Seit Dienstagmorgen greifen vom türkischen Staat unterstützte und mit der syrischen Übergangsregierung verbundene islamistische Milizen die Stadtteile Şêxmeqsûd, Eşrefiyê und Beni Zeyd in Aleppo mit schweren Waffen, Drohnen und Artillerie an. Die Zahl der Todesopfer ist laut aktuellen Berichten auf elf gestiegen, darunter auch Kinder, mindestens 63 Menschen sollen verletzt worden sein – einige von ihnen schwer (Stand: 08.01.2026). Die gezielten Angriffe auf zivile Infrastruktur, darunter ein Krankenhaus, erschweren die medizinische Versorgung massiv. Trotz eines im April 2023 vereinbarten Waffenstillstands setzen die Angriffe auf Wohngebiete sowie auf Strom-, Wasser- und Gesundheitseinrichtungen sich fort. Verantwortlich gemacht für die Angriffe werden vor allem Milizen wie Al-Hamzat, Al-Amshat, Sultan Murad und Nureddin al-Zenki.
Auch das Viertel Şêqif wurde am Mittwochabend Ziel massiver Angriffe. Bereits zuvor war eine Selbstmorddrohne in ein Wohnhaus gesteuert worden, später folgten fünf Haubitzenangriffe. In Beni Zeyd wurden zwei Zivilisten durch Sprengstoffdrohnen schwer verletzt, konnten jedoch wegen anhaltender Drohnenflüge nicht ins Krankenhaus gebracht werden. Das Osman-Krankenhaus in Eşrefiyê wurde durch eine direkte Bombardierung außer Betrieb gesetzt. Ein privates Wohnhaus in Eşrefiyê geriet infolge eines Artillerieangriffs in Brand.
Besonders alarmierend ist die Entführung von Zivilist:innen durch die angreifenden Truppen in Şêxmeqsûd und Eşrefiyê, um sie als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Das Pressezentrum der Inneren Sicherheit (Asayîş) sprach von einem klaren Bruch internationalen Rechts und von einer „beispiellosen Eskalation humanitärer Verstöße“ im Rahmen gezielter Vertreibung. Die islamistischen Milizen umzingelten zudem Wohngebiete mit Panzern, setzten intensives Artilleriefeuer ein und drohen derzeit mit einer vollständigen Besetzung.
DAANES: Klarer Bruch des humanitären Völkerrechts
Die Demokratische Selbstverwaltung (DAANES) betont, dass die Angriffe auf Şêxmeqsûd und Eşrefiyê einen klaren Bruch des humanitären Völkerrechts darstellen. Die Eskalation verschärf die Instabilität im Land und entferne Syrien weiter von einer politischen und friedlichen Lösung und einer nationalen Einheit. Statt dem Abkommen vom 1. April zu folgen, setze die Übergangsregierung auf Belagerung und Kriegsrhetorik.
Ilham Ehmed: Übergangsregierung hat den Krieg erklärt
Ilham Ehmed, Ko-Außenbeauftragte der DAANES: „Das Verteidigungsministerium der Übergangsregierung Syriens hat den dicht besiedelten Stadtteilen Şêxmeqsûd und Eşrefiyê den Krieg erklärt. Dies ist ein Vernichtungskrieg gegen das kurdische Volk, das bereits unter dem früheren Regime unterdrückt wurde. Die große Mehrheit der Bewohner:innen dieser Stadtteile sind Vertriebene aus Efrîn.“
Ehmed wirft der Übergangsregierung zudem vor, sich nie an das Abkommen gehalten zu haben und ruft zur Verantwortungsübernahme auf: „Das syrische Volk hat genug unter Kriegen gelitten. Wir fordern alle Syrer:innen auf, insbesondere die syrische Jugend, Gewalt abzulehnen, für Gerechtigkeit einzutreten und den Krieg zu verwerfen.“
Heftige Kämpfe in Aleppo
Unterdessen gaben die Kräfte der Inneren Sicherheit in Aleppo am Donnerstag bekannt, dass ihre Einheiten in der Nähe des sogenannten „syrischen Viertels“ von Aleppo heftige Abwehrkämpfe gegen die Angriffe der Milizen führten und sie schließlich zurückschlugen. Über mehr als eine Stunde hinweg sind an den verschiedenen Fronten offenbar heftige Auseinandersetzungen geführt worden. Augenzeug:innen berichteten, dass an vielen Stellen in den Stadtteilen Schüsse und stellenweise Explosionen zu hören gewesen seien.
PYD ruft zur Solidarität auf
Auch der Europaverband der Partei der Demokratischen Union (PYD) verurteilte die Angriffe scharf. In einer Erklärung hebt er den Widerstand der Bevölkerung hervor und ruft zu europaweiten demokratischen Aktionen der Solidarität mit Rojava auf. Die Angriffe würden in einer Linie mit den Massakern an Kurd:innen, sowie an der drusischen und alawitischen Bevölkerung stehen. Der Verband forderte die internationale Öffentlichkeit, Staaten und zivilgesellschaftliche Kräfte auf, Verantwortung zu übernehmen und ihre Reaktion sichtbar zu machen.
Kongra Star warnt vor humanitärer Katastrophe
In einer Stellungnahme verurteilt die kurdische Frauenbewegung Kongra Star die Angriffe als gezielte Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, die durch die Blockade der Zugangswege weder evakuiert noch versorgt werden könne. Strom und Wasser seien unterbrochen, Verletzte könnten nicht behandelt werden. Die Angriffe dschihadistischer Gruppen, so Kongra Star, ließen keinen Raum für Dialog, sondern schürten weitere Konflikte. Die Darstellung regierungsnaher Medien, wonach die Regierung selbst angegriffen werde, sei eine gefährliche Manipulation. Abschließend appelliert Kongra Star an die internationale Gemeinschaft, nicht zu schweigen: „Schweigen angesichts solcher Verbrechen ebnet nur den Weg für noch schwerwiegendere und gefährlichere Angriffe.“