82 Nobelpreisträger:innen haben sich mit einem gemeinsamen Schreiben an das Ministerkomitee des Europarates gewandt und die Umsetzung des „Rechts auf Hoffnung“ für Abdullah Öcalan gefordert. Zugleich rufen sie zur Freilassung des kurdischen Repräsentanten auf und verlangen, dass ihm die uneingeschränkte Möglichkeit eingeräumt wird, sich am laufenden Friedensprozess zu beteiligen. Die Unterzeichner:innen erklären, sie unterstützten die gegenwärtigen Bemühungen um Frieden durch Dialog und demokratische Mittel in der Türkei sowie in den kurdischen Regionen Syriens und Irans. In diesem Zusammenhang erkennen sie Abdullah Öcalan als „einen zentralen Initiator des gegenwärtigen Friedensprozesses in der Türkei“ an, dessen Einfluss weit über die Grenzen der Türkei hinausreiche.
„Zu einer Zeit zunehmender globaler Konflikte ist es unerlässlich, die Perspektive des Friedens aufrechtzuerhalten und diejenigen zu unterstützen, die für ihn arbeiten“, heißt es in dem Schreiben. Deshalb müsse Öcalan als „zentraler Gesprächspartner und Architekt dieser Bemühungen“ in die Lage versetzt werden, diese Rolle auszuüben.
Dritte Intervention innerhalb von drei Jahren
Es ist bereits das dritte Schreiben von Nobelpreisträger:innen an das Ministerkomitee innerhalb der vergangenen drei Jahre. Bereits in früheren Appellen hatten sie auf die Haftbedingungen Abdullah Öcalans aufmerksam gemacht und die Anerkennung seines „Rechts auf Hoffnung“ gefordert. Zuletzt hatten 88 Nobelpreisträger:innen 2025 Öcalans Aufruf für „Frieden und eine demokratische Gesellschaft“ unterstützt. Schon damals hatten sie gefordert, ihm eine aktive Beteiligung am Friedensprozess zu ermöglichen, seinen rechtlichen Status zu klären und den Weg für seine Freiheit zu öffnen.
Verweis auf Entwicklungen seit dem Friedensaufruf
In ihrem aktuellen Schreiben verweisen die Nobelpreisträger:innen auf die Entwicklungen seit Öcalans Friedensaufruf vom Februar 2025. Genannt werden unter anderem die einseitige Waffenruhe der PKK, die Abhaltung ihres Kongresses, die Auflösung ihrer Organisationsstruktur, eine symbolische Zeremonie zur Beendigung des bewaffneten Kampfes sowie der Rückzug ihrer Kräfte aus türkischem Staatsgebiet. Die Unterzeichner:innen sehen darin konkrete Schritte für Frieden und Koexistenz. Öcalans Initiativen zur Förderung des Zusammenlebens der Völker, zur Einberufung von Friedenskonferenzen und zu Bemühungen um Entwaffnung entsprächen den grundlegenden Kriterien, die Alfred Nobel für den Friedensnobelpreis formuliert habe. „Als Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger erkennen wir diese Initiativen an und unterstützen sie“, heißt es in dem Schreiben.
Kritik an bestehenden Hindernissen
Die Unterzeichnenden verweisen zugleich auf die Arbeit der von der Großen Nationalversammlung der Türkei für eine Lösung der kurdischen Frage eingesetzten Kommission für Nationale Solidarität, Geschwisterlichkeit und Demokratie. Diese hatte Abdullah Öcalan im November 2025 auf der Gefängnisinsel Imrali besucht „und damit faktisch seine Rolle als zentralen Gesprächspartner anerkannt“. Zugleich äußern die Nobelpreisträger:innen Kritik daran, dass weiterhin auf den Rahmen der Terrorismusbekämpfung zurückgegriffen werde. Dies stelle ein Hindernis für einen wirklichen Dialog und einen Versöhnungsprozess dar.
Friedensappelle für die gesamte Region
Über die Türkei hinaus verweisen die Nobelpreisträger:innen auf Öcalans wiederholte Aufrufe zu Dialog, Verhandlungen und Deeskalation während der Konflikte in Syrien. Auch im Zusammenhang mit den Spannungen und kriegerischen Entwicklungen im Iran habe sich der Einfluss seines politischen Ansatzes gezeigt. Die Unterzeichner:innen betonen, dass Abdullah Öcalan und die kurdische Bewegung konkrete Schritte für einen demokratischen Wandel unternommen hätten. Gleichzeitig bestehe die Gefahr, dass Kräfte, die auf Gewalt setzten, den laufenden Prozess durch Provokationen gefährden könnten. Internationale Unterstützung bleibe deshalb entscheidend, um demokratische Entwicklungen zu stärken und den Friedensprozess abzusichern.
Forderung nach Umsetzung des „Rechts auf Hoffnung“
Abschließend fordern die Nobelpreisträger:innen das Ministerkomitee des Europarates auf, die Umsetzung des Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) von 2014 gegen verschärfte lebenslange Haftstrafen sicherzustellen und das „Recht auf Hoffnung“ anzuerkennen. Dies sei ein entscheidender erster Schritt, um den rechtlichen Status Abdullah Öcalans zu klären und ihm eine umfassende Beteiligung am Friedensprozess zu ermöglichen.
„Wir rufen zur Freilassung Abdullah Öcalans auf und fordern, dass ihm die volle und uneingeschränkte Möglichkeit gegeben wird, am weiteren Friedensprozess teilzunehmen“, schreiben die Unterzeichnenden. Der Brief endet mit den Worten: „In diesem kritischen Moment braucht die Welt dringend Führungspersönlichkeiten, die dem Frieden verpflichtet sind.“ Zu den Unterzeichner:innen gehören unter anderem die Friedensnobelpreisträgerinnen Jody Williams, Shirin Ebadi, Mairead Corrigan, Ellen Johnson Sirleaf und Kailash Satyarthi sowie die Literaturnobelpreisträgerinnen Herta Müller und Elfriede Jelinek.