Ein Gastbeitrag von Nupelda Azgar
Die Geschichte der Kurdi:innen ist geprägt von systematischer Verfolgung, Ausgrenzung und Entrechtung. Zugleich ist sie geprägt von einem anhaltenden Widerstand, der tief in der kollektiven Erfahrung verankert ist. Die aktuelle Eskalation in Rojava zeigt erneut, dass dieser Widerstand weit über geografische Grenzen hinausreicht.
Wenn es in der Geschichte gerecht zuginge, müsste dieses Volk längst einen anderen Namen tragen. Berxwedan, das kurdische Wort für Widerstand, ist keine Parole, sondern eine Haltung, die sich durch die Geschichte der Kurdi:innen zieht. Seit Generationen stemmen sie sich gegen die systematische Leugnung ihrer Identität, gegen die Zerstörung ihrer Kultur und gegen die politische Auslöschung ihrer Strukturen. Was viele Völker in Ausnahmezuständen erleben, ist für die Kurdi:innen über Jahrzehnte zur Normalität geworden.
In der Türkei bedeutete das jahrzehntelange Repression, Sprachverbote und Haft. Im Irak wurden sie chemisch angegriffen und aus ihren Dörfern vertrieben. Im Iran wird jede Form kultureller oder politischer Selbstorganisation unterdrückt. In Syrien schließlich entstand nach 2011 ein politisches Vakuum, in dem eine eigene Form der Selbstverwaltung aufgebaut wurde. In Nord- und Ostsyrien, bekannt als Rojava, entwickelte sich auf Initiative kurdischer Bewegungen ein Gesellschaftsentwurf, der auf Gleichberechtigung, gemeinschaftlicher Verantwortung und Vielfalt basiert.
Die Angriffe auf Rojava
Seit dem 6. Januar 2026 ist dieses Modell erneut massiv unter Beschuss geraten. Truppen und Milizen der sogenannten Syrischen Übergangsregierung, die durch die Türkei unterstützt werden, haben gezielt Stadtteile in Aleppo angegriffen, darunter Ashrafiyeh, Beni Zeyd und Aser. Die Gewalt hat sich rasch auf weitere Regionen ausgeweitet, auch Hesekê und das Umland von Kobanê sind betroffen. Berichte sprechen von Angriffen auf zivile Infrastruktur, Vertreibungen und einer akuten Gefährdung der kurdischen Zivilbevöl-kerung.
Hier wird nicht nur eine politische Struktur zerstört, sondern auch der Versuch, eine Gesellschaft jenseits autoritärer Zentralstaaten zu organisieren. Rojava steht für partizipative Selbstverwaltung, für die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen, für den Schutz ethnischer und religiöser Minderheiten, für ökologische Nachhaltigkeit und für die Hoffnung auf ein anderes Zusammenleben in einer Region, die seit Jahrzehnten von Gewalt geprägt ist. In einer Gegend, die unter Umweltzerstörung und staatlicher Vernachlässigung leidet, wurden dezentrale Landwirtschaft, kollektive Verantwortung für natürliche Ressourcen und ökologische Bildung gezielt gefördert. Gerade deshalb ist dieses Projekt ins Visier geraten.
Ein Widerstand, der keine Grenzen kennt
Der Widerstand der Kurdi:innen endet nicht an den Außengrenzen Syriens. In ganz Europa und in Nordamerika engagieren sich Menschen in der Diaspora, und es gibt zudem kurdischstämmige Gemeinschaften in anderen Teilen der Welt, die politisch aktiv sind. Auch in Deutschland zeigen Tausende Gesicht, tragen Fahnen, halten Bilder ihrer Verwandten hoch und fordern internationale Aufmerksamkeit. Viele gehören der zweiten oder dritten Generation von Vertriebenen an. Ihr politisches Bewusstsein ist geprägt durch die Erfahrung von Bruch, Entwurzelung und der ständigen Bedrohung, vergessen zu werden.
