschaffen. So wurden in Qamişlo (Al-Qamishli), Dêrik (Al-Malikiya), Dirbêsî (Al-Darbasiyah), Kobanî (Ain al-Arab), Afrîn (Afrin), Heleb (Aleppo) und noch in vielen anderen Orten Frauenhäuser eröffnet. Das Ziel dieser Einrichtungen ist es, Frauen bei der Lösung ihrer Probleme zu unterstützen. Das können gesellschaftliche, familiäre oder andere Probleme sein. Über diese Häuser konnten Dutzende von Frauen vor dem Tode bewahrt werden. Es wurde verhindert, dass sie Opfer von sogenannten »Ehrenmorden« werden. In diesen Häusern finden Frauen Solidarität und Unterstützung bei Lebensproblemen.

Wir haben gemeinsame Plattformen mit arabischen, assyrischen und yezidischen Frauen sowie Beziehungen zu verschiedenen Frauen und Frauenorganisationen aufgebaut. Ein wichtiges Anliegen ist es hierbei, ein demokratisches Zusammenleben aller Volksgruppen und Religionen mit ihrer eigenen Identität zu verwirklichen sowie Nationalismus und religiösen Spaltungen entgegenzuwirken. In allen Frauenräten wurden gesonderte Kommissionen für Ökonomie und Kultur gebildet. Darüber soll die Versorgung der Bevölkerung verbessert und die Unabhängigkeit der Frauen gestärkt werden. Gerechtigkeitskommissionen sorgen für die Schlichtung von Konflikten in der Gesellschaft.

Obwohl die Bedingungen des Krieges und der Armut sehr schwer sind, halten wir an unserer Organisierung und der Stärkung der Demokratischen Autonomie pausenlos fest.

Wie verläuft der Neuaufbau des Schulsystems in Westkurdistan? Gibt es Schwierigkeiten bei der Durchführung des Unterrichts in der kurdischen Muttersprache?

Schon 2007 wurde in Westkurdistan eine Einrichtung zur Förderung der kurdischen Sprache und Bildung aufgebaut. Damals fingen die Arbeiten bereits an, doch gab es ständig Schwierigkeiten durch staatliche Repressionen. Deshalb mussten diese Arbeiten und der Kurdischunterricht geheim durchgeführt werden. Im Zuge der Demokratischen Autonomie konnten die Arbeiten verbreitert werden. Viele Lehrgänge zur Ausbildung von KurdischlehrerInnen wurden erfolgreich beendet. Zuerst wurden in allen Städten und Dörfern Kurdi­stans Privathäuser als Schulen genutzt. Die Bevölkerung stellte ihre Wohnungen und Wohnhäuser zur Verfügung, damit der Unterricht stattfinden konnte. Mit der schrittweisen Befreiung der kurdischen Gebiete und dem Rückzug der staatlichen Kräfte wurden die staatlichen Schulen als kurdische Schulen neu organisiert. Jetzt wird dort offiziell der Unterricht in der kurdischen Sprache durchgeführt.

Es gab vor ein paar Tagen eine Meldung im kurdischen Fernsehen Stêrk TV, der zufolge Kinder davon berichten, dass sie mit dem Unterricht in kurdischer Sprache begonnen hätten, jetzt jedoch traurig seien, weil der Staat ihre Schulen verboten habe und nun schließen würde. Welchen Einfluss hat der syrische Staat noch in den kurdischen Gebieten? Wie sieht das Kräfteverhältnis zwischen den Selbstverwaltungsstrukturen der Demokratischen Autonomie und den staatlichen Organen aus?

Das war eine Meldung aus der Kleinstadt Dirbêsî (Al-Darbasiyah) in der Region Cizire (Al-Dschazira). Die meisten kurdischen Provinzen konnten befreit werden und sind selbstverwaltet. Nur in Qamişlo (Al-Qamishli), Dirbêsî und in ein paar anderen Ortschaften hat der Staat noch einen geringen Einfluss. Es ist richtig, dass dort einige Schulen geschlossen wurden. Doch wir müssen achtsam sein, dass keine Gefechte provoziert werden und dass wir nicht in einen Krieg hineingezogen werden. Anstatt die direkte Konfrontation zu suchen, hat die Bevölkerung ihre eigenen Taktiken entwickelt, um die Fortsetzung des Unterrichts an anderer Stelle zu gewährleisten.

Wie beeinflusst der Krieg den Alltag in Westkurdistan?

In den kurdischen Gebieten haben wir uns mit der organisierten Kraft des Volkes von der Herrschaft des Staates befreit. Die staatlichen Institutionen sind aus Kurdistan verbannt wurden. Die Gebäude einstiger offizieller Einrichtungen werden nun durch die Selbstverwaltungsstrukturen der Demokratischen Autonomie genutzt. Die Bevölkerung organisiert sich selbst und verwaltet sich selbst. Das System der Demokratischen Autonomie wird auf diese Weise dort umgesetzt. Zugleich wurden Selbstverteidigungskräfte (YPG – Yeknîyên Parestina Gel) aufgebaut, zur Verteidigung der Bevölkerung gegen Angriffe und Provokationen. Jeder Stadtteil, jeder Ort organisiert aus der Bevölkerung heraus seine eigene Verteidigung. Daran sind Jugendliche – Mädchen und Jungen – und auch die Frauenräte beteiligt. Es wurden Strukturen geschaffen, um die Selbstorganisierung der Bevölkerung zu schützen. Das ist ein wichtiger Gewinn.

