Während die internationale Aufmerksamkeit auf die militärische Konfrontation zwischen Iran, Israel und den USA gerichtet ist, verschärft die Islamische Republik ihren Druck im Inneren. Besonders Rojhilat (Ostkurdistan), steht im Zentrum der Repressionen. In Ostkurdistan verbindet sich die regionale Krise mit einer seit Jahrzehnten andauernden Unterdrückung, die sich sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich ausdrückt. Gleichzeitig hält der Widerstand der Bevölkerung an. Sie spielt eine zentrale Rolle im Kampf um Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie.
Regionale Eskalation, innere Front
Die militärische Zuspitzung in der Region hat die politische Lage im Mittleren Osten verändert. Für die Menschen im Iran und in Rojihilat bedeutet sie eine weitere Verschärfung staatlicher Gewalt. Teheran nutzt den gegen ihn gerichteten Krieg durch Israel und die USA, um seine Kontrolle über die Gesellschaft weiter auszubauen und staatliche Repression zu verschärfen. Oppositionelle Stimmen in einer eskalativen Kriegssituation werden mit Verrat an der eigenen Nation bzw. Spionagetätigkeit für Israel gleichgesetzt. Besonders sichtbar werden die Repressionen in Rojhilat, wo die Bevölkerung der kurdischen Gebiete seit Jahrzehnten einer systematischen Unterdrückungspolitik ausgesetzt sind.
Dort werden selbst grundlegende Forderungen nach Freiheit und politischer Selbstbestimmung kriminalisiert. Ebenso kriminalisiert wird das Eintreten für Gleichberechtigung und kultureller Rechte. Rojhilat steht dabei im Zentrum, da die Region eine lange Geschichte von Selbstorganisierung und Widerstand hat. Der Aufstand „Jin, Jiyan, Azadî“ hat diese Rolle erneut sichtbar gemacht.
Rojhilat als Brennpunkt staatlicher Kontrolle
In Städten wie Ûrmiye, Sine, Kirmaşan, Mahabad, Bokan, Seqiz, Bane und Merîwan verdichtet sich die Repression. In Ostkurdistan wird kurdische Identität häufig mit Verdacht belegt, kollektive Organisierung wird als Gefahr für die Einheit des Staates dargestellt. Diese sicherheitspolitische Perspektive schlägt sich zunehmend in konkreter Repression gegen die Zivilgesellschaft nieder.
Es werden wieder verstärkt Wohnungen durchsucht, Aktivist:innen festgenommen und Studierende, Lehrkräfte, Umweltengagierte sowie Menschen aus kulturellen Zusammenhängen verhört. Gleichzeitig wächst in den Grenzregionen die militärische Präsenz.
Sicherheit als Vorwand
Der Begriff „nationale Sicherheit“ ist zu einem zentralen Instrument der Herrschaft geworden. Mit Vorwürfen der Spionage oder der Gefährdung der staatlichen Ordnung rechtfertigen die Behörden ihr Vorgehen gegen unterschiedlichste gesellschaftliche Gruppen. Betroffen sind politische Aktivist:innen, Studierende, Gewerkschafter:innen, Frauenrechtsaktivist:innen, Journalist:innen sowie Menschen, die sich auf digitalen Plattformen äußern.
Damit versucht das Regime, die gesellschaftlichen Ursachen innerstaatlicher Krisen – wie Inflation, Arbeitslosigkeit, Korruption, patriarchale Gewalt und die Verweigerung demokratischer Rechte – zu verdecken.
Frauen im Zentrum des Angriffs
Die Ermordung von Jina Mahsa Amini im September 2022 war der Ausgangspunkt eines Aufstands, der sich auf den gesamten Iran ausbreitete. Das Regime reagierte mit einer massiven Repressionswelle, die von tödlicher Gewalt über Folter bis hin zu Massenverhaftungen und Hinrichtungen reichte. Die Bewegung wurde von den Straßen zurückgedrängt, doch ihre gesellschaftliche Kraft wirkt weiter. Gerade deshalb richtet sich der Druck besonders gegen Frauen.
