Ein Gastbeitrag von Nupelda Azgar
Es gibt Momente, in denen Weltpolitik ihre Masken nicht mehr halten kann. Nicht, weil Moral plötzlich siegt, sondern weil Interessen zu offen, zu widersprüchlich, zu hastig verfolgt werden. Abdullah Öcalan beschreibt diese Epoche als Zeit der „demaskierten Götter und nackten Könige“. Herrschaft verliert ihre sakralen Begründungen und wirkt trotzdem fort, weil Macht sich selbst genügt.
Wer heute nach Nordostsyrien blickt, nach Rojava, auf die Selbstverwaltung, auf das Experiment demokratischer Autonomie unter Dauerbedrohung, sieht diese Entblößung in Echtzeit. Der Westen spricht von Stabilisierung und Integration, verhandelt mit neuen Machthabern in Damaskus und verkauft Realpolitik als Friedenspolitik. Gleichzeitig wird das kurdisch geprägte Projekt, das jahrelang als faktischer Bodenträger im Kampf gegen den Islamischen Staat fungierte, politisch und militärisch an den Rand gedrückt.
Jolani und die politische Metamorphose als Eintrittskarte
Im Zentrum dieser Verschiebung steht Ahmed al Sharaa, bekannt unter seinem nom de guerre Abu Mohammed al Jolani. Seine Biografie ist keine Randnotiz, sondern Kern der aktuellen Legitimationskrise. Er prägte die al Nusra Front, die als syrischer Ableger von al Qaida galt, und führte später Hayat Tahrir al Sham, kurz HTS. Heute tritt er als Präsident einer syrischen Übergangsordnung auf und erhält internationale Bühne und Gesprächskanäle.
Symbolisch kulminierte diese Normalisierung im Auftritt al Sharaas vor der UN-Generalversammlung im September 2025. Dort erhielt ein Mann die internationale Bühne, dessen Autorität nicht aus freien landesweiten Wahlen hervorgegangen ist, sondern aus den Machtkonstellationen eines vom Krieg zerrissenen Landes. Wer an diesem Ort spricht, wird nicht nur angehört. Er wird politisch aufgewertet.
Brüssels Beitrag zur Entblößung
Die Europäische Union (EU) hat diese Aufwertung in harte Politik übersetzt. Am 9. Januar 2026 reiste die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gemeinsam mit dem UN-Generalsekretär António Costa nach Damaskus und stellt ein Finanzpaket von rund 620 Millionen Euro für 2026 und 2027 in Aussicht, für humanitäre Hilfe, Frühaufbau und bilaterale Unterstützung. Die Kommission spricht von einem neuen Kapitel in den Beziehungen zu Syrien.
Man kann das pragmatisch nennen. Nach dem Sturz Assads, nach Jahren der Sanktionen, unter dem Druck von Fluchtbewegungen, Energiepolitik und regionaler Neuordnung. Aber man muss dann auch aussprechen, was politisch passiert. Legitimität wird nicht mehr an institutionelle Qualität oder demokratische Mindeststandards geknüpft, sondern an Nützlichkeit im Moment. Opportunismus in seiner reinsten Form.
Damit verschiebt sich zwangsläufig das Kräfteverhältnis: Wer als offizieller Ansprechpartner anerkannt und finanziell gestützt wird, gewinnt politischen Handlungsspielraum, während konkurrierende Ordnungsmodelle wie die demokratische Selbstverwaltung in Nordostsyrien leichter als nachgeordnet oder verzichtbar behandelt werden.
Die Abkommen mit der QSD und Integration als Unterordnung
Die neue Linie zeigt sich besonders in den Vereinbarungen zwischen Damaskus und den Syrischen Demokratischen Kräften (QSD) unter Mazlum Abdi. Am 10. März 2025 wurde ein Integrationsabkommen bekannt. Es zielt auf die Eingliederung von Strukturen in staatliche Institutionen und auf die Zusammenführung zentraler Funktionen, während entscheidende Fragen der politischen Selbstverwaltung offen bleiben.
Im Januar und Februar 2026 folgte eine Eskalations- und Verhandlungsphase. Waffenruhen, Gebietsverluste der QSD und schließlich das Einrücken staatlicher Sicherheitskräfte in kurdisch geprägte Städte wie Hesekê (Hasakah) und Qamişlo (Qamishli) unter einem Arrangement, das die Rückkehr staatlicher Institutionen in zentrale Bereiche vorsah. In der Wirkung markiert das eine Verschiebung: Die QSD verliert politischen Spielraum, während Damaskus Schritt für Schritt staatliche Präsenz und Zuständigkeiten zurückgewinnt. Das ist kein abgeschlossener Umbau, sondern ein Prozess, der je nach Frontlage, internationalen Absprachen und lokaler Akzeptanz voranschreitet oder stockt, für Rojava aber bereits jetzt die Richtung vorgibt.
