Frieden ist kein abstraktes Ideal, sondern ein lebendiger gesellschaftlicher Prozess. Für Halide Türkoğlu, Sprecherin der DEM‑Frauen, gilt: Wenn Frieden dauerhaft Fuß fassen soll, müssen Frauen eine zentrale Rolle spielen. Denn der Kampf für Frieden ist zugleich ein Kampf gegen Gewalt, welcher auf ein freies und gleichberechtigtes Leben abzielt.
In den ersten zehn Monaten des laufenden Jahres wurden laut der Plattform KCDP („Wir werden Frauenmorde stoppen“) mindestens 285 Frauen in der Türkei und in Nordkurdistan von Männern getötet. Allein im letzten Monat gab es 19 Tötungsfälle und 22 weitere Frauen starben unter „verdächtigen Umständen“. Da der Staat keine umfassenden und verlässlichen Daten bereitstellt, übernehmen Frauenorganisationen und feministische Netzwerke die Aufgabe, diese Gewalt sichtbar zu machen und zu dokumentieren.
Die Gewalt, der sich Frauen ausgesetzt sehen – physisch, psychisch oder digital – ist kein Randphänomen. Sie steht im Zentrum der gesellschaftlichen Realität. Frauenorganisationen berichten, dass genau diese Formen von Gewalt zu den stärksten Hebeln gehören, mit denen Herrschaftssysteme ihren Fortbestand sichern. Für Türkoğlu lässt sich dieser Gewalt nur entgegentreten, wenn der Kampf um ein freies und gleichberechtigtes Leben der Frauen mit einem umfassenden Demokratisierungsprozess verknüpft wird.

Frauen müssen nicht nur Teil des Friedensprozesses sein, sondern ihn aktiv mitgestalten.
Frauen müssen nicht nur Teil des Friedensprozesses sein, sondern ihn aktiv mitgestalten. Sie müssen in führenden, gestaltenden Rollen wirken, damit Demokratie, Freiheit und Gewaltfreiheit nicht nur leere Worte bleiben, sondern gelebte Realität werden. Denn Frieden heißt mehr als die Abwesenheit von Krieg oder offener Konflikte. Frieden heißt ein Leben in Selbstbestimmung, ohne Angst, ohne Gewalt, mit Teilhabe aller. Frieden, wie sie ihn versteht, ist ein gesellschaftlich verankerter Prozess, der scheitert, sobald er auf Regierungs- und Diplomatieebene reduziert wird.
Die Verantwortung für Frieden darf nämlich nicht allein bei Regierung und Parlament verbleiben, sondern muss von der gesamten Gesellschaft, von Institutionen und jeder einzelnen Person übernommen werden. Deshalb sind Treffen von Frauenorganisationen, Debatten über soziale Räume, Frauenforen und Initiativen wie die „Fraueninitiative für Frieden“ zentral. Sie eröffnen Räume, in denen Frieden nicht nur besprochen, sondern gestaltet wird und gelebt wird. Politische Parteien stehen in der Pflicht, die Friedensfrage offensiv in die Öffentlichkeit zu tragen und Perspektiven einer wiederherstellenden Gerechtigkeit zu entwickeln, die Heilung, Verantwortungsübernahme und gesellschaftliche Versöhnung verbindet.
Wenn Frauen frei, gleichberechtigt und sicher leben können, wird diskriminierender und polarisierender Politik der Boden entzogen. Demokratisierung, sozialer Wandel und Gewaltfreiheit werden erst möglich, wenn Frauen als Hauptakteurinnen im Friedenskampf sichtbar sind.
Der Aufruf für Frieden und eine demokratische Gesellschaft vom 27. Februar von Abdullah Öcalan überträgt Verantwortung auf jede einzelne Person: Frieden ist kein Geschenk von oben, sondern ein Auftrag an uns alle. Er ermutigt Frauen, ihren Platz in diesem Prozess nicht zu erbitten, sondern ihn selbstbewusst einzunehmen und aus dieser Position heraus Gewaltverhältnisse in Frage zu stellen.
„Was wir erleben, ist kein Frauenproblem, es ist ein Problem der Männlichkeit“

Die Veränderung betrifft jedoch nicht nur Frauen. Auch Männer müssten in die Pflicht genommen werden. „Was wir erleben, ist kein Frauenproblem, es ist ein Problem der Männlichkeit“, so Sebahat Tuncel, Aktivistin der Bewegung freier Frauen (Tevgera Jinên Azad, TJA).
Sie warnt vor der Ignoranz hinsichtlich der Entrechtung einer Gruppe: „Wer hier wegschaut, wird später selbst betroffen sein.“ Die Erfahrungen der letzten Jahre in Form von Repression, Justizwillkür und Einschränkungen demokratischer Freiheiten, hätten das Vertrauen der Gesellschaft in Institutionen geschwächt. Dennoch: „Die Frauen stehen nicht still. Sie rufen auf den Straßen nach Frieden. Sie demonstrieren, fordern, organisieren.“
Wenn Frieden gelingen soll, muss er sichtbar, inklusiv und von unten getragen sein. Freiheit und Sicherheit der Frauen sind keine Nebensache. Sie sind zentrale Bausteine jeder Friedensordnung. Organisation, Teilhabe und kollektives Handeln von Frauen verändern nicht nur einzelne Lebenswege, sondern ganze Gesellschaften.