Sind die Wälder Kurdistans weniger wert als andere?

Ercan Ayboğa, Ökologiebewegung Mesopotamiens (MEM), über die vorsätzlichen Waldbrände durch die türkische Armee in Nordkurdistan; für den Kurdistan Report November/Dezember 2018

Ab dem Sommer bis tief in den Herbst haben die Wälder Kurdistans wieder gebrannt. Anfang September schien es so, dass es vorbei wäre mit den Bränden. Doch in ihrer Zerstörungswut griff die türkische Armee, nachdem die Regenwolken weitergezogen waren, die Wälder erneut an. Noch nie brannten im Herbst die vor allem aus Eichen bestehenden Wälder in einem solch großen Ausmaß!

Der türkische Staat lässt Wälder im besetzten und unterdrückten Nordkurdistan seit 2015 jeden Sommer systematisch niederbrennen. Das ist Teil der seit der Staatsgründung 1923 in Kurdistan gültigen Aufstandsbekämpfung und Vertreibungspolitik.

Während im Nachbarstaat Griechenland die Menschenopfer kostenden Waldbrände des Sommers 2018 zu Recht das Weltinteresse weckten, interessiert praktisch niemanden die Vernichtung der Wälder Nordkurdistans. Sehr aktuell und groß in den Medien ist der wichtige Kampf um den Hambacher Forst im deutschen Nordrhein-Westfalen, dem wir uns voll anschließen1. In den westlichen und sonstigen internationalen Medien sind, bis auf wenige Ausnahmen in einigen kleinen linken Medien, jedoch keine Meldungen über die ökologische Katastrophe, die durch die Waldbrände in Kurdistan entsteht, zu finden. Auch die großen international agierenden Umweltorganisationen mit ihren formulierten hohen Ansprüchen gehen an diesem Thema vorbei. Sind die Wälder Griechenlands oder Kaliforniens wertvoller als die in Kurdistan? Ist Kurdistans Natur ökologisch betrachtet bedeutungsloser als in Schweden oder Südafrika?

Oder liegt es daran, dass für die internationale Öffentlichkeit die Berichte der Menschen in Kurdistan über diese vorsätzlichen Waldbrände nicht glaubwürdig genug sind? Entsprechen sie nicht den »Kriterien«, um würdig für die internationale Berichterstattung zu sein? Dabei gibt es zwar wenige, doch gute Berichte und Nachrichten zu der Thematik2.

Es gibt keine Zweifel, dass praktisch alle Waldbrände in Nordkurdistan von der türkischen Armee gelegt werden. Wie in den 1990er Jahren sind es vor allem Brandsätze aus Helikop­tern oder die Artillerie, welche die Feuer entfachen. Es gibt Dutzende Augenzeugenberichte von betroffenen Menschen in den umliegenden Dörfern, die berichten können, wie diese Waldbrände vorsätzlich gelegt werden. Demnach entstehen die Brände selten bei Kampfhandlungen mit der in den Bergen und Wäldern agierenden Guerilla der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

Zudem passiert es äußerst selten, dass die Wälder Kurdi­stans aus anderen Gründen wie Hitzeperiode, Lagerfeuer oder Zigaretten in Brand geraten. Wenn dennoch Bäume brennen sollten, ist das fast immer örtlich und zeitlich sehr begrenzt. Denn dazu sind die »Mazi« oder »Mêşe« genannten Eichenbäume in diesem Klima zu resistent. Und das ist beim Abfackeln der Wälder durch die türkischen Armee das Glück im Unglück für die Natur Kurdistans. Wären es Nadelwälder, wie an der Mittelmeer- oder Ägäisküste, wären die wenigen erhaltenen Wälder bereits komplett verschwunden. Vor hundert Jahren besaß Kurdistan die dreifache Fläche an Wäldern, die im 20. Jahrhundert weitgehend für das Heizen geopfert wurden. Wenn der Wald einmal verloren ist, wird er in einem natürlich biologischen Prozess nicht zurückkommen.

Weil die Eichenwälder Kurdistans langsam brennen, passiert es manchmal, dass die Brände nach wenigen Tagen gelöscht sind. Deshalb wirft die türkische Armee des Öfteren an den folgenden Tagen weitere Brandsätze in den Wald.

Die Waldbrände in 2018 übertrafen die vorangegangenen Jahre in ihrer Intensität. Während von 2015 bis 2017 schätzungsweise in Nordkurdistan jährlich 10.000 Hektar Wald zerstört bzw. erheblich geschädigt wurden, dürfte die zerstörte Waldfläche auf wahrscheinlich 15.000 Hektar angewachsen sein. Verlässliche Zahlen außer für das Jahr 2015 gibt es zurzeit nicht. Schätzungsweise ein Viertel bis ein Drittel des abgebrannten Waldes liegt in Dersim. Dersim ist die kurdische Provinz mit den größten Wäldern und besonders vielen unzugänglichen Bergregionen. Andere Provinzen mit bedeutenden Wäldern sind Çewlig (Bingöl), Amed (Diyarbakır), Bidlîs (Bitlis), Şirnex (Şırnak), Mêrdîn (Mardin) und Çolemêrg (Hakkari).

