Die verborgene Revolution der êzîdischen Frauen

Im April 2023 reiste eine Frauendelegation aus Deutschland nach Şengal (arab. Sindschar), um den Aufbau und die Revolution der êzîdischen Frauen dort kennen zu lernen. Sie sprachen auch mit zwei Vertreterinnen der TAJÊ-Kommission für Finanzen und Wirtschaft (TAJÊ: Tevgera Azadiya Jinên Êzidî – Frauenfreiheitsbewegung der ­Êzîdinnen (im Şengal)) über die Frauen-Ökonomie vor Ort. Das Interview wurde auf einer Frauendelegation von Mitgliedern von Dachverband des Êzîdischen ­Frauenrats e.V. (in Deutschland) (SMJÊ) und »Gemeinsam kämpfen! Für Selbst­bestimmung und Demokratische Autonomie« geführt.

Im April 2023 machte sich eine Frauendelegation vom Dachverband des Êzîdischen Frauenrats e.V. in Deutschland und der Feministischen Organisierung: »Gemeinsam kämpfen! Für Selbstbestimmung und Demokratische Autonomie« auf den Weg in das êzîdische Hauptsiedlungsgebiet Şengal im Norden des Iraks. Am 19. Januar 2023 erkannte der Deutsche Bundestag die Massaker am êzîdischen Volk durch den selbsternannten Islamischen Staat (IS), die am 3. August 2014 begannen, offiziell als Genozid an. Doch konkrete Konsequenzen, wie etwa die Anerkennung und die Unterstützung des Demokratischen Autonomierats Şengal sowie der êzîdischen Selbstverteidigungsein­heiten YBŞ (Yekîneyên Berxwedana Şengalê – Widerstandseinheiten Şengals) und YJŞ (Yekîneyên Jinên Şengalê – Fraueneinheiten Şengals), können beide Organisationen nicht erkennen. Genau diese beiden Strukturen sind es, die der türkische Staat fortlaufend als vermeintliche Legitimation seines Drohnenkrieges gegen die Region anführt. Die deutsche Bundesregierung ignoriert sowohl die demokratische Selbstvertretung wie auch die Angriffe auf sie vollständig. Bei ihrem Besuch in der Region im März dieses Jahres nahm die amtierende deutsche Außenministerin Annalena Baerbock keine Gesprächseinladung der Selbstverwaltung oder der Frauendiplomatie an. Darüber hinaus existierten in den deutschsprachigen Medien zwar einige gut recherchierte Artikel, Reportagen und Dokumentationen über das Leid des êzîdischen Volkes, insbesondere der Frauen, und Porträts über êzîdische Frauen, die die Gefangenschaft des »IS« überlebten. Blieben allerdings der Aufbau und die Frauen-Revolution, die seit 2014 mit aller Kraft im Şengal betrieben werden, unsichtbar, so verschweige dies die immense Kraft, den unzerstörbaren Willen zur Selbstbestimmung und das beeindruckende Wiedererlangen des Selbstbewusstseins der êzîdischen Frauen und Gesellschaft. Übrig bliebe nur die Reduktion auf die Opferrolle, die den Weg für eine Fortführung der Entmündigung nicht versperrt.

Während der Delegations­reise, die vor Ort durch Mit­arbeiterinnen der TAJÊ-Dip­lomatie-Kommission ermöglicht wurde, wurden 19 Interviews mit aktiven Frauen aus allen Bereichen des Lebens geführt. Zum Jahreswechsel soll aus diesem Material eine Informationsbroschüre veröffentlicht werden, um das Bild zu vervollständigen und die Errungenschaften sowie den Stolz und die Entschlossenheit der êzîdischen Frauen sichtbar zu machen.

Eines dieser Interviews wurde mit Nadia Hacî und Selîma Suleyman, Mitgliedern der TAJÊ-Kommission für Finanzen und Wirtschaft, geführt. Sie erläutern die Entstehung, Bedeutung und die Praxis des Aufbaus von Frauen-Kooperativen im Şengal. Die Ganzheitlichkeit dieser Wirtschaftsform lässt sich auch daran erkennen, dass – soweit möglich – stets Anbau, Produktion und Vertrieb gemeinsam aufgebaut werden. Das überarbeitete Interview ist hier in voller Länge abgedruckt.

