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Die Situation der KurdInnen im Iran

iranDie kurdische Frage ist immer wieder präsent
Kaksar Oramar, Journalist

17 % der 75 Millionen EinwohnerInnen des Iran sind KurdInnen. Ostkurdistan liegt im Westen des Iran und die KurdInnen leben in fünf Provinzen: West-Aserbaidschan (Asarbaidschan-e Garbi), Kurdistan (Kordestan), Kirmasan (Kermanschah), Îlam und Lorestan. Mehr als zwei Millionen KurdInnen leben als Folge der Vertreibung durch die Safawiden in der [ehemaligen] Provinz Chorasan. Die größten Städte Ostkurdistans sind Urmîya (Urmia), Kirmasan und Sine (Sanandadsch). In drei Städten Chorasans – in Quchan, Shirwan und Bodschnurd – sprechen die KurdInnen mehrheitlich Kurmandschi. Offiziell gibt es im Iran jedoch nur eine kurdische Region, und zwar Kordestan, bis heute auch „Fürstentum Ardalan“2 genannt. Obwohl auch die anderen vier Provinzen überwiegend von KurdInnen bewohnt sind, werden sie nicht unter dem Namen Kurdistan geführt. KurdologInnen wie Wasili Nikitin und Wladimir Minorski rechnen beispielsweise auch Luri und Bachtiyari zu den KurdInnen, diese sehen sich aber selbst als eigene ethnische Gruppen.

Die Haltung des Staates

In der Geschichte des Iran gab es mehrmals nationale und politische Aufstände der KurdInnen für ihre Rechte gegen die Kolonialmächte. Die Haltung des Staates hat sich immer wieder geändert; überwiegend zeigte er Härte gegenüber den KurdInnen, manchmal war seine Politik flexibler, doch gegenüber der kurdischen Frage blieb er hart.

Die politischen Forderungen wurden stets mit Härte beantwortet. Immer wenn die Kämpfe und Aufstände in Süd- oder Nordkurdistan aufflammten, wurden den KurdInnen im Iran kleinere Zugeständnisse gemacht, um ihre Stimmen zu ersticken. Während der Kämpfe von Barzanis Demokratischer Partei Kurdistans (PDK) gegen das irakische Baath-Regime ließ der Schah Reza Pahlavi Radiostationen in Teheran und Kirmasan eröffnen, um den Aufstand und die Arbeit der KurdInnen zu blockieren. Das hat sie nicht aufhalten können. Nach dem Tod der jungen KurdInnen Sileman Moini, Mela Aware und weiterer ermordeter junger Menschen [Ende der 1970er Jahre] begann der militärische Kampf gegen den Staat. Dieser hatte mit den Morden die Stimme der KurdInnen zum Schweigen zu bringen versucht. Jede ihrer Forderungen wurde mit Feuer und Blut beantwortet und unterdrückt.

Die Situation heute

Seit der Zeit Schah Reza Pahlavis bis zum heutigen Regime der Islamischen Republik hat sich gegenüber den politischen Forderungen der KurdInnen nicht viel geändert. Außer vielleicht der höheren Anzahl Verhafteter und Ermordeter.

Die soziale Situation der KurdInnen

Die KurdInnen in Ostkurdistan sind im Vergleich mit anderen ethnischen Gruppen in sozialer Hinsicht als fortschrittlich zu bezeichnen, aber durch politische und ökonomische Einschränkungen sind sie benachteiligt. Dennoch sind sie in den Bereichen Kunst, Sport und Bildung sehr erfolgreich. Trotz der Einschränkungen der Muttersprache versucht sich die kurdische Jugend mit Begeisterung zu bilden. In der Schule müssen die Kinder Persisch lernen. Vor kurzem hat das Bildungsministerium in einem Schreiben an die Eltern und LehrerInnen in Kirmasan verlangt, unter allen Umständen mit den Kindern Persisch zu sprechen.