Bis zum Juli 2018 hielten sich die Zahl und das Ausmaß der gelegten Waldbrände in Nordkurdistan in Grenzen, dies änderte sich jedoch erheblich Anfang August. In wenigen Tagen brannten Wälder von Çolemêrg bis Dersim. Im Zentrum Dersims kam der Brand einer großen weitgehend unbewohnten Fläche (die dortigen Dörfer wurden in den 90er Jahren zerstört) bei der Kleinstadt Hozat ins Blickfeld. Engagierte Menschen wollten zur Brandstelle eilen, um das Feuer in dem bedrohten Wald zu löschen. Seit 2015 wird in der Stadt Dersim bei anhaltenden Waldbränden von engagierten Menschen zum organisierten Löschen aufgerufen. Wie bereits des Öfteren passiert, konnten sie auch dieses Mal die Militärkontrollen nicht passieren und wurden zurückgeschickt. Dies löste große Kritik aus, und die Anwaltskammer von Dersim gab eine Erklärung ab, in der sie die staatlichen Stellen aufforderte, den Waldbrand zu löschen. Es passierte positiverweise, dass relativ viele Medien, darunter auch einige liberale, diesen Vorfall aufgriffen. Der Gouverneur von Dersim musste wegen des hohen Drucks gegenüber der Öffentlichkeit Stellung nehmen, was eigentlich bei den Staatsverbrechen selten vorkommt. In kolonialer Manier wurden die Waldbrände geleugnet. Nun kamen auch Parlamentarier von der Demokratischen Partei der Völker (HDP) und bekannte Künstler nach Dersim und bildeten neue Freiwilligengruppen, die erfreulicherweise zu den Waldbränden über Umwege vorstoßen konnten. Mittels eines Bündels von Ästen und Zweigen, so wie es die kurdische Bevölkerung seit jeher macht, konnten die Waldbrände eingedämmt und schließlich gelöscht werden. Vor laufender Kamera konnte die Gruppe der Öffentlichkeit ihren Erfolg vermelden. Das war seit Beginn des Krieges im Sommer 2015 ein seltener Moment des Erfolges des Widerstands der Bevölkerung von Dersim. Doch nur zwei Tage später – es war inzwischen Ende August – brannte der gleiche Wald durch Brandsätze der türkischen Armee erneut. Verärgert sah die Bevölkerung von Dersim darin ein weiteres Mal das wahre zerstörerische, extrem autoritäre und kolonialistische Gesicht der Türkei. Dieses Mal hatte der Staat weitere Straßenkontrollen errichtet, um erneute Initiativen von Freiwilligen zu verhindern. Inzwischen nahmen die staatlich gelegten Waldbrände in anderen Provinzen Nordkurdistans zu; an mehr als zehn Orten wie im Norden Ameds, in Bidlîs, Şirnex und Mêrdîn brannten die Wälder erneut.

Glücklicherweise regnete es in der ersten Septemberwoche in Dersim, so dass die Brände gelöscht wurden. Als jedoch im September der Regen ausblieb, wurde die türkische Armee erneut tätig. Wieder brannten die Wälder, dieses Mal vor allem im Bezirk Pilemorî (Pülümür). Die ökologisch Engagierten reagierten wieder schnell und riefen alle Menschen auf, bei der Löschung der Brände mitzumachen. Sie mussten mehrmals nach Pilemorî, um die Brände löschen zu können.

Betroffene Menschen aus den nahen Dörfern berichten fast jedes Jahr darüber, dass die Waldbrände ihre Dörfer erreichen und ihre Lebensgrundlagen zerstören. Viele leben von den Erträgen aus den Wäldern, ohne ihn zu zerstören, die Waldbrände aber zerstören diese ihre Lebensgrundlage. Durch die Brände gehen auch Weideflächen für ihre Tiere verloren. Es kann dann sogar passieren, dass sie ihre Tiere weit unter Wert verkaufen müssen, weil sie Futter für ihre Tiere dazukaufen müssen, sich aber teures Futtermittel nicht leisten können. Auch ihre Obst- und Gemüsegärten werden durch die Brände vernichtet und selbst die Äcker verbrennen.

Das oben Beschriebene spielt sich jeden Sommer in Nordkurdistan ab. Es bleibt nicht bei der Repression in den Städten und Dörfern, der Zerstörung von ganzen Städten und Stadtteilen, den vielen tausend Inhaftierungen und den tausendfachen Entlassungen aus dem öffentlichen Dienst, die Menschen müssen auch zusehen, wie die Lungen ihrer Natur zerstört werden. Der Krieg des türkischen Staates gegen die Bevölkerung ist umfassend. Der Staat greift mehr denn je alle Lebensverhältnisse an, die er für sich als gefährlich betrachtet, sei es in den Städten oder Dörfern.