Wir möchten heute mit euch über die Frauen-Ökonomie im Şengal sprechen. Mögt ihr euch zunächst einmal kurz vorstellen?

Nadia: Mein Name ist Nadia Haci, ich bin 28 Jahre alt. Ich begrüße euch ganz herzlich und heiße euch willkommen. Wir freuen uns sehr auf das Interview und finden eure Arbeit sehr wichtig.

Selîma: Ich bin Selîma Suleyman und ich bin 20 Jahre alt. Auch ich begrüße euch von Herzen. Die Stärkung der êzîdischen Frauen mit gleichgesinnten Freund:innen von außerhalb ist sehr wichtig und ich freue mich, dass ihr hier anwesend seid.

Wie war der Anfang der Frauen-Ökonomie? Wann und wieso ist die Idee entstanden?

Nadia: Die Idee ist vor sechs Jahren entstanden. Es sollte die Option geboten werden, dass Frauen auch ein bisschen rauskommen, etwas für sich machen, außerhalb arbeiten gehen, nicht nur Hausfrauen sind. Daneben sollten natürlich auch die Familien finanziell entlastet und unterstützt werden. Aber vor allem ist das Ziel, dass Frauen auch eigenhändig und selbstständig etwas aufbauen und das in die Gesellschaft zurückgeben können. Es geht nicht darum, sich reichzumachen. Es geht darum, dass es eine Entlastung für die Community ist, um weniger von Staat, Regierungen und so weiter abhängig zu sein. Weil wir keine Unterstützung bekommen, gibt es den Bedarf, sich selbst etwas zu erwirtschaften.

Selîma: Die Grundidee kam von TAJÊ. Frauen haben sich schon seit langem auch in den Wirtschafts-Arbeiten des Demokratischen Autonomierats Şengals beteiligt, aber die Frauenwirtschaft gibt es jetzt seit einem Jahr. Neben der finanziellen Entlastung für die Frauen und Familien war wie gesagt vor allem wichtig, die Frauen dahingehend zu unterstützen, dass sie auch einfach die Häuser verlassen. Es ist so wichtig, dass sie nicht von ihren Ehemännern, Brüdern oder sonst noch wem abhängig gemacht werden. Dass sie mobiler sind, dass sie mit den Einnahmen entlastet sind und für ihre Kinder und auch für sich unabhängig etwas verwalten können, etwas einnehmen können.

Was sind eure Aufgaben?

Selîma: Wir sind Mitglieder der Koordination der TAJÊ-Kommission für Wirtschaft und Finanzen und können in allen Ortschaften eingesetzt werden. Das ist nicht auf ein Geschäft zu reduzieren, sondern wir tragen die Verantwortung für alle Projekte und Geschäftsstellen. Je nachdem, wo es Bedarf gibt, helfen wir aus.

Nadia: Momentan arbeiten wir gerade hier in der Cafeteria in Xanesor. Eigentlich betreibt eine Kollegin mit zwei anderen Freundinnen diese Cafeteria, aber wir helfen aus, weil es gerade den Bedarf gibt.

Wie funktioniert die Cafeteria?

Nadia: Die Cafeteria wird nur von Frauen betrieben. Das Gebäck wird selbst hergestellt und hier in der Cafeteria werden der Kuchen und Süßes dann zum Verkauf angeboten. In der Cafeteria sind zwei Frauen beschäftigt. Zur Cafeteria gehört auch die Parkanlage hier nebenan, wo Kinder, Familien und allgemein die Gesellschaft sich aufhalten und ihre Freizeit verbringen können. Die Bäckerei, in der das Gebäck hergestellt wird, ist auch hier in derselben Straße, sodass immer alles sehr frisch ist.

Gibt es neben der Cafeteria, dem Park und der Gebäck-Bäckerei noch weitere Frauen-Kooperativen?