Diese Menschen in der Diaspora führen den Widerstand weiter, nicht mit Waffen, sondern mit Worten, mit Demonstrationen, mit politischer Arbeit in Gewerkschaften, in Parlamenten, in zivilgesellschaftlichen Initiativen. Sie halten Erinnerung wach und machen sichtbar, was andernorts verdrängt wird. Ihr Engagement ist Ausdruck derselben Haltung, die auch in Rojava gelebt wird: die Weigerung, sich mit Ungerechtigkeit abzufinden.
Kollektives Gedächtnis als Träger des Widerstands
Der anhaltende Widerstand der Kurdi:innen ist nicht nur politisch, sondern tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Der französische Soziologe Maurice Halbwachs prägte den Begriff des kollektiven Gedächtnisses, um zu beschreiben, wie Erinnerungen nicht individuell entstehen, sondern innerhalb sozialer Gruppen. Es sind diese gemeinsamen Erinnerungen, die einer Gemeinschaft Identität verleihen und ihr Handeln in der Gegenwart prägen.
Für die kurdische Bevölkerung ist das Gedenken an Verfolgung, Vertreibung und Widerstand nicht bloß ein Blick in die Vergangenheit. Es ist eine kollektive Erinnerungspraxis, die sich über Generationen hinweg in Erzählungen, Liedern, Gedenktagen und politischen Strukturen manifestiert. Dieses Gedächtnis lebt nicht allein in den Regionen des kurdischen Siedlungsgebiets fort, sondern auch in der Diaspora, in der viele Familien seit Jahrzehnten Erfahrungen von Bruch, Exil und politischem Kampf weitergeben.
Die Erinnerung an vergangene Massaker, an unterdrückte Sprache, an verschwundene Dörfer oder gefallene Angehörige ist Teil einer lebendigen, gemeinsamen Geschichte. Sie ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein Rahmen für das gegenwärtige politische Bewusstsein. Aus dieser Perspektive wird verständlich, warum sich auch junge Menschen, die in Europa geboren wurden, so selbstverständlich mit der Bewegung in Rojava identifizieren und sich an Protesten beteiligen. Ihr Widerstand ist nicht isoliert, sondern Ausdruck eines kollektiven Gedächtnisses, das verbindet, was geografisch getrennt ist.
Europas Schweigen
2014 stand Kobanê im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit. Kurdische Kämpfer:innen hatten dem sogenannten Islamischen Staat standgehalten, obwohl sie militärisch unterlegen waren. Die Bilder gingen um die Welt. Heute herrscht Schweigen. Die kurdische Bewegung war einst gefeiert als Bollwerk gegen den Terror. Jetzt, inmitten neuer Angriffe, bleiben Öffentlichkeit und Politik weitgehend stumm.
Diese Gleichgültigkeit ist nicht neu. Doch sie wiegt umso schwerer, weil sie eine politische Botschaft sendet: dass demokratische Selbstorganisation, Gleichberechtigung und Minderheitenschutz in der internationalen Ordnung offenbar keine Rolle spielen, solange sie von den Falschen getragen werden.
Berxwedan: Widerstand als Haltung
Berxwedan beschreibt nicht allein einen militärischen Kampf. Es ist ein Begriff für das Beharren auf Würde. Für den alltäglichen Versuch, sich nicht auslöschen zu lassen. In Rojava wird das in Schulen, Kommunen, Nachbarschaften gelebt. In der Diaspora zeigt sich diese Haltung in politischen Versammlungen, im Schreiben, im Protest auf der Straße.
Diese politische Standhaftigkeit wirkt oft leise, aber sie ist beständig und tief verankert.
Was bleibt, hat einen Namen
Berxwedan ist nicht bloß ein Wort. Es steht für die Weigerung, in der Geschichte zu verschwinden. Für die Entscheidung, sich zu organisieren, sich zu wehren, sich zu behaupten. Wenn es je gerecht zugehen sollte in der Bewertung von Geschichte, dann müsste man dieses Volk nicht mehr als das Volk ohne Staat bezeichnen, sondern als das Volk, das über alle Grenzen hinweg standhält. In Syrien, im Exil, in Deutschland, auf der Straße und im Inneren.
Ein Volk, das sich nicht unterkriegen lässt, verdient keine Beileidsbekundung, sondern eine politische Antwort.