Die Zerstörung von menschlichen Lebensgrundlagen durch Waldbrände ist seitens der türkischen Kriegsmaschinerie eindeutig gewollt, es ist System. Es geht zum einen darum, dass die Menschen aus ihrem natürlichen Lebensumfeld vertrieben werden sollen. In den Dörfern sind der soziale Zusammenhalt und das solidarische Miteinander stärker verankert, in Städten hätte die Bevölkerung weniger Halt, wäre politisch unorganisierter und offener für die kulturelle Assimilation. Die Reproduktion der kurdischen Sprache und Kultur, welche nicht Teil des kapitalistischen Nationalstaates sind, soll immer weiter eingegrenzt werden.

Zum anderen geht es bei Waldbränden in direkter Nähe zu Dörfern vor allem darum, die Zivilbevölkerung aus den ländlichen Gebieten zu vertreiben. So kann der Zerstörungskrieg der türkischen Armee effektiver, sprich brutaler, geführt werden. So wäre die Guerilla von der Bevölkerung getrennt, hätte weniger Kontakt und könnte noch einfacher mit größeren – oder gar chemischen – Waffen von Seiten des Militärs bekämpft werden. Es kommt noch hinzu, dass durch die Zerstörung der Wälder der Lebens- und Aktionsraum der Guerilla zerstört werden soll. Wälder in direkter Nachbarschaft zu Militärstationen oder in unzugänglichen Tälern, in denen sich die Guerilla aufhalten könnte, sind so ein besonderes Ziel des Militärs.

Kommen wir zu den zu Beginn gestellten Fragen zurück, warum sich niemand auf der Welt um die durch den türkischen Staat vorsätzlich und systematisch zerstörte Natur schert. Wenn wir uns an die Beantwortung wagen: Die Wälder von Kurdistan sind natürlich ökologisch nicht weniger wert. Denn sie gehören zu den wenigen noch verbliebenen Wäldern im Mittleren Osten. Außer an den Meeresküsten des türkischen Staatsgebietes, in der iranischen Region am Kaspischen Meer und dem Küstenstreifen der Levante, von Lattakia bis zum Libanon, ist de facto kein Wald mehr erhalten. Dabei ist zu beachten, dass die Wälder außerhalb Kurdistans (diese erstrecken sich bis nach Luristan in Ostkurdistan) einem enormen Siedlungsdruck ausgesetzt sind. So ist es doch sinnvoll, sich gegen die Zerstörung der Wälder Kurdistans zu stellen. Langfristig sind die Wälder Kurdistans sehr bedeutend und könnten Ausgangspunkt sein, die Vegetation in Kurdistan und den umliegenden Ländern wieder auszubreiten. Wie auch immer, es darf nicht sein, die Wälder in ihrer Bedeutung gegeneinander aufzurechnen. Das würde uns in falsche Konkurrenz bringen. Alle Wälder sind wertvoll und zu schützen.

Denken wir weiter: Zweifellos sind die Berichte der Kurden, der kurdischen Medien und ihnen nahestehender Gruppen nicht angepasst an die internationale Kommunikationsnorm und Wortwahl. Sie können eventuell schwer zu verstehen sein. Doch dürfte das nicht als Grund aufgeführt werden. Interessierte und sensible Kreise sollte das nicht stören. Sonst wäre es nämlich arrogant und eurozentristisch. Es gibt eine Reihe von Kampagnen für meist tropische Wälder in aller Welt, ohne dass von dort die internationale Öffentlichkeit stark angesprochen wurde. In Nordkurdistan gibt es – wie oben geschildert – seit Jahren einen Widerstand gegen diese Waldbrände, der jedoch staatlich unterdrückt wird. Sind es nicht vielmehr die Vorurteile der bürgerlichen Öffentlichkeit und der großen und zumeist liberalen Umweltorganisationen gegenüber den Kurden und der kurdischen Freiheitsbewegung? Bestärkt nicht auch Unwissenheit über Kurdistan und den Mittleren Osten, die als »gefährlich, extrem, gewaltvoll und undurchsichtig« eingeordnet werden, diese Haltung?

Ein anderer Faktor ist sehr wahrscheinlich auch die Abwägung gegenüber den um ihre Freiheit würdevoll kämpfenden Kurden. Das heißt, dass diese schweigsamen Kreise oft einem Konflikt mit der türkischen Regierung und nationalistisch-islamistischen Kreisen aus dem Weg gehen, indem sie die Situation in Kurdistan zu übersehen versuchen? Wenn in irgendeinem anderen Land systematisch große Waldflächen von der Zentralregierung als Mittel gegen die aufständische Bevölkerung niedergebrannt und vernichtet werden würden, wäre sehr wahrscheinlich die Kritik auf internationaler Ebene viel lauter. Wir wissen von keinem anderen Land, wo das zurzeit in diesem Ausmaß passiert. Dieser Artikel soll dazu beitragen, darüber nachzudenken, warum die Waldbrände in Nordkurdistan international nicht thematisiert werden. Kritik ist erwünscht.


E-mail: mehdiplo@riseup.net

Website: www.mezopotamyaekoloji.org (demnächst auch auf Englisch)

  1. Artikel auf der Website der MEM: https://www.mezopotamyaekoloji.org/hambach-forest-guner-yanlic/ []
  2. Siehe Bericht der Ökologiebewegung Mesopotamiens vom Oktober 2015 unter dem Link: http://www.hasankeyfgirisimi.net/?p=314 []