Dass Integrationsformeln in der Praxis oft Unterordnung bedeuten, ist in Rojava keine Theorie, sondern Erfahrung. Selbst wenn Damaskus punktuell kurdische Rechte betont, bleibt die entscheidende Frage: Wer kontrolliert Sicherheit, Ressourcen, Verwaltung und Justiz? Damit verdichten sich die Drucklinien auf Rojava von mehreren Seiten zugleich, aus Damaskus ebenso wie aus Ankara.
Türkei als Hebel und das Muster der Friedensrhetorik
In dieser Gemengelage ist die Türkei nicht bloß ein Akteur unter vielen, sondern ein zentraler Taktgeber. Ankara behandelt Nordostsyrien nicht primär als technische Grenzfrage, sondern als Frage kurdischer Selbstorganisation. Entscheidend ist weniger, was Rojava militärisch tut, sondern dass dort kurdische Selbstorganisation und ein Autonomieprojekt existieren. Diese Priorität zeigt sich nicht nur in Syrien, sondern auch im inneren Umgang Ankaras mit Verhandlungssignalen und Friedensrhetorik.
Dazu passt das Muster der vergangenen Jahre. Der letzte ernsthaft institutionalisierte Lösungsprozess zwischen Ankara und der PKK ist 2015 gescheitert, danach folgte eine Phase harter Eskalation. Seit 2025 gibt es wieder Signale, Aufrufe, Waffenstillstandserklärungen und politische Manöver. Doch ob daraus ein belastbarer Verhandlungsprozess wird, ist offen und stark interessengeleitet. Selbst dort, wo Entspannung rhetorisch in Aussicht gestellt wird, bleibt sie an Machtkalküle gebunden und kann jederzeit zurückgenommen werden, etwa wenn außenpolitische Konstellationen, Syrien eingeschlossen, dies opportun erscheinen lassen. Für kurdische Akteure verfestigt sich daraus ein Muster: Verhandlungen werden als Druckmittel und taktisches Instrument genutzt, nicht als verlässlicher Weg zu eigenständigen Rechten und Autonomie.
Öcalan und die Krise der Legitimität
Die Bühne der Vereinten Nationen, diplomatische Anerkennung und europäische Hilfspakete wirken in dieser Konstellation nicht nur als Begleitmusik, sondern als Instrumente politischer Legitimation, die neue Machtverhältnisse absichern und alte Bündnisse entwerten können. Öcalans Analyse zielt darauf, dass die kapitalistische Moderne in einer strukturellen Krise steckt und damit auch ihre Legitimationsformeln. Staaten und Bündnisse argumentieren weniger mit universalistischen Normen, sondern mit Stabilität, Migrationsmanagement, Antiterror und Partnerschaft. Man kann das als Anpassung an eine multipolare Welt lesen. Man kann es aber auch als Symptom eines Systems lesen, das seine moralische Selbstbeschreibung nicht mehr einlösen kann. Genau dort sitzt die Metapher der nackten Könige: Macht steht da, ohne überzeugende Verkleidung.
Rojava ist, bei allen Widersprüchen, Defiziten und Abhängigkeiten, ein Gegenentwurf im Kleinen. Lokale Räte, Geschlechterbefreiung als politischer Anspruch, ethnische und religiöse Pluralität, Ökologie und föderale Ansätze. In Öcalans Begrifflichkeit sind das Elemente einer demokratischen Moderne gegen nationalstaatlichen Zentralismus und marktförmige Durchdringung. Dass dieses Projekt nun zwischen Damaskus, Ankara, Washington und Brüssel zerrieben wird, ist kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck der Prioritäten der Weltpolitik.
Selbstschutz statt Vertrauensvorschuss
Aus dieser Perspektive ist nachvollziehbar, warum sich in kurdischen Debatten die Schlussfolgerung verhärtet. Autonomie wird nicht durch freundliche Formeln, Konferenzen und Absichtserklärungen garantiert, sondern nur durch reale Machtmittel, politische Organisation, gesellschaftliche Resilienz und, wo nötig, Selbstverteidigung. Das ist keine Verherrlichung von Gewalt, sondern die nüchterne Lesart einer Region, in der Sicherheitsgarantien regelmäßig verfallen, sobald sie unpraktisch werden.
Die perfide Pointe ist weniger der Westen als moralisches Feindbild, sondern die Struktur. Dieselben Akteure, die jahrelang mit Normen argumentierten, legitimieren heute eine Normalisierung, die sie gestern noch ausgeschlossen hätten. Al Sharaa kann im September 2025 vor der UN-Generalversammlung sprechen. Brüssel sagt im Januar 2026 hunderte Millionen zu. Gleichzeitig verlieren die kurdischen Strukturen in Nordostsyrien unter Integrationsdruck und militärischen Realitäten ihre Verhandlungsmacht.
Wenn das die neue Normalität ist, dann ist Öcalans Metapher mehr als Literatur. Die Götter sind demaskiert, die Könige nackt. Und Rojava schaut nicht mehr auf die Kulisse, sondern auf die Mechanik dahinter.