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„Wir kämpfen nicht um die Macht, sondern treiben eine Revolution voran“

aldar-xelil-sinorAldar Xelil über die Situation in Nordsyrien, das Interview führte Michael Knapp für Civaka Azad, 17.03.2017

Zunächst einmal möchte ich mich herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie die Zeit für ein Gespräch gefunden haben. Könnten Sie sich bitte zunächst einmal vorstellen?

Mein Name ist Aldar Xelil. Ich bin Vertreter der TEV-DEM Koordination. TEV-DEM, das ist die Bewegung für eine Demokratische Gesellschaft. Wir sind sozusagen die Koordinierungsinstanz der basisdemokratischen Selbstverwaltungsstrukturen. Und auch die Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft sind Teil von TEV-DEM.

Wir haben uns das letzte Mal im Sommer 2015 Rojava in Rojava unterhalten. Welche Entwicklungen hat es seither für die Region Rojava gegeben?

Wir erleben im Moment eine sich immer weiter ausbreitende Revolution. Wir leben in einer Phase des neuen gesellschaftlichen Aufbaus, des Modells das wir Xweserîya Demokratîk – Demokratische Autonomie nennen. Und überall, wo wir den IS zurückdrängen, wird dieses System aufgebaut. Das passiert gerade in Orten wie Til Hemis, al-Hol, al-Shaddadi, Silûk, Mabrouka, Ayn Isa, Minbic und etlichen Stadtviertel von Aleppo, die befreit worden sind. Außerdem läuft ja auch die Operation auf Rakka.

Was hat sich im zivilen Bereich entwickelt?

Besonders hervorzuheben sind im zivilen Bereich die Arbeiten für den Aufbau eines föderalen Syriens. So fand ein äußerst erfolgreicher Gründungskongress für die Demokratische Föderation Nordsyriens statt. Es wurde ein Gesellschaftsvertrag für die Föderation vorbereitet und ein Vorschlag für eine gesamtsyrische Verfassung geschaffen. Im Moment werden Wahlen für die Föderation vorbereitet.

Außerdem hat sich das Bildungssystem in Rojava weiterentwickelt, sodass jeder Unterricht in seiner Muttersprache erhält. Gesellschaftlichkeit hat sich entwickelt. Vieles hat sich institutionalisiert.

Was sind die größten Probleme?

Es gibt auf allen Ebenen Entwicklungen in Rojava, aber eben auch viele Angriffe. Sie wollen all diese Entwicklungen ersticken, das System in Rojava zerstören. Es gibt Angriffe auf diplomatischer Ebene, auf ökonomischer Ebene und auf der politischen Ebene. Die Türkei hat Rojava zum Teil besetzt. Sie sind jetzt in al-Bab. haben Teile der Shehba Region besetzt und versuchen weitere Gebiete unter ihre Herrschaft zu bekommen. Die Türkei möchte so über die Zukunft Syriens zumindest mitentscheiden.

Die Opposition ist geschlagen worden. In Aleppo hat sich die Türkei mit dem Regime geeinigt und hat Aleppo übergeben. Erdogan hat dem Regime bei der Übergabe geholfen. Bei den Lösungsverhandlungen wurden keinerlei Lösungen gefunden, weder in Genf noch in Astana. Es gibt von ihrer Seite kein Projekt für ein demokratisches Syrien, sondern alle versuchen nur zu schauen, wie sie die Macht über Syrien erweitern können.

Wie ist die Situation im Stadtteil Şêx Meqsûd von Aleppo?

Es geht nicht nur um Şêx Meqsûd, das war es früher – jetzt sind es sechs befreite Stadtviertel. Das Embargo wurde etwas gebrochen. Das Regime hat versucht Repression auszuüben, aber wir leisten immer noch Widerstand. Zuletzt haben die Russen interveniert und vermittelt. Es gibt eine von Russland gehaltene Pufferzone zwischen uns und dem Regime. Das Regime kommt nicht in unsere Viertel.

Was ist die Motivation Russlands dabei?

Die Russen wissen auch, dass das Regime nicht überall Macht hat. Außerdem wollen sie uns nicht als Feinde. Sie wissen, dass wir die Gebiete nicht verlassen werden und so wurde eine Zwischenlösung gefunden.

Wie ist die Situation mit dem Embargo?

Unsere autonomen Gebiete stehen alle unter einem wirtschaftlichen Embargo. Es gibt Beziehungen zwischen den Kantonen, aber die Lage ist insgesamt schwierig.

Welchen Hintergrund hat die Eroberung von al-Bab durch die Türkei?