In den Bereichen Kunst und Sport sind die KurdInnen von Sine und Kirmasan im ganzen Iran bekannt. Der Einfluss von Parteien ist in Ostkurdistan gering, daher haben sich die jungen KurdInnen auf die Suche nach Alternativen gemacht, um ihren Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen, und sind dabei sehr erfolgreich:

1.) Die Filme Bahman Ghobadis, die überwiegend die Situation der kurdischen Gesellschaft und Politik thematisieren, lenkten die Aufmerksamkeit der Welt auf die soziale und politische Situation der KurdInnen. Der Druck der Islamischen Republik auf ihn und andere wurde jedoch mit der Zeit immer stärker, sodass sie das Land verlassen mussten. Trotz Drohungen und Unterdrückung gewannen die Gruppen Koma Kamkar, Koma Pornaziri und der Sänger Sehram Nazirî (Shahram Naziri) in den letzten Jahren international Anerkennung.

2. In den letzten zwanzig Jahren hat die neue Generation im Bereich Bildung große Fortschritte gemacht. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die soziopolitische Situation in Ostkurdistan. Trotz ihrer beschränkten Möglichkeiten haben sie Forderungen an die Zentralregierung heranzutragen versucht.

Beispielsweise war die politische Atmosphäre während der Amtszeit von Staatspräsident Mohammad Chatami [1997–2005] vergleichsweise entspannt. In diesen Jahren wurden im Iran sowie in Ostkurdistan von kurdischen Studierenden Zeitschriften, Bücher, Zeitungen und kurdische Newsletter herausgebracht. Speziell in den Universitäten Teheran, Urmîya, Sine (Sanandadsch), Kirmasan (Kermanshah), Isfahan und Tabriz gingen sie sehr aktiv gegen die Verbote vor. Sie analysierten die Situation und mobilisierten und organisierten viele junge KurdInnen. Von Philosophie und Literatur bis zu politischen Analysen, sie entwickelten kurdische Kunst und gesellschaftliches Leben weiter.

Durch ihre Bemühungen und Organisationsarbeit fanden die kurdischen nationalen Organisationen sowie ihre Forderungen innerhalb und außerhalb der Grenzen des Iran Gehör. Diese Situation hat Parteien und politische Organisationen wie die PDK-I (Demokratische Partei des Iranischen Kurdistan) und die Komala (Revolutionäre Organisation der Werktätigen Kurdistan-Iran) aus einem tiefen Schlaf geweckt und bei der islamischen Regierung Besorgnis ausgelöst. Das ist auch der Grund dafür, warum sich die Konservativen bei den Wahlen gegen Reformen gewandt haben.

Wirtschaftliche Situation

Die wirtschaftliche Situation in Ostkurdistan unterscheidet sich von derjenigen im Rest des Iran. Die Regierung lässt dort keine umfangreichen Projekte zu. Fabriken und kleine Manufakturen gibt es gar nicht. In West-Aserbaidschan kann die Bevölkerung ihr Überleben durch die Landwirtschaft sichern, aber in den übrigen Provinzen Kurdistans ist das nur sehr begrenzt möglich. Die Politik der Benachteiligung von KurdInnen ist offensichtlich. Was könnte der Grund dafür sein?
Die KurdInnen in Ostkurdistan kämpfen wie diejenigen in allen anderen Teilen Kurdistans für ihre Rechte. Im Iran leben sieben größere Volksgruppen: Neben den PerserInnen sind es AserbaidschanerInnen, KurdInnen, AraberInnen, BelutschInnen, Gilaki und TurkmenInnen, außerdem gibt es Gruppen wie Masanderani, Talisch und Kaschkai. Mehr oder weniger haben sich diese Volksgruppen wie die KurdInnen für ihre nationalen Rechte eingesetzt, sie blicken jedoch nicht wie diese auf eine lange Aufstands- und Widerstandsgeschichte zurück. Daher wird heute nur von der kurdischen Frage gesprochen. Auch aus diesem Grunde kamen immer die meisten politischen Gefangenen mit aus den kurdischen Reihen.

Politische Parteien

Von den drei größten Parteien PDK-I, Komala und PJAK (Partei für ein Freies Leben in Kurdistan) ist letztere die aktivste und stärkste. In Ostkurdistan und im Iran lässt der Rahmen der Gesetze keinen Raum, um Politik zu machen.

