Staudammbau am Fluss Botan

botanVon den Flüssen des Lebens zu den Flüssen des Todes …
Murat Gürbüz, politischer Häftling im E-Typ-Gefängnis Sêrt (Siirt)

Die Türkei ist, was Staudämme angeht, ein sehr reiches Land. In Kurdistan ist fast jeder Bach, jeder Fluss, schon fast jeder Wasserlauf mit einem Staudamm ausgestattet. Und Kurdistan war anscheinend noch zu wenig, so entschied man sich ebenfalls für Staudämme in der Schwarzmeerregion der Türkei. Es steht außer Frage, dass die Menschheit Staudämme und den aus ihnen gewonnenen Strom benötigt. Aber noch vor Elektrizität und Strom ist für den Menschen eine gesunde Natur überlebensnotwendiger.

Der Alkumru-Staudamm am Fluss Botan im Landkreis Tillo (Aydinlar), Provinz Sêrt (Siirt), sollte im Hinblick auf seine Vorteile für die regionale Bevölkerung näher betrachtet werden. Zuallererst muss Erwähnung finden, dass der Fluss jeglichen Bewässerungsbedarf für die Täler und Felder ab¬deckt. Außerdem können Bauern und Schäfer ihre Tiere hier baden.

Tierzucht und Landwirtschaft sind die einzige Überlebensquelle für die regionale Bevölkerung. Deshalb ist der Botan ein unverzichtbarer Bestandteil der Region, außerdem Zeuge von Krieg, Tragödie, Migration, Liebe und Freude. Daher rührt seine große Bedeutung für die Bevölkerung, nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in immaterieller Hinsicht.
Der Botan-Fluss hat aber noch eine andere Seite, nämlich seine Beziehung zur Natur und zum Leben. In der Natur verläuft alles nach einer gewissen Dialektik, Gegensätze ziehen sich an und können nicht anders als im Einklang miteinander exis¬tieren – eine unverzichtbare Realität im Leben und in der Natur. Was hat das aber mit dem Botan zu tun? Eine Menge.
Der Fluss ist die einzige Wasserquelle für Hasen, Bergziegen, Schildkröten, Rebhühner, Wildschweine, Vögel, Insekten und die weiteren Tiere der Region. Die ganze Fauna, die einen Bestandteil der genannten Dialektik bildet, ist auf ihn angewiesen.

Heute jedoch wird ein Staudamm an diesem Fluss gebaut [weitere sind in Planung] …

Der daraus gewonnene Strom stellt eigentlich nur die eine Seite der Medaille dar. Der wahre Grund für den Bau ist ein ganz anderer, die Energie ist nur eine Legitimation.

Der Staat, der dem kurdischen Volk Kultur, Sprache und Identität bestreitet, will jenen Kindern dieses Volkes, die für ihre Sprache, Kultur und Geschichte in die Berge gezogen sind und kämpfen, den geografischen Bewegungsspielraum verkleinern, einschränken und sie somit bekämpfen und vernichten. Zwei Fliegen mit einer Klappe also.

Aber zurück zu unserem Thema: Der Staudamm soll einige Gebiete der regionalen Bevölkerung unter Wasser setzen. Da¬runter fallen auch bewirtschaftete Felder und natürlicher Wohnraum. So wird die Bevölkerung zur Emigration gezwungen. Das ist die neue Politik „unseres“ Staates. Das ist die nächste Seite der Medaille (auch wenn unsere Medaille drei Seiten haben wird).

Dann gibt es aber noch jene, die auf der anderen Seite des Stausees bleiben. Sie werden der Dürre ausgesetzt sein, während die „eine“ Seite im Wasser „ertrinken“ wird. Die Landwirtschaft wird verschwinden, Tiere werden ihr gewohntes Wasser nicht mehr erhalten, viele weitere Weideflächen werden verschwinden. Und die Bevölkerung? Die wird, da sie wegen der Dürre ihre Täler und Felder verliert, die Tiere, die ja eine Überlebensquelle sind, verkaufen müssen! Und somit zur Emigration gezwungen! – Entschuldigung, nicht gezwungen: Die Umstände werden sie dazu bewegen. Das wäre die zweite Seite unserer Medaille.

Die dritte Seite unserer Medaille ist der Aspekt der Natur und des Lebens. Da die eine Seite komplett von der Dürre bedeckt, die andere vom Wasser überschwemmt wird, werden Tiere auf der Dürreseite verdursten und Tiere auf der Wasserseite ertrinken! Sie werden entweder sterben oder sich einen neuen Lebensbereich suchen müssen. In beiden Fällen wird es in der Region keine Tiere mehr geben, und die Alarmglocken werden noch lauter schrillen als ohnehin schon.

Die Menschen, die zur Emigration in die Metropolen gezwungen werden, gelten dann als neue Zahnräder in der Mühle des Kapitalismus. Menschen, die bisher nur Tierzucht und Landwirtschaft kannten, werden in den großen Metropolen ganz allein versuchen zu überleben. Auf der anderen Seite wird die kapitalistische Moderne mit TV-Filmen u.?Ä. neue „Polats“* schaffen. Diese neuen „Polats“ werden dann entweder in die staatlicherseits geschaffenen Mafiagruppen integriert, zu Diebstahl oder Drogenhandel gezwungen. Im Extremfall werden ihnen Waffen in die Hand gegeben und sie in den Krieg gegen das eigene Volk geschickt.

Die Frauen aus der Region werden zur Prostitution gezwungen und von Mafiagruppen oder kriminellen Banden „verkauft“. So wird die regionale Bevölkerung auf dem Weg zum „kapitalistischen“, egoistischen Menschen keinen Schimmer von Moral mehr haben!

Was ein Staudamm alles anrichten kann … Diejenigen, die sie bauen lassen, behaupten ja, sie würden Arbeit und Wohlstand in die Gegend bringen. Euer einziges Ziel ist es jedoch, die Freiheitskämpfer zu vernichten und unseren Boden und unsere Träume zu rauben!
„Der Staat ist die Mutter alles Schlechten.“ Wie wahr …

Wer mit Murat Gürbüz korrespondieren will, kann das unter dieser Adresse tun: Murat Gürbüz, Siirt E Tipi Cezaevi, Siirt, Türkei.

* Gemeint ist die Rolle des Polat Alemdar in der nationalistisch geprägten türkischen TV-Serie „Kurtlar Vadisi“ (Tal der Wölfe), der als Geheimdienstagent mit falscher Identität in der türkischen Mafia Karriere macht. Dieser Charakter gilt bei Jugendlichen zunehmend als Vorbild; ablesbar an Meldungen über immer mehr Fälle von Morden und anderen kriminellen Handlungen bei Jugendlichen.

Kurdistan Report Nr. 163 September/Oktober 2012