„Ich habe keine Angst, es gibt nichts weiter als den Tod“

Kobane1Stimmen aus Kobanê (Teil 1)
Can Çiçek, Mitarbeiter von Civaka Azad – Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e.V., 28.09.2014

„Ich habe keine Angst, es gibt nichts weiter als den Tod“, zitiert die Süddeutsche Zeitung am 27.09.2014 die Worte von Narin Mohammad. Mohammad, die sich gerade in der gegenüber von Kobanê liegenden Grenzregion in Suruç befindet, ist Mutter von drei Kindern. Sie war, wie viele tausend andere Menschen, von Kobanê über die türkische Grenze nach Suruç geflüchtet. Nun hat sie sich entschieden nach Kobanê zurückzukehren. „Es ist besser, zu Hause zu sterben als in Regen, Schlamm und Ungewissheit zu warten“, erklärt Mohammad weiter im Gespräch mit Christiane Schlötzer.1

“Um Kobanê vor der drohenden Besetzung zu verteidigen”

Nicht nur sie sondern viele andere vor allem junge Menschen kehren nach Kobanê zurück. „Um Kobanê vor der drohenden Besetzung zu verteidigen“, wie Dilan, eine junge Kurdin sagt.

In diesen Tagen wird viel über die Lage in Kobanê und Syrien diskutiert. In den Zeitungen kursieren Meldungen über Luftangriffe der westlichen Staaten gegen IS-Stellungen in Syrien. Viel wird darüber spekuliert, was passieren würde, sollte Kobanê fallen. Mögliche Szenarien scheinen wie vorgezeichnet. Nur wird bedauerlicherweise, wie allzu oft, den betroffenen Menschen vor Ort kein Gehör geschenkt. Daher soll in diesem Artikel den Menschen von Kobanê das Wort erteilt werden, um uns aus ihrer Perspektive die Lage vor Ort schildern lassen zu können.

„Wir sind nach Suruc geflohen, weil uns gesagt wurde, dass die Türkei uns helfen würde. Als wir nach einem stundenlangen Marsch die türkische Grenze passierten, wurden wir von türkischen Militärs aufgehalten. Mit ihren Waffen deuteten sie uns an, dass sie uns erschießen würden, sollten wir versuchen weiterzulaufen.“, so die Worte vom 21-Jährigen Mohammed, der gemeinsam mit seiner Mutter und seinen beiden jüngeren Geschwistern in die Türkei geflohen war.

„Nicht einmal Wasser haben sie [die türkischen Soldaten] uns gegeben. Unsere Geschwister aus dem Norden [gemeint sie die KurdInnen aus der Türkei] wollten uns zu Hilfe eilen. Wir haben von unserem Standpunkt aus sehen können, wie sie [das türkische Militär] die aufgestellten Zelte zerstört und gegen unsere Geschwister mit Tränengas vorgegangen ist.“, so die ergänzenden Worte der Mutter von Mohammed.2

Bereits am 22.September reiste Bundestagsabgeordnete Heike Hänsel an die türkisch-syrische Grenze und berichtete vom Einsatz von Tränengas, CS-Gas und Wasserwerfer seitens türkischer Militärs gegen kurdische Demonstrierende.3

Seit dem 15. September greift die IS-Terrormiliz mit gebündelter Kraft von allen Richtungen aus Kobanê an, wie der Sprecher der Volksverteidigungseinheiten Polat Can berichtet. Auf die Frage wie er die neugegründete Allianz der Verbündeten gegen den IS betrachtet, entgegnete Can folgendermaßen: „Es gilt anzumerken, dass obwohl der IS derzeit ausschließlich in Kobanê operiert, keinerlei Luftangriffe der USA oder anderer Staaten gegen IS-Stellungen um Kobanê geflogen wurden. Weiter sind es einzig die Volksverteidigungseinheiten der YPG und YPJ, die die Bevölkerung in Kobanê vor einem drohenden Massaker durch den IS beschützt hat und weiterhin mit allen Mitteln versucht zu schützen.“4

Die Kämpferinnen und Kämper der YPG und der YPJ (Frauenverteidigungseinheiten) berichten von der Kampffront und drücken ihre Entschlossenheit im Kampf gegen die IS-Terrorbande aus.