Es sind Komitees gebildet worden, zum Dienste der Bevölkerung. Über die werden Arbeiten in den Gemeinden, wie Reinigungsarbeiten, Müllabfuhr, infrastrukturelle und Bauarbeiten, kollektiv organisiert. Darüber sieht die Bevölkerung jetzt unmittelbar den Vorteil, den ihnen die Organisierung bringt.

Andererseits gibt es in der Bevölkerung immer noch Anspannung und widersprüchliche Gefühle, denn die Gefahr des Krieges ist nicht vorbei. Der Krieg kann sich auch auf Westkurdistan und das gesamte Gebiet des Mittleren Ostens ausweiten. Die äußeren Kräfte wollen uns in einen Bürgerkrieg hineinziehen. In den letzten Wochen kam es verstärkt zu Angriffen auf kurdische Wohngebiete in Heleb, zu Granatenbeschuss und Explosionen in kurdischen Städten wie z. B. Qamişlo. Immer wieder werden Menschen ermordet.

Der Krieg wirkt sich sowohl auf die arabische als auch auf die kurdische Bevölkerung in Syrien negativ aus. Es gibt ökonomische Engpässe. Viele Menschen sind durch den Krieg arbeitslos geworden. Ihre Arbeitsplätze wurden zerstört. Sie können ihre Familien nicht mehr ernähren. Die Preise sind erheblich gestiegen, so dass viele Familien Schwierigkeiten haben, ihre Kinder zu ernähren. Das verursacht Ängste und Probleme im Alltag.

Häufig stießen Frauen in Zeiten revolutionärer Umbrüche auf das Argument, dass zunächst gemeinsam für die Veränderung der politischen Verhältnisse gekämpft werden müsse und dass Themen wie die Frauenbefreiung angesichts der zugespitzten Situation erst einmal zurückgestellt werden müssten. Begegnen Sie ähnlichen Herangehensweisen? Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen Yekitîya Star und den Volksräten und politischen Parteien aus?

Nicht zuletzt die jüngsten Erfahrungen der Frauen in Tunesien, Ägypten, Libyen und im Irak haben uns gezeigt, dass Umbrüche und Regimewechsel nicht automatisch mehr Rechte und Freiheiten für Frauen bedeuten. Im Gegenteil, Frauen sind durch die kapitalistische Durchdringung dieser Länder und damit einhergehender Stärkung des politischen Islams mit einem konservativen Rückschritt und der Einführung frauenfeindlicher Gesetze konfrontiert. Um diese schmerzhaften Erfahrungen in unserem Land nicht zu wiederholen, sind unsere eigenständige Organisierung als Yekitîya Star und die Solidarität und Zusammenarbeit mit Frauenorganisationen im Mittleren Osten und weltweit eine wichtige Voraussetzung.

Ein wichtiger Schritt war, dass wir das System der Doppelspitze (ein Mann und eine Frau) in allen gemischtgeschlechtlichen Strukturen, auf allen Ebenen durchgesetzt haben. Früher gab es beispielsweise einen Vorsitzenden der Partei der Demokratischen Einheit (PYD), das war ein Mann. Heute haben wir einen Vorsitzenden und eine Vorsitzende, die gemeinsam und gleichberechtigt dieses Amt ausüben und die Partei vertreten. Auch in den Volksräten wird dieses System umgesetzt, und das hat beträchtliche Auswirkungen auf die Situation und den Alltag in Westkurdistan. Außerdem muss in allen gemischtgeschlechtlichen Räten, Organisationen und Gremien die Geschlechterquote von 40 % berücksichtigt werden, d. h. sowohl Männer als auch Frauen müssen mindestens zu 40 % darin vertreten sein. Bei den übrigen 20 % richtet sich der Geschlechteranteil dann nach dem Ergebnis bei den jeweiligen Wahlen; das können Männer oder Frauen sein. Früher war der Frauenanteil in den Volksräten sehr gering, aber nun sind Frauen überall zu einer wahrnehmbaren Kraft geworden.

Auf unserer letzten Konferenz des Volksrates in Westkurdistan wurden durch die Vollversammlung wichtige Beschlüsse angenommen, die von der Yekitîya Star für die Frauenarbeit und die Rechte von Frauen eingebracht worden waren. Um einige Beispiele zu nennen:

Frauenarbeit [im Sinne der Arbeit für Organisierung und Selbstbestimmung von Frauen] ist nicht nur eine Angelegenheit von Frauen, sondern es gibt eine gemeinsame Verantwortung für den Fortschritt der Frauenarbeit und -organisierung. Zum Beispiel können Männer die Frauenarbeit unterstützen, indem sie sich mit sich selbst auseinandersetzen und ihre patriarchalen Denk- und Verhaltensweisen überwinden.

Morde »im Namen der Ehre« werden als Verbrechen gegen Frauen und die Gesellschaft verurteilt und bestraft.

Patriarchale Praktiken wie die Verheiratung in jungem Alter, arrangierte Ehen bei der Geburt (Berdel), Zwangsverheiratung usw. werden geächtet und nicht akzeptiert.

Verheiratete Männer, die zusätzlich eine weitere Frau heiraten, werden aus allen Organisationen und Gremien ausgeschlossen.

Alle Projekte und Beschlüsse, die in dieser Hinsicht von Frauen eingereicht wurden, sind auf der Generalversammlung des Volkskongresses angenommen und verabschiedet worden. Das ist ein großer Erfolg. Zum ersten Mal können wir in Westkurdistan unsere Arbeit auf dieser Ebene organisieren und durchführen. Das sind wichtige Garantien für die Selbstbestimmung, Teilnahme und Vertretung von Frauen im Prozess des gesellschaftlichen Neuaufbaus in Westkurdistan.

entnommen aus dem Kurdistan Report Nr.164