Murat Karayilan

Warnung Karayilans an die türkische Regierung

Murat KarayilanDeniz Kendal führte dies Interview mit Murat Karayilan für die kurdische Nachrichtenagentur ANF. Murat Karayilan ist Vorsitzender des KCK-Exekutivrats.

Wir dokumentieren eine stark gekürzte Übersetzung des Interviews vom 2. August 2012:

Mitte Juli trafen der Kurdische Nationalrat von Syrien (ENKS) und der Volksrat von Westkurdistan (EGRK) in Hewlêr (Erbil) zusammen und gründeten später im Rahmen des Abkommens von Hewler in Qamislo (Qamischli) den Kurdischen Hohen Rat. Bevor wir uns den anderen Fragen zu Westkurdistan zuwenden: Was sind Ihre Ansichten über diesen Zusammenschluss?

In dieser wichtigen historischen Phase, in der unsere Region, der Mittlere Osten, einen tiefgreifenden Wandel erfährt und in eine Zeit der Neustrukturierung eintritt, ist es eine grundlegende Pflicht, in und zwischen allen Teilen Kurdistans eine nationale Einheit zu entwickeln.

(…) Von diesem Bewusstsein ausgehend bemühen wir uns ernsthaft darum, den Boden für eine nationale Einheit in Kurdistan zu stärken. Denn das kurdische Volk wurde durch den Grundstein des heutigen Systems, den Vertrag von Lausanne, verleugnet, sein Land wurde geteilt und es wurde äußerst ungerecht behandelt. Unser Volk hat sich dieser Ungerechtigkeit zu keiner Zeit gebeugt, es hat bei jeder Gelegenheit, auf verschiedenste Art und Weise Widerstand leistend, sein Recht gesucht und musste deshalb Angriffe der Kolonialisten, erneute Unterdrückung, Gewalt und Massaker hinnehmen. Kurdistan hat schreckliche Tragödien erfahren.

Aber dieses System, das Kurdistan verleugnet, erlebt heute seinen Zusammenbruch. Global und regional ist alles im Wandel begriffen. Da sich alles verändert, muss sich auch das Sklavensystem ändern, dem das kurdische Volk unterliegt. Die Erstarkung unserer Bewegung und der Lauf der Geschichte entsprechen dieser Linie. Die Region wandelt sich grundlegend, aber sollen die Kurden wieder ohne Status, ohne das Grundrecht der muttersprachlichen Bildung bleiben, einem kulturellen und physischen Massaker ausgeliefert? Nein. Wenn sich alles verändert, dann ist auch die Zeit gekommen, dieses Unrecht an den Kurden, diese ungerechte, unmenschliche, brutale und ausbeuterische Politik zu verändern. Und dafür ist eine nationale Einheit ein sehr wichtiges Thema. (…) Vor diesem Hintergrund ist ein Zusammenschluss des Kurdische Nationalrats von Syrien (ENKS) und des Volksrats von Westkurdistans (EGRK) eine bedeutende Entwicklung. Dieser Schritt wurde mit der anschließenden Gründung des Hohen Rates bekräftigt und ist mit der Bildung von ihm unterstehenden Komitees in die entscheidende Phase getreten. Ich betrachte diesen Schritt als Erfolg der kurdischen Politik und der kurdischen Bevölkerung und bewerte ihn hoch.
(…)
Unser Vorschlag ist nur, dass die Entwicklungen auf Initiative dieses Kurdischen Hohen Rates zu erfolgen haben, wenn er als Vertretung des Willens der Bevölkerung gegründet worden ist. Unserer Meinung nach müssen alle politischen und militärischen Angelegenheiten, alle Kräfte dem Hohen Rat angebunden sein, und damit muss sich eine starke nationale Einheit zeigen. Wenn keine Partei, allen voran die PYD [Partei der Demokratischen Einheit], eine Sonderrolle fordert, wenn alle großen und kleinen Kräfte den nationalen Zusammenschluss stärken, dann ist unserem Volk der künftige Erfolg garantiert. (…)

Syrien befindet sich aktuell im Kriegszustand. (…) Ohne auf die Aufwieglungsversuche von unterschiedlicher Seite einzugehen, hat sie [die kurdische Politik] eine überaus organisierte, bewusste und vorausschauende politische Richtung eingeschlagen. Ohne diese Orientierung wären die kurdischen Gebiete heute vielleicht Kriegsgebiet, sie wären das Schlachtfeld anderer und die Kurden hätten heute großen Schaden davongetragen. Das hat die wesentliche kurdische Politik mit ihrem Widerstand verhindert. Der Wechsel des Regimes war gewollt, das wurde offen gezeigt und der Kampf entwickelt, andererseits aber eine programmatische Annäherung der Opposition an die kurdischen Rechte gefordert. Als das auf Oppositionsseite nicht erkennbar wurde, hat sie sich in Syrien und in der eigenen Bevölkerung geradezu als Vertreterin einer dritten Linie und als kämpfende Kraft etabliert. (…) Sie hat eine politische Linie verfolgt, mit der die demokratische Autonomie des kurdischen Volkes in einem demokratischen Syrien verteidigt und generell die Festsetzung eines Status für das kurdische Volk gefordert wird. (…) Das hat die kurdische Politik zu einer starken Kraft gemacht. Der Zusammenschluss gewährleistet dem kurdischen Volk auf jeden Fall einen Weg, auf dem Ergebnisse erzielt werden.

