Landesweite Proteste im Iran weiten sich weiter aus

Landesweite Proteste gegen Misswirtschaft, soziale Ungleichheit und politische Repression im Iran und in Ostkurdistan weiten sich weiter aus. Auslöser der aktuellen Protestwelle war der plötzliche Einbruch der Devisenkurse. Am 28. Dezember 2025 erreichte die Landeswährung Rial innerhalb weniger Stunden ein neues Rekordtief. Zunächst gingen vor allem Händler in Teheran auf die Straße, doch schon nach kurzer Zeit griffen die Proteste auf nahezu alle Provinzen des Landes über.

Die aktuelle Mobilisierung steht jedoch nicht isoliert, sondern in einer längeren Kontinuität sozialer und politischer Kämpfe. In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu landesweiten Demonstrationen gegen wirtschaftliche Not, Korruption, Hinrichtungen und die autoritäre Herrschaft des Regimes. Besonders in den kurdischen Regionen Irans, die systematisch politisch, wirtschaftlich und kulturell benachteiligt werden, ist der Widerstand seit Jahrzehnten tief verankert. Anstatt auf die legitimen Forderungen der Bevölkerung einzugehen, antwortet das Regime mit Verhaftungen, Folter, militärischer Gewalt und Hinrichtungen. 

Besonders brutal geht das iranische Regime derzeit in der ostkurdischen Provinz Îlam vor. In der Kleinstadt Meleksahi eröffneten staatliche Sicherheitskräfte am Samstag gezielt das Feuer auf Demonstrierende. Nach Angaben verschiedener lokaler Quellen wurden dabei sieben bis acht Menschen getötet, darunter auch ein 15-jähriger Jugendlicher. Die in Norwegen ansässige Menschenrechtsorganisation Hengaw spricht Stand dem 04.01.2026 von mindestens 19 Todesopfern sowie von mehr als 500 Festnahmen. Auch das Kurdistan Human Rights Network berichtet von schweren Menschenrechtsverletzungen. Berichterstattungen zufolge wurden zahlreiche Protestierende verschleppt oder festgenommen, ihr Aufenthaltsort ist vielfach unbekannt. Angesichts dieser Eskalation warnte auch die UN-Sonderberichterstatterin Mai Sato vor weiterer Gewalt und forderte die iranischen Behörden auf, das Recht auf Versammlungsfreiheit zu achten.

Um die Mobilisierung zu unterbinden und die Verbreitung von Informationen zu verhindern, hat das Regime erneut massive Einschränkungen des Internets verhängt. Messenger-Dienste und soziale Netzwerke sind nur eingeschränkt oder gar nicht erreichbar. Ziel dieser digitalen Abschottung ist es, die Organisation der Proteste zu unterbinden und die Veröffentlichung von Fotos, Videos und Berichten über die staatliche Gewalt zu unterdrücken.

Vor diesem Hintergrund erklärt die Gemeinschaft freier Frauen Ostkurdistans (KJAR), dass die einzige tragfähige Antwort auf die eskalierenden Probleme der Aufbau eines demokratischen Bewusstseins in der Gesellschaft sei. Die Provinzen Îlam und Kirmaşan (Kermanschah) zählen zu den treibenden Kräften der aktuellen Revolte, die weiterhin unter der Losung „Jin, Jiyan, Azadî“ – Frau, Leben, Freiheit steht. Dieser Protestaufruf entstammt der kurdischen Freiheitsbewegung und formuliert eine gesellschaftliche Alternative zu dem bestehenden System aus Patriarchat, staatlicher Gewalt und religiösem Autoritarismus. 

Die anhaltenden Proteste verdeutlichen den wachsenden Unmut weiter Teile der Gesellschaft, die sich nicht länger mit Unterdrückung, Armut und politischer Bevormundung abfinden. Trotz eskalierender Repressionen bleibt die Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Wandel, getragen von den Idealen von Jin, Jiyan, Azadî, lebendig.