Die Türkei will ein islamisches Syrien nach ihrem Muster erschaffen. Dafür haben sie ihre Kräfte in die Region gebracht. Al-Bab liegt strategisch zwischen Rakka und Aleppo. So wollen sie Rojava unter Druck setzen. Sie zielen darauf ab, die Wege nach Aleppo und Rakka unter ihre Kontrolle bringen und die Verbindung von Afrin und Kobanê verhindern. So versuchen sie dem Projekt Rojava zu Einhalt zu gebieten..

Warum hat sich die YPG dafür entschieden, nach Rakka zu marschieren  und  nicht den Korridor nach Afrin zu schließen?

Wenn wir nach Afrin gegangen wären, hätte es Kämpfe mit der Türkei gegeben und zweitens ist Rakka sehr wichtig. Von Rakka aus bedroht der IS alle Gebiete, Kobanê, Cizîrê, Shehba. Rakka ist die Hauptstadt des IS, diese und damit den IS Terror anzugreifen ist unsere Pflicht.

Wie ist die Situation in Minbic? Die Türkei hat ja wiederholt die Stadt zu ihrem nächsten Angriffsziel erklärt.

Die Türkei ist im Moment nicht stark genug, um nach Minbic vorzudringen. Sie benutzen dennoch ihre Artillerie und Kampfflugzeuge, um die Stadt zu bombardieren und anzugreifen. Die Situation ist aktuell so, dass wenn die Angriffe der Türkei auf Minbic anhalten, wir unseren Fokus auf die Verteidigung  von Minbic legen müssen. Das würde auch bedeuten, dass wir unsere Kräfte aus Rakka abziehen würden.

Nehmen wir an, Rakka wird erfolgreich befreit. Was passiert danach? Was ist militärisch das nächste Ziel?

Für uns ist es das Wichtigste, dass der IS verschwindet. Danach entscheidet die Bevölkerung von Rakka autonom, was sie will. Wir haben nicht den Wunsch, dort zu bleiben. Wir wollen die Stadt  der Bevölkerung von Rakka übergeben. Wir kämpfen um die Menschen vor dem IS zu retten. Nach Rakka ist es nicht vorbei, dann kommt Deir ez Zor. Auch dort ist der IS präsent.

Was ist, wenn die Türkei ihren Plan umsetzt und durch Gîre Spî nach Rakka vorzudringen versucht?

Wenn sie dort einmarschieren, dann gibt es Kämpfe.

Wie funktioniert das Zusammenleben der verschiedenen Identitäten in Minbic?

Die Mehrheit der Einwohner von Minbic ist tscherkessisch, es gibt auch Araber und Kurden. Das demokratische System passt gut zu Minbic, denn alle zusammen verwalten die Stadt. Es läuft sehr gut und Minbic gibt einen Ausblick darauf, wie eigentlich ein demokratisches Syrien sein könnte. Die Volksgruppen in der Stadt organisieren sich einerseits autonom. Andererseits kommen sie im Minbic-Rat zusammen und regeln gemeinsam ihr Leben in der Stadt.

Wie beurteilen Sie den Ausschluss von Rojava bzw. der Föderation Nordsyrien aus den Gesprächen von Genf IV und Astana?

Das zeigt, dass die internationalen Mächte sich noch nicht für eine Lösung in Syrien entschieden haben. Denn wenn sie eine Lösung wollten, würden sie auch unsere Vertreter in die Gespräche einbinden. Wie kann man über eine Lösung in einem Bürgerkriegsland diskutieren, wenn die Vertreter von knapp ¼ der Bevölkerung dieses Landes von den Gesprächen exkludiert werden. Wenn sie morgen eine Entscheidung treffen, und wir nicht dabei sind, dann ist diese Entscheidung für uns nicht bindend.

Was sind die größten Erfolge und die größten Hindernisse für Rojava?

Wie gesagt wir leben in einer Phase der anhaltenden Revolution. Die Revolution bedeutet immer auch ein Neuaufbau. Wir sind im Kriegszustand und in einer Phase der Institutionenbildung. Insbesondere Kräfte von außen versuchen die Menschen an sich zu ziehen. Wir wollen ein Demokratisches Syrien und dann wollen wir die Kurden und Kurdistanfrage lösen. Dieser Kampf geht weiter und er wird noch einige Jahre andauern. Von allen Seiten gibt es ein Embargo, vom Regime, vom IS, von der KDP und Türkei. Aber das Volk leistet Widerstand aus seiner eigenen Kraft.

Wie kann man Rojava am besten unterstützen?

Rojava entwickelt sich auf der Basis des Modells der Demokratischen Nation. Eine wichtige Stütze für uns wäre es, wenn dieses Konzept der Demokratischen Nation der Öffentlichkeit erklärt wird. Wir wünschen uns, dass die Menschen verstehen, was hier vor sich geht. Wir kämpfen nicht um  die Macht, wir bringen eine Revolution voran. Wer diese Revolution unterstützen will, der soll diese Revolution an breitere Kreise vermitteln.