Obwohl das Bündnis erst ein paar Tage besteht, hat die Bevölkerung in zahlreichen Städten, zunächst in Kobanî, dann in Afrîn, in Amûde und in Derîk, die Leitung übernommen. Wie ist diese Entwicklung in Westkurdistan zu verstehen?

Wie ich schon vorhin darauf hingewiesen habe, hat sich die kurdische Bevölkerung organisiert und ist zu einer Kraft geworden, gleichzeitig hat sie, sich vor den Konflikten schützend, ihre Verteidigungsmittel entwickelt. Sie greift nicht an, hat sich aber durch die notwendige Organisierung die Fähigkeit angeeignet, sich bei einem Angriff zu verteidigen. Das ist einer der wesentlichen Gründe dafür, dass ihr eine wichtige Rolle in der Politik Syriens zukommt. In einer solchen Phase, in der nun das Regime nach und nach zerfällt, die Opposition die Kleinstädte und Städte übernimmt, haben parallel dazu die Kurden erst die Administration in Kobanî [Ain al-Arab], dann die in Afrîn, anschließend in Amûde und in Derîk übernommen. Mit der Ankündigung „Wir werden uns hier selbst verwalten“ haben sie einen wichtigen Schritt getan. Das ist natürlich eine revolutionäre Situation, die Phase der Befreiung des kurdischen Volkes von hundert Jahren Unterdrückung und Gewalt und des Erreichens von Selbstverwaltung, Kraft und Freiheit. (…)

Von türkischer Seite gab es unterschiedliche Erklärungen zu diesen Entwicklungen, in denen ihre Beunruhigung zum Ausdruck gebracht wurde. Erdogan hat mit seiner Äußerung „Wir akzeptieren keinen Aufbau unter PKK-/PYD-Führung“ eine eventuelle Intervention angedeutet. Wie bewerten Sie solche Erklärungen?

Dass der türkische Staat und die AKP-Vertreter auf den Aufstieg unseres Volkes scharf reagieren, es auf unterschiedliche Weise beschimpfen und seine hiesigen Errungenschaften mit unerträglichen Äußerungen bedenken, ist ein ganz anderes Thema. War der AKP-Staat nicht eigentlich für eine Demokratie in Syrien? War Erdogan nicht für die Freiheit des Volkes in Syrien? Die kurdische Bevölkerung ist ein Teil dessen. Wenn alle unabhängig werden sollen, dann auch die Kurden. Warum die Aufregung? Warum wird über die Einnahme von Azaz, Carablus [Jarabulus], Mimuc und Bab [Al-Bab] durch oppositionelle Kräfte kein Wort verloren, aber bei Afrîn und Kobanî geht das Geschrei los? Gibt es dafür eine Erklärung?

Wenn Syrien eine revolutionäre Phase durchlebt, werden die Kurden natürlich davon profitieren. Welchen Grund gäbe es für die rückständige und ahistorische Forderung, alle sollten profitieren, nur die Kurden im Alten verharren? Nur einen Grund: Feindschaft gegenüber Kurden. Es gibt keine andere Erklärung dafür. Wenn alle das Recht auf Freiheit haben, dann die Kurden dort ebenfalls. Wenn alle ihre lokale Verwaltung, die staatlichen Organe dort selbst in die Hand nehmen, dann tun es die Kurden auch. Aber nein, heißt es, hier gäbe es die PKK und die PYD, und eine PYD-/PKK-Führung würden sie nicht erlauben. Es gibt dort nicht eine Organisation oder Institution, sondern dort ist das Volk, eine Gesellschaft, und dieses Volk geht mit Hunderttausenden auf die Straße und nimmt die Staatsorgane in die eigene Hand. Und das nicht mit dem Ziel, sich von Syrien abzutrennen, mit einer anderen Region zu vereinen oder einen eigenen Staat zu gründen. Keine einzige politische Organisation in diesem Teil Kurdistans hat sich in dieser Richtung geäußert. Es wurde nur gesagt, das Recht auf Selbstverwaltung in einem einheitlichen Syrien werde genutzt und vor diesem Hintergrund die Selbstverwaltung aufgebaut.

