Zwischen Applaus und Anfeindung

Die jüngsten sportlichen Erfolge von Agit Kabayel und Deniz Undav haben in kurdischen Communities weltweit große Resonanz ausgelöst. Wer diese Begeisterung verstehen will, muss den Kontext betrachten, in dem kurdische Identität bis heute steht und der von Entrechtung, Assimilationsdruck, Vertreibung und systematischer Unsichtbarmachung geprägt ist. Für viele stehen diese Erfolge für Sichtbarkeit in einer Gesellschaft, in der kurdische Identität lange Zeit verdrängt und unter Generalverdacht gestellt wurde.

Kriminalisierung und Generalverdacht

Kurdische Sichtbarkeit wird in Deutschland seit Jahrzehnten immer wieder als politisches Risiko behandelt. Einerseits erscheinen Kurdinnen und Kurden als Betroffene von Krieg und Verfolgung. Andererseits wird kurdische politische Organisierung häufig durch eine sicherheitspolitische Linse betrachtet. Sie gerät in den Fokus staatlicher Maßnahmen und wird dabei häufig pauschal unter Verdacht gestellt.

Kurdische Symbole, Demonstrationen und politische Forderungen werden häufig als Sicherheitsfrage behandelt. Demo-Auflagen, Symbolverbote und Hausdurchsuchungen treffen besonders jene, die offen kurdisch und politisch auftreten.

Dieser Generalverdacht wirkt sich bis in den Alltag aus. Schon Sprache, Namen, Fahnen, Musik oder ein Govend können ausreichen, um kriminalisiert zu werden. Identität und Kultur werden als vermeintliche Bedrohung wahrgenommen.

Diese Erfahrung knüpft an eine lange Geschichte der Unterdrückung an. In den Herkunftsstaaten vieler Kurdinnen und Kurden wurden Sprache, Namen und kulturelle Selbstbezeichnung über Jahrzehnte verboten oder massiv eingeschränkt. Auch in Deutschland wirken diese Erfahrungen nach, etwa wenn kurdische Namen, Schreibweisen oder politische Selbstbezeichnungen problematisiert werden.

Deniz Undav: Êzîdisch, kurdisch, sichtbar

Bei Deniz Undav kommt hinzu, dass er nicht nur Kurde, sondern auch Êzîde ist. Er gehört damit einer Religionsgemeinschaft an, die über Jahrhunderte Verfolgung erlebt hat. Die Erinnerung an den Genozid an den Êzîdinnenund Êzîden durch den sogenannten Islamischen Staat im Jahr 2014 ist bis heute tief in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Tausende Menschen wurden ermordet, Frauen versklavt, ganze Dörfer ausgelöscht. Die Bilder aus Şengal gingen um die Welt, doch die politische und juristische Aufarbeitung bleibt bis heute unvollständig. Viele Familien in Deutschland leben bis heute mit den Folgen von Mord, Verschleppung und Traumatisierung.

Dass ein êzîdischer Kurde heute für Deutschland auf höchstem Niveau spielt, hat deshalb große gesellschaftliche Bedeutung.Er steht für eine Sichtbarkeit, die vielen lange gefehlt hat. Gerade aus diesem Grund kann er für junge Menschen zu einer Identifikationsfigur werden, die ihnen zeigt, was möglich ist.

Die Hassreaktionen türkischer Nationalist:innen zeigen zugleich, wie umkämpft kurdische Sichtbarkeit bleibt. Als Undav seine kurdische Identität offen zeigte und mit dem Govend als Torjubel kulturelle Zugehörigkeit ausdrückte, wurde er in sozialen Medien als Terrorist und Vaterlandsverräter diffamiert; selbst seine Mutter wurde beleidigt. SolcheVorfälle zeigen, wie schnell kurdische Identität zum Angriffspunkt wird. Nach Angaben von Jurafakten wurde der Vorfall dokumentiert und Strafanzeige gestellt, insbesondere wegen des Verdachts der Beleidigung nach § 185 StGB.

Agit Kabayel und neue Bilder

Auch Agit Kabayels Erfolg verschiebt Wahrnehmung. Internationale Aufmerksamkeit für Kurdinnen und Kurden entsteht oft im Kontext von Krieg, Flucht oder geopolitischen Krisen. Kabayel steht für ein anderes Bild. Ein Kurde rückt ins Zentrum der globalen Aufmerksamkeit, da er sportliche Höchstleistungen erbracht hat. Kurdistan erscheint dabei nicht als Bedrohung, sondern als die Heimat eines Weltmeisters.

Repräsentation als Bruch mit dem Verdacht

Wenn kurdische Kinder in Deutschland heute Agit Kabayel oder Deniz Undav sehen, sehen sie nicht nur zwei erfolgreiche Sportler. Sie sehen Biografien, die eine andere Erzählung ermöglichen als jene, mit denen viele kurdische Familien seit Jahrzehnten konfrontiert werden. Sie sehen Menschen, die nicht als Verdachtsfall erscheinen. Stattdessen sehen sie Menschen, die als selbstbewusste und erfolgreiche Persönlichkeiten auftreten.

Diese Erfolge schaffen keinen politischen Status und ersetzen keine Rechte. Aber sie durchbrechen für einen Moment den Blick, der kurdische Identität oft auf Konflikt und Bedrohung reduziert.

Agit Kabayel und Deniz Undav stehen für eine Identität, die im deutschen Sport jahrzehntelang unsichtbar gemacht wurde und werden für Kinder, die aufgrund ihrer kurdischen Identität und oft auch wegen ihrer religiösen Zugehörigkeit mehrfach diskriminiert werden, zu echten Vorbildern.

Ihr Erfolg zeigt, dass Sichtbarkeit nicht entsteht, weil die Gegebenheiten fair wären oder Leistung selbstverständlich belohnt würde, sondern weil Menschen wie sie trotz struktureller Ungleichheiten, Ausgrenzung und fehlender Unterstützung ihren Weg erkämpfen und damit Räume öffnen, die es zuvor nicht auf diesem Niveau gegeben hat.