Deniz Undav: Wie ein Fußballer zur Zielscheibe von antikurdischem Rassismus wird

Ein gemeinsamer Beitrag vom ZMRK, IAKR und Civaka Azad

Kurdischen Sportler*innen bleibt der Fokus auf den Sport oft verwehrt. Eine öffentliche Verortung als kurdisch reicht aus, um zur politischen Zielscheibe zu werden.

Es ist allseits bekannt: Die Bühne des Fußballs und rassistische Dynamiken sind eng miteinander verwoben. Das bekommt auch Deniz Undav seit Jahren zu spüren. Seit dem WM‑Aus der deutschen Nationalmannschaft im Männerfußball erhält Undav erneut vermehrt Hasskommentare von türkischen Nationalist*innen auf sozialen Medien.

In den Kommentarspalten wird seine Herkunft zum Angriffspunkt: Er wird unter anderem erneut als „Terrorist“ diffamiert, seine Familie wird auf entwürdigende Weise beschimpft und seine kurdische Identität wird mit Feindbildern verknüpft.

Solche Kommentare zeigen deutlich, wie Fußball als Projektionsfläche für Nationalismus dient. Türkische Flaggen, Wolfs-Emojis und weitere Bezüge zu ultranationalistischer Symbolik unterstreichen die rassistische politische Aufladung der Angriffe in den Kommentarspalten. Die Wolfs-Symbolik verweist dabei auf die rechtsextreme türkisch-nationalisitsche Ülkücü-Bewegung, auch bekannt als „Graue Wölfe“. Der damit verbundene Wolfsgruß steht u.a. auch für die Bekämpfung der kurdischen Identität.

Undavs offenes Bekenntnis zu seiner êzîdisch‑kurdischen Herkunft berührt historische Wunden. Um die Wucht der aktuellen Angriffe einzuordnen, muss die Geschichte betrachtet werden, die Kurd*innen seit Jahrzehnten besonders in der Türkei und in Nordkurdistan prägt:

Über lange Zeit wurde die kurdische Identität in der Türkei geleugnet. Die kurdische Sprache, Namen und kulturelle Ausdrucksformen waren verboten oder massiv eingeschränkt. Tausende kurdische Dörfer wurden durch das türkische Militär überrannt und zerstört. Zahlreiche Massaker gegen die kurdische Zivilbevölkerung markieren die Kontinuität staatlicher Gewalt seit Gründung der Türkischen Republik 1923.

Menschen, die sich als kurdisch bezeichneten, wurden verfolgt, inhaftiert, ins Exil gezwungen, deportiert oder getötet. Die staatliche Leugnung der kurdischen Identität wurde über Jahrzehnte diplomatisch flankiert. Das betrifft in Teilen auch Deutschland, wo kurdische Identität lange Zeit kaum Beachtung fand und später mitunter als „Sicherheitsrisiko” eingeordnet wurde. Diese Erfahrungen prägen bis heute die kurdische Community und erklären, warum Undavs Sichtbarkeit so bedeutend ist.

Die Beleidigungen gegen Undav knüpfen an genau diese Geschichte an. Wenn kurdische Menschen pauschal als „Terrorist*innen“ beschimpft werden, ist das ein politisches Instrument. Es entmenschlicht, kriminalisiert und versucht, kurdische Identität aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen.

Deniz Undav ist nicht nur Kurde, sondern auch Êzîde. Die êzîdische Gemeinschaft hat über Jahrhunderte Verfolgung erlebt. Der Genozid durch den sogenannten Islamischen Staat (IS) im Jahr 2014 ist tief eingeschrieben: Tausende Êzîd*innen wurden ermordet, Frauen und Mädchen versklavt und verschleppt, Dörfer ausgelöscht, Gesellschaften zerschlagen und schwer traumatisiert.

Dass ein êzîdischer Kurde heute im Profifußball auf höchstem Niveau spielt, hat deshalb enorme symbolische Bedeutung. Für viele Kinder und Jugendliche wird Undav so zu einer Identifikationsfigur.

Undavs sportliche Erfolge haben weltweit Begeisterung in kurdischen Communities ausgelöst. Doch die Hassreaktionen zeigen, wie Sichtbarkeit zu verteidigen gilt.

Der Fall Deniz Undav bleibt somit ein Beispiel dafür, wie Rassismus und koloniale Kontinuitäten im Fußball fortgesetzt und ausgetragen werden. Er zeigt, wie umkämpft kurdische Sichtbarkeit bleibt, wie tief antikurdischer Rassismus sitzt und wie wichtig Repräsentation für marginalisierte Communities ist.