Die PYD, mit der ein Großteil der Bevölkerung sympathisiert oder ihr als Mitglied angehört, ist das größte gesellschaftliche politische Gefüge in Westkurdistan. (…) Und zudem haben sich alle Kurden in Westkurdistan vereint und eine gemeinsame Organisation geschaffen. Der Ministerpräsident [Erdogan] sagt: „Die Gründung des Kurdischen Hohen Rates in Syrien ist falsch.“ Und: „Der Kurdische Hohe Rat vertritt nicht das kurdische Volk.“ Wie ist das möglich? Wie kann so etwas nur runtergeleiert werden? Es ist offensichtlich, dass er dasselbe, was er über die BDP im Norden sagt, auch über die PYD sagt, über die er keinerlei Informationen hat. Und das außerdem noch über den Kurdischen Hohen Rat in Syrien zu behaupten – eine gemeinsame Organisation aller kurdischen politischen Gruppen –, zeugt offen gesagt von einer voreingenommenen, auswendiggelernten und feindseligen Einstellung. Wollt Ihr bestimmen, wer das kurdische Volk zu vertreten hat? Das bestimmt nicht Ihr, sondern die Bevölkerung. Das kann nur jemand sagen ohne demokratische Einstellung, der keinen Respekt vor dem Willen der Gesellschaft zeigt, der die Mentalität für brutale Herrschaft hat. Denn der türkische Staat hat das kurdische Volk von Beginn an so gesehen. So vorurteilsbehaftet wie nur möglich wird ihnen aufgedrängt: „Die Kurden erhalten nirgendwo ihre Rechte, sie werden überall Sklaven sein. In der Türkei werden sie zu Türken, in Syrien zu Arabern, im Iran zu Persern. Und sie sind gezwungen, sich so zu verhalten.“
(…)
Angeblicher Demokrat, nach außen hin sollst du dich demokratisch geben, nach innen aber unterdrücken. Du forderst für alle Freiheit, aber nebenan lebt das kurdische Volk, dem gegenüber du dich absolutistisch aufführst. Die Türkei wird so nicht weiterkommen. Es ist unmöglich, dass sie mit Kurdenfeindlichkeit, gegründet auf dem Boden einer nationalistischen Haltung, aus einem Blickwinkel wie im 19. und 20. Jahrhundert, irgendetwas erreicht. (…) Für die Kurden gibt es keinerlei Unterschied zwischen der heutigen nationalistischen Linie Erdogans und der völkisch-kemalistischen Einstellung. Es ist unmöglich, mit dieser Haltung und der Kurdenfeindlichkeit ein Ergebnis zu erzielen. Er sei dort gar nicht gegen das kurdische Volk, er sei gegen die PKK. Die PKK gibt es dort aber gar nicht. Woher habt Ihr das?

Aber die türkische Seite nennt als Interventionsgrund ständig die Existenz der PKK in der Region, oft sogar, dass Sie Ihre bewaffneten Militanten nach Westkurdistan schicken …

Die Kurden in allen Teilen [Kurdistans] haben gemeinsame nationale Anführer. In jedem sehen sie für sich, egal wo sie leben, eine nationale Führung, aber in jedem Teil gibt es eigene Parteien, Organisationen und Aktivitäten. Auch in Westkurdistan gibt es unterschiedliche Parteien, und die haben unterschiedliche Führungsleute, die für sich genommen als Anführer betrachtet werden können und auch so gesehen werden. Aber ein sehr großer Teil unseres Volkes in diesem Teil betrachtet Abdullah Öcalan als nationale Führung. Sie haben seine Anstrengungen gesehen und waren Zeugen seiner Arbeit und sie kennen ihn aus nächster Nähe. Aber sie haben eigene Parteien, eigene zivilgesellschaftliche Institutionen und es gibt die Tatsache der Vertretung einer gesellschaftlichen Realität. Dies ist Fakt, aber wir haben dort als PKK keinerlei Aktivitäten oder irgendeine Kraft. Die Organisation unseres Volkes hier und sein Bewusstsein sind auf einem sehr hohen Niveau. Außerdem besteht keinerlei Notwendigkeit, dass wir dort vertreten sind und unsere Kräfte einbringen. Auch gab es dort bisher keine Beitritte von uns, sondern von Zeit zu Zeit von dort aus bei uns. Zudem hat dieses Volk eine nationale Einheit geschaffen, in der alle politischen Gruppen vertreten sind. Alle, die dies lesen, können sich die Paradigmen aneignen und ähnliche Parteien je nach den Voraussetzungen in ihren Ländern gründen. (…)

Diejenigen, welche die Position des türkischen Staates vertreten, müssen eine Realität sehen. Die Zeit ist reif, von dieser Politik abzulassen. Einer rückständigen Politik, voller Vorurteile gegenüber einer Gesellschaft, einer Politik, die Feindseligkeit schürt. Ihr habt diese Sprache in der Vergangenheit den irakischen Kurden gegenüber benutzt, Ihr wart feindselig, aber am Ende musstet Ihr sie akzeptieren. Nun gebraucht Ihr den syrischen Kurden gegenüber dieselbe Sprache, pflegt Vorurteile, morgen werdet Ihr sie ebenfalls akzeptieren müssen. Denn das ist die Realität. Morgen kann in Ostkurdistan dieselbe Entwicklung stattfinden, wollt Ihr da dieselbe Reaktion zeigen?

