Was um alles in der Welt ist diese Kurdenfrage, ich kann es nicht sehen!

ezgi basaranEzgi Basaran/Journalistin, Kolumnistin der Zeitung Radikal

Kurdenfrage heißt, kleine Kinder zu „Steinewerfern” zu machen, im Anschluss wegen Steinewerfens in den Knast zu stecken und im Knast an diesen sexuelle und psychologische Gewalt auszuüben.
In einem der 5-Sterne Hotels Ankaras fand eine Präsentationsversammlung zu einem 3,15 Mio. € Projekt statt. Minister Sadullah Ergin erklärte das Projekt mit den Worten: „Die zur Kriminalität verführten und im Strafvollzug sitzenden Kinder brauchen spezielle Betreuung, Hilfe und gesetzlichen Schutz während ihrer Entwicklung und wegen der Folgen negativer Lebenserfahrungen in physiologischer, geistiger, sozialer und psychologischer Hinsicht.” Ein Rechtsprojekt für die Kinder. Welch Ironie …

Zwei Tage nach dieser feudalen Rechtsvorstellung und diesem Süßholz raspeln haben wir verstanden, was Gerechtigkeit für Kinder bedeutet. Keine drei Kurus, nein, sogar 3,15 Mio.€! Wir haben erfahren, dass die nach politischen Aktionen willkürlich festgenommenen kurdischen Kinder im Gefängnis Pozanti in Adana leben.
Dass sie an ihren Händen mit Kunststoffstöcken geschlagen wurden …
Dass sie mit Schlagstöcken bedroht wurden …
Dass sie die Nationalfahne (gemeint ist die türkische) küssen mussten …
Dass die um ihre Hälse gelegten Stricke „bei Bedarf” verengt wurden …
Dass sie gezwungen wurden, mit Straftätern dieselben Zellen zu teilen …
Dass ihnen in diesen Zellen von einigen „Vertretern” die Hosen heruntergelassen wurden …
Dass sie mit Gewalt in die Betten dieser „Vertreter” gelegt wurden …
Dass sie missbraucht und vergewaltigt werden …
Das haben wir erfahren. Beschämt. Wütend. Würgend.

Seit geraumer Zeit geht Gestank vom Pozanti-Gefängnis auf, nur konnten wir das Ausmaß dieser Kloake nicht abschätzen. Obwohl, der Inländer ist daran gewöhnt worden:
Den steinewerfenden Kindern ist ihr Leben den Bach runter geflossen worden. Schlechte Behandlungen in Gefängnissen sind gang und gäbe.
Bist du krank, stirbst du, bist du es nicht, wirst du verrückt. Bist du einmal dort gelandet, kannst du keine Rechte geltend machen.
Darum sind wir an die Hungerstreiks und die Aufschreie der politischen Gefangenen in den Gefängnissen gewöhnt. Sind daran gewöhnt worden. Ihr kennt sicher den Mechanismus, dass wenn man lange Zeit einem schlechten Gestank ausgesetzt ist, sich daran gewöhnt.
Aber den Gestank nicht mehr wahrzunehmen ist eigentlich ein Zeichen dafür, selbst ein Teil dieses Gestanks zu sein.

Nehmen wir an, ihr habt es wieder nicht vernommen. Es gibt Ridvan. Einer von den Sportlern, die klug und gewandt sind. Er studierte im dritten Jahr an der Fakultät für Sportwissenschaften. Er war dreimaliger Türkeimeister und kam 2008 auf dem Balkan auf den dritten Platz. Er war also ein Nationalsportler. Ich sage war, denn Ridvan Çelik ist seit einem Jahr in Haft. Grund? Teilnahme an den 1.-Mai-Feierlichkeiten der BDP, Parolen rufen, Lieder mitsingen, klatschen … Und somit Propaganda für eine Organisation, Straftaten ausüben im Namen der Organisation … Beweise? Ridvans während der Demo fotografiertes Bild mit offenem Mund … Und erneut somit die Entscheidung der Haftstrafe von 14 Jahren und 7 Monaten.

Die tätigen JournalistInnen der Zeitung Özgür Gündem, der Zeitung Birgün und der Nachrichtenagentur DIHA werden wegen KCK-Mitgliedschaft festgenommen.
Die Stimmen der Frauen, die sich Gedanken über die kurdische Frage machen, die im Gegensatz zum anderen Geschlecht immer konsequent und aufrecht waren, wurden verstummt.
Die Kolumnen der Journalistinnen Nuray Mert und Ece Temelkuran wurden ihnen entzogen, die Journalistin Banu Güven wurde in die Ecke verwiesen1, die Journalistin Asli Aydintasbas wurde von einem Minister (gemeint ist der AKP-Minister Hüseyin Çelik) während einer Livesendung mit den Worten „… und sie sind die Sprecherin der BDP, oder wie sehe ich das…”, angeschnauzt. Die Woche später wird ihr TV-Programm abgesetzt. Wobei das noch gut ist, da die Möglichkeit einer jederzeitigen Verhaftung in der Luft hängt. Aus dieser Sicht … Ist der folgende Spruch entwickelt, „Wenigstens sind wir arbeitslos, Gott sei Dank“.

Was ist denn nun mit der Kurdenfrage, ich verstehe das nicht … Es ist ein kurdischer Sender ans Netz gegangen, es gibt dort sogar eine Serie, olala, was wollen die mehr, überlege und überlege, aber es fällt mir nichts ein2 sagen einige … Für diejenigen habe ich eine besondere Zusammenfassung, die kurdische Frage bedeutet folgendes, mein Bruder: Kleine Kinder werden zu „Steinewerfern” gemacht, im Anschluss wegen Steinewerfens in den Knast gesteckt und im Knast wird an diesen sexuelle und psychologische Gewalt ausgeübt. Statt einem kurdischen Jungen den Weg als Nationalsportler zu ebnen, wird dieser wegen Teilnahme am 1. Mai mit 14 Jahren Haft bestraft.
Die Antwort auf die Fragen „Wie wird ein Baby zum Mörder?” und „Warum kann die Kurdenfrage nicht gelöst werden, warum ziehen die jungen Leute immer noch in die Berge?” ist mehr oder weniger dieselbe. Schau nach Pozanti, schau auf Ridvan, schau hin, wenn die Diskussion der Kurdenfrage, die ja so schön enttabuisiert worden ist, nach den Richtlinien des Staates diskutiert wird, wenn versucht wird, diese zu domestizieren und wenn die Rechte der Organisierung beschnitten werden. Nun sieh das doch endlich! Was soll ich noch sagen?

Fußnoten der Übersetzerin:
1) In der Türkei wurden in der letzten Zeit mehreren türkische JournalistInnen nach Druck der AKP Regierung gekündigt, Ece Temelkuran von der Tageszeitung und TV Sender Habertürk, Banu Güven von dem TV-Sender NTV, Can Dündar von TV-Sender NTV, Mehmet Altan von der Tageszeitung Star, Nuray Mert von der Tageszeitung Milliyet. Diese kritisierten in ihren Artikeln die AKP-Regierung sehr scharf, besonders hinsichtlich der Kurden-Problematik.
2) Gemeint ist der türk. Innenministers Idris Naim Sahin, der am 7.November 2011 eine spöttische Rede zur Kurdenfrage gehalten hat.

Radikal, 29.02.2012