Fewas Mislim Ewaz, ein junger Widerstandskämpfer negiert die in den Medien kursierenden Flüchtlingszahlen, wonach über 100.000 Menschen in die Türkei geflohen seien. „Wie zu sehen ist, sind wir alle hier und verteidigen Kobanê.“5

Tatsächlich scheinen die Angaben der Flüchtlingszahlen stark übertrieben. So erklärte die FAZ, dass der UNHCR ohne eigene Überprüfung die Angaben der türkischen Regierung übernommen hat. So sollen nicht mehr als 20.000 Menschen in die Türkei geflüchtet sein.6

“Wie könnten wir auch das Land verlassen”

Weiter an der Gefechtsfront: Şahin Necîp Elî, der vorher Anwalt war, betonte, dass Kobanê um keinen Preis in die Hände der IS-Barbaren fallen würde. „Wie sehr sie auch eingreifen sollten, wir sind bereit Kobanê zu verteidigen. Wie könnten wir auch das Land verlassen, auf dem so viele jungen Frauen und Männer im Kampf für Gleichheit und Freiheit gestorben sind.“, so Amara Amed, eine junge Frau, die sich aus Nordkurdistan (Diyarbakir/Türkei) den Frauenverteidigungseinheiten der YPJ angeschlossen hatte. Weiter appellierte sie an die Bevölkerung von Kobanê, nicht in die Türkei zu fliehen. Denn die Türkei würde den IS unterstützen und mit ihm unter einer Decke stecken.7

Tatsächlich vermehrt sich nun mittlerweile auch in den westlichen Medien die Annahme, dass die türkische AKP Regierung den IS im Kampf gegen die kurdischen Selbstverwaltungsstrukturen im Norden Syriens sowohl mit Waffen, als auch logistisch unterstützt. Augenzeugen berichten von Waffenlieferung der Türkei an den IS. Züge mit Militärfracht sollen über die türkisch-syrische Grenze befördert worden sein.8

„Es gab einige Falschmeldungen, wonach schon in der Stadt gekämpft worden sei. Das ist aber bisher nicht der Fall.“, so Kurt Pelda im Gespräch mit Spiegel Online.

Kurt Pelda ist einer der wenigen ausländlichen Journalisten, die direkt aus Kobanê berichten. Weiter erklärte Pelda, dass die Menschen in Kobanê darauf vertrauen, dass die Stadt verteidigt werden würde. „Es gibt aber auch Zivilisten, die kämpfen wollen. Gestern kamen ein paar Hundert Männer, die hatten von der türkischen Seite aus einen Grenzzaun niedergedrückt. Es gibt Bewegungen in beide Richtungen.“9

“Wer steckt hinter dieser Barbarei?”

„Wer steckt hinter dieser Barbarei? Nicht, dass wir nicht wissen würden, dass gewisse Kräfte Rojava gerne besetzen würden. Doch fällt es uns schwer, das bestehende Schweigen nachzuvollziehen. Das Schweigen kommt einer Akzeptanz dieses menschenunwürdigen Vorgehens der IS-Terrormiliz gleich. Ich möchte an das Gewissen jeden einzelnen Menschen appellieren. Gegen die menschenverachtende Barbarei der IS-Terroristen wird ein würdevoller Widerstand geleistet.“, so die Worte der sich in Kobanê befindenden Co-Vorsitzenden der PYD (Partei der Demokratischen Einheit) Asia Abdullah, die anmerkt, dass Solidarität und humanitäre Hilfe aus dem Ausland nur unzureichend sind.10

Gegenüber Muriel Reichl von „Die Zeit“ sagt Abdullah in einem Interview auf die Frage, ob die Stadt evakuiert wird: „Nein. Kobanê wird evakuiert, sobald die Stadt mit schwersten Waffen angegriffen wird. Auch in den Dörfern zwischen uns und der türkischen Grenze wohnen noch Menschen. Noch sind die Angreifer aber nicht da. Sollte es so weit kommen, müssen die Frauen und Kinder über die türkische Grenze fliehen, die Männer werden bleiben und die Stadt verteidigen.“11

Nun stellen wir uns alle vor, die Stadt, in der wir leben, würde von allen Richtungen aus seitens IS-Terroristen angegriffen werden… Was hätten wir getan?

Eine Fortsetzung folgt.

  1. http://www.sueddeutsche.de/politik/syrische-fluechtlinge-in-der-tuerkei-zwischen-den-fronten-1.2148439 []
  2. Auszüge eines unveröffentlichten Interviews vom Journalisten Özgür Cem []
  3. http://www.heike-haensel.de/ []
  4. http://rojevakurdistan.org/guendem/15510-polat-can-halkimiz-umudunu-kaybetmesin-fakat-durum-kotu []
  5. KOBANÊ’DEN ÇAĞRI []
  6. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/tuerkei-und-islamischer-staat-zahl-der-fluechtlinge-aus-syrien-stark-uebertrieben-13177267.html []
  7. KOBANÊ’DEN ÇAĞRI []
  8. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/tuerkei-und-islamischer-staat-zahl-der-fluechtlinge-aus-syrien-stark-uebertrieben-13177267.html []
  9. http://www.spiegel.de/politik/ausland/islamischer-staat-bericht-aus-der-stadt-ain-al-arab-kobani-a-994076.html []
  10. Auszüge aus einem persönlichen Telefongespräch mit Asia Abdullah []
  11. http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-09/syrien-is-bombardement-kobani []