Nadia: Wir haben drei Bäckereien in Borik, Şengal und Xanesor, in denen Brot hergestellt wird. Wir betreiben eine Obstbaumplantage in Mischkultur mit einem Garten, wir pflanzen Bäume.

Selîma: Es gibt einen Laden für eingelegtes Gemüse, in dem sieben Frauen tätig sind. Dort wird Obst zu Marmelade verarbeitet und Gemüse wird in Salzlake eingelegt und zum Verkauf angeboten. Die Einnahmen dienen lediglich dem Einkommen dieser Frauen sowie dem Kauf weiterer Materialien und Zutaten für diese Kooperative.

Nadia: Gemüse und Obst sind sehr teuer und nicht jede:r kann sich das leisten. Daher werden auf diese Weise auch die Familien entlastet. Zu diesem Laden gehört die Obstbaumplantage mit dem gepachteten Feld, also die Mischkultur. Wir wollen die Zahl der Frauen, die dort arbeiten, saisonal auf 15 oder 20 Frauen erhöhen, weil jetzt Frühling ist und viel Obst in dieser Zeit reif wird. Auf dem Feld sind ganz unterschiedliche Obstbäume von Granatapfel bis Birnen, Trauben etc. gepflanzt.

Selîma: In Zerdeşt werden außerdem auch kleine Bäume gezüchtet, um sie der Bevölkerung anzubieten und zu verkaufen, damit diese selber in ihren Gärten die Bäume aufziehen und sich perspektivisch selbst davon ernähren kann. Eine von uns Frauen betriebene Baumschule also.

Nadia: In Xanesor haben wir ein Geschäft mit Frauenkleidung, die teils selbst genäht und zum Verkauf angeboten wird. So gesehen ein Frauenladen. Eine Näherei wird angestrebt, das Projekt ist momentan noch nicht komplett abgeschlossen, sodass die Fr4auen die Kleidung teils noch zuhause nähen.

Selîma: Zwischen Sinûnê und Kerse laufen die Arbeiten, um eine weitere Cafeteria mit Parkanlage für Kinder und Jugendliche aufzubauen. Das ist auch noch kein abgeschlossenes Projekt, es läuft noch an. Die Parkanlage dort wird auch ein kleines Riesenrad und Karussells haben.

Welche Prinzipien habt ihr für den Betrieb der Frauen-Wirtschaft?

Selîma: Wir beschäftigen ausschließlich Frauen. Außerdem bezahlen wir grundsätzlich einen höheren Stundenlohn. Dies ist ein Beschluss, um den Familien beziehungsweise vor allem den Frauen entgegenzukommen, weil es schon erschwert ist, diese Positionen zu belegen, beziehungsweise für die Frauen, sie zu beziehen.

Wie alltäglich ist es, dass die Frauen Lohnarbeit verrichten und ihr eigenes Geld verdienen?

Selîma: Man kann den Vergleich zwischen früher und jetzt ziehen: Vor dem Genozid/Feminizid war das einfach nicht angebracht, als Frau das Haus zu verlassen, selbstständig arbeiten zu gehen, eine Arbeit anzunehmen und auszuführen. Das waren mehr alte Denkmuster. Diese hat man aufgegeben mit dem, dass die ganze Gesellschaft durch den »IS«-Angriff zerstört wurde, die Lebensgrundlage und die gesamte Infrastruktur zerstört wurden. Deswegen war es von großer Notwendigkeit, dass sich alle beteiligen. Es funktioniert nur, indem wir uns selbst weiterhelfen, etwas herstellen, der Gesellschaft etwas zurückgeben und uns nicht abhängig vom Außen machen. Das heißt, nicht in die großen Städte außerhalb fahren zu müssen, etwas erwerben zu müssen, um dort Handel zu treiben. Der Erwerb ist zu teuer und die Strapazen sind wirklich zu groß. Also hat man die Idee vertieft, im Şengal selbst etwas entstehen zu lassen und es der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen, um sie zu entlasten. Und auch, um den Frauen und Familien durch Beschäftigung weiterzuhelfen: Weil hier wenig aufgebaut und investiert wird, sind die Menschen natürlich auch ohne Arbeit. Wir haben die Ökonomie des Demokratischen Autonomierats und der Frauen entstehen lassen, damit die Menschen den Tag über beschäftigt sind und den Wiederaufbau des Şengal voranbringen.