Wo liegt der Ursprung für diese Einstellung?

Der Ursprung liegt darin, dass die Türkei ihre eigene Kurdenfrage im Land nicht lösen kann. Die Türkei diskutiert aktuell darüber. Wenn sie wirklich zu einem demokratischen Land werden will, wenn sie in der Region eine Rolle spielen will, dann muss sie zunächst von diesen Vorurteilen in der Kurdenfrage, von ihrer nationalistisch-rassistischen Politik und von der Nichtanerkennung der Rechte des kurdischen Volkes abkommen. Sie kann sich nur so vor ihrer Kurdenphobie retten. Sie muss zunächst einmal das kurdische Volk als solches anerkennen. (…)

Die türkische Presse und die Vertreter des türkischen Staates versuchen, die Übernahme der staatlichen Institutionen durch die Bevölkerung im Kern so darzustellen, dass „Assad die regionale Macht an die PYD übergibt“. Wie bewerten Sie das?

Ja. Einige türkische Staatsvertreter und auch manche Medien haben dies angesprochen, genau so, wie sie es die syrische Opposition haben sagen lassen. Das ist eine einzige Verleugnung und eine regelrechte Schlammschlacht. Zum einen ist die PYD seit 2004 die Organisation, die Syrien und die Türkei gemeinsam am meisten bekämpfen. Es haben schon so viele Mitglieder der PYD durch Folter ihr Leben verloren. Wir wissen und sehen, dass die PYD seit Jahren eine Widerstand leistende Bewegung ist.

Auch sind etliche Gebiete nach Kämpfen eingenommen worden. Die PYD hat Gefallene und auch die Gegenseite verzeichnet Tote. Mag sein, dass sich der syrische Staat nicht mit aller ihm politisch zur Verfügung stehenden Macht der PYD widmet. Aber wie ich schon darauf hingewiesen habe, auch die Kurden halten es in ihrem Interesse nicht für richtig, mit aller Macht und um jeden Preis gegen das Regime einen Krieg zu führen. Das stimmt. Aber das ist auch kein Punkt, der nur die PYD betrifft, sondern er betrifft alle Kurden. Ganz klar ist, es wurde gekämpft, Widerstand geleistet und mit der Phase des Zusammenbruchs die regionale Führung übernommen. Das ist ein Ergebnis der Mühen, die unsere Bevölkerung aufgebracht hat. Verleumderisch werden die anderen Dinge behauptet, aber alle wissen, dass es nicht der Wahrheit entspricht.

Wie werden Sie sich verhalten, wenn die Türkei oder eine andere Macht in Westkurdistan einen Angriff beginnt, der gegen die bisherigen Errungenschaften des Volkes gerichtet ist?

Wenn die Türkei auf irgendeine Art und Weise in Westkurdistan, also in Syrisch-Kurdistan, eingreift, dann wird damit der Geduldsfaden des kurdischen Volkes zerrissen. Wenn ein Staat, der im eigenen Land dermaßen viele kurdische Politiker verhaftet, der seit mehr als einem Jahr die Führungsperson des kurdischen Volkes total isoliert und systematische Folter anwendet, der gegen die Kurden im Norden regelrecht Krieg führt, wenn dieser Staat die Grenzen überschreitet und das Volk in Westkurdistan angreift, dann wird dies das kurdische Volk nicht nur in Westkurdistan, sondern in allen Teilen Kurdistans zum Krieg gegen den türkischen Staat veranlassen. Was Palästina seinerzeit für alle Araber war, das ist heute für alle Kurden Syrisch-Kurdistan. Daher sollten das gegenwärtige syrische Regime, die syrische Opposition oder der türkische Staat besonders beachten: Ein Angriff auf das Recht des kurdischen Volkes in Westkurdistan, das nur eine kleine Zahl umfasst, auf Selbstverwaltung und auf seine natürlichen Rechte in einer demokratischen Gemeinschaft Syrien bedeutet Feindschaft und alle Kurden werden mit aller Kraft gegen diesen Angriff zu Felde ziehen. Daher sollte jeder, der angreift – denn von Zeit zu Zeit sehen wir, dass einige Kräfte und das Regime die dortigen Kurden verunglimpfen –, wissen, dass unsere Leute dort nicht allein sind.

Quelle: ANF, 02.08.2012, ISKU