Politische Arbeit und Aktivitäten sind verboten, nur im Rahmen der Gesetze der Hezbollah3 , also für die Bewegung der Islamischen Republik, erlaubt. Die PJAK hat in den ersten Jahren ihres Aufbaus mit ihrem bewaffneten Kampf erreicht, die Aufmerksamkeit der Welt auf das Leiden der KurdInnen zu lenken. Von den drei Parteien in Ostkurdistan ist die PDK-I die älteste, gegründet 1946 unter Qazi Mihemed in Mahabad. Jetzt hat sie sich gespalten, ebenso wie früher schon die Komala. Ihre Mitglieder leben isoliert in Flüchtlingslagern in Südkurdistan (Nordirak), aber selbst dort werden sie von der islamischen Regierung verfolgt und terrorisiert. Deshalb haben sie keinerlei Wirkung mehr.

Der Faktor Religion

Das Regime des Iran ist schiitisch, doch 30 % der Bevölkerung sind SunnitInnen, wie die Mehrheit der KurdInnen. Die nationale und religiöse Assimilationspolitik dauert an. Sie hat mit den Safawiden1 begonnen und setzt sich bis heute fort.

Im täglichen Leben hat die Religion für die KurdInnen große Bedeutung. SunnitInnen können keine wichtigen Ämter oder Führungspositionen im Staat besetzen. Ein sunnitischer Kurde kann kein Staatspräsident, Ministerpräsident oder Pilot werden. An den Universitäten ist die religiöse Zugehörigkeit ein Kriterium für die Zulassung. BelutschInnen oder KurdInnen haben keinen Zugang zu einer höheren Bildungsstufe. Daher konvertieren kurdische Studierende vom sunnitischen Islam zur Schia und versprechen sich wirtschaftliche und Bildungsvorteile.
30 % der IranerInnen sind sunnitischer Konfession, ihnen ist nicht erlaubt, in Teheran in einer Moschee zu beten. Nicht nur in Teheran ist es überall verboten, sunnitische Moscheen zu bauen. Allein in Teheran leben 500.000 KurdInnen, doch in allen Teilen des Iran gibt es nur schiitische Moscheen. Natürlich müssen auch die Angehörigen anderer Religionen wie der zarathustrischen, Bahai-4, christlichen und jüdischen noch massivere Einschränkungen hinnehmen.

Fazit

Im ganzen Iran leben die KurdInnen unter schweren Bedingungen. Die politischen Umwälzungen im Mittleren Osten sind der Grund dafür, dass die Islamische Republik die kurdische Frage mit großer Sensibilität angehen muss. Alle KurdInnen, die politischer Aktivitäten angeklagt sind, können durch ein formales Gericht zum Tode verurteilt werden. Das größte Verbrechen ist der politische Kampf gegen die Islamische Republik und die Mitgliedschaft in einer politischen Partei. Die Situation der KurdInnen im Süden und Norden Kurdistans und ihre politischen Erfolge beunruhigen die Islamische Republik und bereiten ihr große Sorgen.

Ich denke, dass, wenn das Regime von Baschar al-Assad stürzt, auch im Iran eine neue Phase beginnt.

Im Falle einer Befreiung Ostkurdistans wäre unklar, wie sich die kurdischen Parteien zueinander verhalten werden. Im Bereich des Möglichen läge, dass sie sich entweder untereinander bekämpfen oder eine Einheitsfront bilden, dass sie über ein föderales System nachdenken oder die Gründung eines eigenen Staates diskutieren.

1) Die Safawiden waren eine aus Ardebil stammende Fürstendynastie in Persien, die von 1501–1722 regierte und in ihrem Reich den schiitischen Islam als Staatsreligion etablierte. Im 17. Jhdt. wurden Tausende KurdInnen zur Abwehr turkmenischer Gruppen in den persischen Nordosten umgesiedelt.

2) Die Fürstentümer hatten im Osmanischen Reich quasi einen autonomen Status (Ardalan bestand bis 1867 und entsprach geografisch ungefähr der heutigen offiziellen Provinz Kordestan).

3) Die Hezbollah („Partei Gottes“) ist eine iranische schiitische Bewegung, entstanden vor der islamischen Revolution als Anhängerschaft des Ajatollah Khomeini, sie spielte eine entscheidende Rolle bei der islamischen Kulturrevolution von 1980 bis 1987 im Iran.

4)Das Bahaitum ist eine weltweit verbreitete Religion mit etwa fünf bis acht Millionen AnhängerInnen. In ihrem Ursprungsland Iran bilden die Bahai zwar die größte religiöse Minderheit, sind aber starker Verfolgung ausgesetzt.