Nadia: Ein minimaler Anteil heißt die Frauen-Ökonomie nicht gut und unterstützt uns nicht, aber der Großteil der Gesellschaft unterstützt die Arbeiten der Frauen und freut sich, dass sie sich im Bereich Ökonomie, Wirtschaft und Finanzen beteiligen. Dass sie eben auch mit anpacken und das Leben im Şengal aufblühen lassen. Früher war es schon schwieriger, aber inzwischen nicht mehr. Die Gesellschaft war früher kritischer. Nach dem Genozid war es anfangs schwer, das aufzubauen, aber die Akzeptanz wird immer größer und mit ihr auch die Möglichkeiten.

Arbeiten in der Kommission und den Kooperativen ausschließlich êzîdische Frauen oder auch Frauen anderer Ethnien und Glaubensgemeinschaften?

Nadia: Unsere Arbeiten sind darauf ausgelegt, auch Ortschaften, in denen die arabische Bevölkerung lebt, miteinzubeziehen. Wir wissen, dass diese Frauen in solchen Arbeiten nicht tätig sind. Die Tür steht ihnen offen und mit der Zeit werden wir daran arbeiten, sie mit in die Arbeiten einzuladen. Momentan ist das nicht gegeben, weil wir im Şengal sind, in Xanesor und Sinûnê, also êzîdischen Ortschaften. Es gibt daher auf der praktischen Ebene wenig die Möglichkeit für arabische Frauen, aber es ist nicht ausgeschlossen.

Ihr hattet euch schon zur Unterstützung hier direkt vor Ort geäußert, wie steht es um Unterstützung von außerhalb?

Selîma: Seitens des Staates oder der Regierungen gibt es keine Hilfe und wir wurden auch nicht aufgesucht. Es gibt keinerlei Entlastung oder Unterstützung in dieser Hinsicht. Also vom Staat gibt es sowieso nichts, der kümmert sich gar nicht um die êzîdische Gesellschaft. Es gibt NGOs, die bis zu einem gewissen Grad hier arbeiten dürfen, sie unterstützen Projekte. Aber die NGOs von außerhalb haben keine Kooperation mit unserer Wirtschaftsinstitution, mit unserer TAJÊ-Kommission für Finanzen und Wirtschaft. Sie ermöglichen nur Projekte. Wenn wir als Kommission versuchen, mit ihnen in Beziehung zu treten, war das bisher ergebnislos.

Was bedeutet es für euch als Frauen, dass ihr arbeitet und eigenes Geld verdient und dadurch auf allen möglichen Ebenen unabhängiger seid? Welche Entscheidungen im Konkreten könnt ihr unabhängiger und freier treffen dadurch, dass ihr nicht in so starker Abhängigkeit beispielsweise von der Familie steht? Was bedeutet das auch für euch persönlich?

Selîma: Es gibt eine große Veränderung in der Gesamtgesellschaft. Die Veränderung ist in unserer Persönlichkeit zu beobachten, aber geht in die Gesamtgesellschaft über, weil es zu einer Welle wird. Es hat uns entlastet, unsere Familien, und wir sehen den Sinn und Zweck, dass es auch der Gesellschaft, der Community insgesamt zugutekommt.

Nadia: Das erfüllt mich auch. Zum einen bin ich entlastet. Es ist für mich wirklich eine große Entlastung, dass ich mich jetzt selbst versorgen kann, also unabhängig bin und ein eigenes Auskommen habe. Zum anderen hat es in mir viel Positives ausgelöst. Ich bin viel fortschrittlicher, vorangekommen, habe ein anderes Bewusstsein entwickelt. Und zu beobachten, dass es der Gesellschaft nützlich ist, freut mich umso mehr. Es bereitet mir so große Freude.

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Das Interview ist entnommen aus dem Kurdistan Report 229 | September / Oktober 2023