Der Alltag wird zunehmend von digitalen Überwachungsmaßnahmen und neuen Kontrollmechanismen geprägt. Frauen, die gegen staatliche Kleidungsvorschriften verstoßen, müssen mit Vorladungen rechnen. Das Regime versucht, den Körper der Frau, die Stimme der Gesellschaft und die „Jin, Jiyan, Azadî“-Bewegung zugleich zu kontrollieren.
Die Fälle kurdischer politischer Gefangener zeigen diese Entwicklung besonders deutlich. Zeynab Jalalian befindet sich seit 2008 in Haft und steht für die jahrzehntelange Kriminalisierung kurdischer Frauenbewegungen. Pakhshan Azizi, Sozialarbeiterin und humanitäre Helferin, sowie Varisheh Moradi, Aktivistin der freien Frauenbewegung in Rojhilat, wurden zum Tode verurteilt und befinden sich derzeit weiterhin in Haft. Diese Fälle verdeutlichen, dass staatliche Repression eng mit der Unterdrückung kurdischer Identität und patriarchalen Herrschaftsstrukturen verknüpft ist.
Hinrichtungen als Instrument des Machterhalts
Die Welle von Hinrichtungen bildet den brutalsten Ausdruck dieser Politik. Amnesty International dokumentierte für 2025 mindestens 2.159 Hinrichtungen im Iran. Anfang 2026 berichtete HRANA von mindestens 52 Exekutionen in 42 Gefängnissen innerhalb weniger Tage.
Diese Zahlen stehen für eine staatliche Strategie, die Angst erzeugen und den gesellschaftlichen Widerstand brechen soll. Dabei spielen Revolutionsgerichte eine zentrale Rolle. Ihre Verfahren entsprechen nicht den rechtsstaatlichen Standards. Laut Menschenrechtsorganisationen werden Geständnisse unter Folter erzwungen, während die Verteidigungsrechte massiv eingeschränkt bleiben.
Widerstand und Selbstverteidigung
Vor diesem Hintergrund betonen kurdische Organisationen ihr Recht auf Selbstverteidigung. Die Partei für ein freies Leben Kurdistans (PJAK)erklärte nach den jüngsten Angriffen auf kurdische Kräfte in Rojhilat, dass Selbstverteidigung eine Antwort auf staatliche Gewalt und Massaker darstellt. Zugleich weist sie die Behauptung Teherans zurück, die kurdische Freiheitsbewegung handle im Auftrag ausländischer Staaten.
Diese Zurückweisung ist politisch bedeutsam. Die Islamische Republik nutzt seit Jahrzehnten das Bild äußerer Feinde, um innere Opposition zu delegitimieren. Kurdische Forderungen nach Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung werden aus ihrem gesellschaftlichen Kontext gerissen und als fremdes Projekt dargestellt. Für Rojhilat bedeutet das eine doppelte Unsichtbarmachung. Die reale Unterdrückung der Bevölkerung wird an den Rand gedrängt, und ihr eigenständiger Widerstand wird zur nationalen Sicherheitsgefährdung erklärt.
Rojhilat als demokratische Frage
Solange politische Teilhabe, Frauenfreiheit und soziale Gerechtigkeit mit Gefängnis, Todesstrafe und militärischer Kontrolle beantwortet werden, vertieft sich die Krise des Staates.
Rojhilat steht für eine andere politische Möglichkeit. Die Erfahrungen von „Jin, Jiyan, Azadî“, die Organisierung von Frauen, die Solidarität in Städten und Dörfern, die Erinnerung an die Gefallenen und die Beharrlichkeit politischer Gefangener zeigen eine Gesellschaft, die ihre Würde verteidigt. Der Kampf in Rojhilat ist Teil eines breiteren Ringens um ein demokratisches und freies Leben in Iran.
Internationale Aufmerksamkeit muss die innere Front der Repression in den Mittelpunkt rücken. Dazu zählt vor allem der Schutz politischer Gefangener. Ebenso wichtig sind eine klare Verurteilung von Hinrichtungen, der Einsatz gegen Abschiebungen in den Iran sowie die Anerkennung der kurdischen Frage als demokratische Kernfrage.