Drei Jahre nach der Erdbebenkatastrophe

Am 6. Februar 2023 erschütterte ein schweres Erdbeben Nordkurdistan, die Türkei sowie Nord- und Ostsyrien. Die Katastrophe forderte Zehntausende Todesopfer, Hunderttausende Verletzte und ließ Tausende Vermisste zurück, deren Schicksal bis heute ungeklärt bleibt. Die Erdbebenkatastrophe zählt zu den schwersten und traumatischsten Ereignissen der jüngeren Geschichte Nordkurdistans und der Türkei. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen tatsächlich starben, da tausende Menschen nie geborgen wurden und ganze Straßenzüge unter den Trümmern verschwanden. Mit Blick auf das Ausmaß der Zerstörung ist davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer deutlich über den offiziellen staatlichen Angaben liegt.

Strukturelle Vernachlässigung

Die Beben trafen eine Region, die seit Jahrzehnten von politischer Marginalisierung, infrastruktureller Vernachlässigung und Repression geprägt ist. In einigen Gebieten verschwanden ganze Stadtteile vollständig, ganze Gemeinschaften existieren heute nicht mehr. Die massiven Schäden waren allerdings nicht allein Folge der Naturgewalt, sondern auch Ergebnis jahrzehntelanger staatlicher infrastruktureller Benachteiligung in kurdischen Gebieten. Etliche Gebäude wiesen gravierende bauliche Mängel auf, die auf korrupte Genehmigungsverfahren und fehlende Kontrolle zurückzuführen sind. Die winterlichen Bedingungen machten zudem sichtbar, wie unzureichend die staatliche Katastrophenvorsorge war. Betroffene blieben tagelang ohne lebensrettende Unterstützung, Schutz, Heizung oder medizinische Versorgung.

Systematische Behinderung von Hilfe

Nach Angaben der WHO waren rund 23 Millionen Menschen von der Erdbebenkatastrophe betroffen. Fehlende Rettungskapazitäten und strukturell mangelhafte Bauweisen führten dazu, dass Hilfe viele Orte erst spät oder gar nicht erreichte. Hinzu kam die aktive Behinderung ziviler Hilfe durch türkische Sicherheitskräfte. Freiwillige Helfer*innen, lokale Initiativen und unabhängige Organisationen wurden kriminalisiert, festgehalten oder am Zugang zu betroffenen Gebieten gehindert. Hilfslieferungen wurden kontrolliert, blockiert oder beschlagnahmt. Mehrere Berichte dokumentieren zudem, dass Kinder aus den Trümmergebieten verschwanden oder entführt wurden. Die Zahl der betroffenen Kinder ist unklar, wird jedoch als hoch eingeschätzt. Auch hier fehlt bis heute eine transparente staatliche Aufarbeitung.

Systematisches Staatsversagen 

Verspätete und ausbleibende Rettungseinsätze zeigten, dass staatliche Entscheidungen politischen Interessen folgten. Zahlreiche belegte Fälle von veruntreuten öffentlichen Geldern, Korruption im Bausektor, fehlenden Sicherheitskontrollen und unterlassener Hilfeleistung zeigen ein Muster staatlicher Rechtsbrüche. Die gezielte Behinderung internationaler und kurdischer Hilfsorganisationen zeigt, dass die türkische Regierung das Erdbeben nicht nur schlecht bewältigte, sondern aktiv als Instrument in ihrem Krieg gegen die kurdische Bevölkerung nutzte.

Paralleler Bombenhagel in Rojava

Parallel zur Erdbebenkatastrophe bombardierte die türkische Luftwaffe die nordsyrische Region Tel Rifat. Während Menschen unter Trümmern um ihr Leben kämpften, führte der türkische Staat seine Angriffe auf zivile Gebiete fort. Die gleichzeitige Bombardierung eines ebenfalls vom Erdbeben betroffenen Gebietes stellt einen der schwerwiegendsten Verstöße gegen grundlegende humanitäre Standards dar. Auch hier wurde sichtbar, dass die Erdbebenkatastrophe nicht nur unzureichend bewältigt, sondern durch die Türkei politisch genutzt wurde. Trotz der schwierigen Bedingungen entstand eine breite zivilgesellschaftliche Unterstützung. Lokale Initiativen, Freiwillige und der Kurdische Rote Halbmond (Heyva Sor a Kurd) übernahmen zentrale Aufgaben, die staatliche Stellen nicht erfüllten. 

Drei Jahre später: keine Gerechtigkeit 

Drei Jahre nach der Katastrophe ist die Lage vieler Betroffener weiterhin prekär. Der Wiederaufbau verläuft ungleich und politisch selektiv, zahlreiche Familien leben noch immer in Containern oder beschädigten Gebäuden. In kurdischen Regionen wurden Wiederaufbauprogramme verzögert, unzureichend finanziert oder politisch gesteuert. Die psychischen Belastungen bleiben erheblich und viele Menschen haben bis heute keinen Zugang zu stabilen Wohn- und Arbeitsverhältnissen. Die langfristigen sozialen und wirtschaftlichen Folgen werden die Region über Jahrzehnte prägen.

Die Erdbebenkatastrophe vom 6. Februar 2023 hat die Region nachhaltig geprägt.

Die Forderung nach Aufarbeitung, Transparenz und politischer Konsequenz bleibt zentral.

Im Gedenken an alle Opfer der Erdbebenkatastrophe vom 6. Februar 2023