Seit Tagen gehen im Iran und besonders in Rojhilat (Ostkurdistan) Zehntausende Menschen auf die Straße. Der Protest richtet sich gegen das autoritäre, islamistische Regime, das seit 1979 unter der Führung der Mullahs mit systematischer Repression, religiöser Bevormundung und ethnischer Diskriminierung herrscht. Was als Protest gegen staatliche Gewalt und Misswirtschaft begann, hat sich zu einem landesweiten Aufstand gegen Unterdrückung, Willkür und systematische Entrechtung entwickelt. Doch während die Menschen für Freiheit und Würde kämpfen, versucht das Regime, die Realität zu verzerren und die staatliche Gewalt unsichtbar zu machen.
Das staatliche Narrativ
Die iranische Führung behauptet, die Lage sei weitgehend unter Kontrolle. In staatlichen Medien ist von „Ruhe in den meisten Städten“ die Rede. Gleichzeitig werden Familien von Getöteten unter Druck gesetzt, in Interviews falsche Versionen der Todesumstände zu verbreiten – etwa, dass ihre Kinder bei Unfällen ums Leben gekommen seien oder selbst für ihre Ermordung verantwortlich seien.
Die Realität
Berichte aus Krankenhäusern und von Ärzt:innen widersprechen der offiziellen Darstellung des Regimes. Ein Arzt aus Teheran berichtete dem US-Magazin Time, allein in sechs Kliniken der Hauptstadt seien über 200 getötete Demonstrierende registriert worden – die meisten durch scharfe Munition. Menschenrechtsnetzwerke sprechen landesweit von mindestens 51 Toten, doch diese Zahl ist unvollständig. Protesthochburgen wie Teheran, Maschhad, Karaj und Hemedan sind darin noch nicht erfasst. Das tatsächliche Ausmaß der tödlichen Repression ist also deutlich höher.
Massenverhaftungen
Nach Angaben der Human Rights Activists News Agency (HRANA) wurden in nur zwölf Tagen über 2.277 Menschen festgenommen. Unter ihnen befinden sich mindestens 166 Minderjährige und 48 Studierende. In mindestens 45 dokumentierten Fällen wurden erzwungene „Geständnisse“ von Gefangenen im Staatsfernsehen ausgestrahlt.
Sicherheitskräfte verschleppen Demonstrierende bei nächtlichen Razzien aus ihren Wohnungen oder nehmen sie direkt aus Krankenhäusern mit. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International (AI) und Human Rights Watch (HRW) warnen, dass viele Inhaftierte ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten werden. Ein Zustand, der sie der akuten Gefahr von Folter und Misshandlung aussetzt.
Rojhilat besonders von der Gewalt betroffen
Übereinstimmend berichten Menschenrechtsorganisationen davon, dass in den kurdischen Regionen die Repressionen besonders brutal sind. AI und HRW geben an, dass die Provinzen Lorestan und Îlam, „Heimat der kurdischen und lurischen Minderheiten, von den blutigsten Repressionen betroffen“ sind.
Einschüchterung und Spaltung
Nach Angaben der Human Rights Activists News Agency (HRANA) geht das Regime auch gezielt gegen die Verbreitung von Informationen vor. Protestierende, Bürgerrechtler:innen und Journalist:innen werden durch anonyme Telefonanrufe und Textnachrichten bedroht oder informell vorgeladen, um sie davon abzuhalten, öffentlich Stellung zu beziehen oder Inhalte zu den Protesten zu veröffentlichen. Ziel ist es, kritische Berichterstattung systematisch zu unterbinden.
Mit der Ausbreitung der Proteste hat das iranische Regime seine Rhetorik gezielt angepasst. In offiziellen Stellungnahmen wird nun zwischen „legitimen Demonstrierenden“ und angeblichen „Randalierern“ unterschieden. Während Händler:innen und Ladenbesitzer:innen als Protestierende mit wirtschaftlichen Sorgen dargestellt werden, werden alle, die offen das System in Frage stellen, als von ausländischen Mächten gesteuerte „Agenten“ diffamiert. Beobachter:innen werten dies als gezielte Strategie, um die Bewegung zu spalten und die schwere Repression zu legitimieren.
Auch in den Gefängnissen geht der Widerstand weiter. Politische Gefangene wie Varisheh Moradi, Zeynab Jalalian, Sakineh Parvaneh, Parisa Kamali und Motalleb Ahmadian befinden sich in verschiedenen Städten im Hungerstreik. In Sanandaj haben sich zahlreiche weitere kurdische Gefangene angeschlossen.
Der Aufstand in Rojhilat und im gesamten Iran steht für einen historischen Bruch mit einem Regime, das auf Repression, patriarchaler Kontrolle und ideologischer Bevormundung basiert. Der Aufstand steht für den kollektiven Kampf um Freiheit, Recht und Würde. Die internationale Politik ist gefordert, die Repression und Verbrechen des iranischen Regimes klar zu benennen und die Demonstrierenden zu schützen.