Am 15. August 1984 nahm die PKK ihren bewaffneten Kampf auf. 42 Jahre später befindet sich die kurdische Freiheitsbewegung an einem Wendepunkt. Nach der Auflösung der PKK und der Entscheidung, den bewaffneten Kampf zu beenden, stellt sich die Frage, wie der jahrzehntelange Kampf um die kurdische Frage künftig fortgeführt werden soll.
Der Journalist İrfan Aktan hat für The Amargi mehrere Tage in den Qendîl-Bergen in Südkurdistan (Nordirak) verbracht und dort mit Mitgliedern der aufgelösten PKK über genau diese Frage gesprochen.
„Auch die Waffen in unseren Köpfen verbrennen“
Eine der bedeutsamsten Aussagen beim Besuch von Aktan stammt von Nurettin Demirtaş, der sich 2009 der PKK angeschlossen hatte und zuvor u.a. Ko-Vorsitzender der Demokratischen Gesellschaftspartei (kurz DTP, eine Vorgängerpartei der DEM-Partei) gewesen war. Gegenüber Aktan beschreibt er das Ende des bewaffneten Kampfes nicht als Ende der politischen Auseinandersetzung, sondern als Übergang in eine neue Phase:
„Wir wollen nicht nur die Waffen in unseren Händen verbrennen; wir wollen auch die Waffen in unseren Köpfen verbrennen. Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um den Kampf der Kurd:innen für Gleichberechtigung und Freiheit vollständig mit demokratischen Mitteln fortzuführen.“
Diese Frage beschäftigt nach Aktans Schilderungen den Alltag in Qendîl. In langen Sitzungen und während der täglichen Arbeit werde darüber debattiert, wie der Kampf für Freiheit und Demokratie unter veränderten Bedingungen fortgesetzt werden könne.
Aktan beschreibt eine Gemeinschaft, in der solche Diskussionen nicht auf führende Kader beschränkt sind. Auffällig sei dabei der Umgang miteinander. Die Beteiligten hörten einander aufmerksam zu, diskutierten ausführlich und begegneten sich unabhängig von Alter und Position mit Respekt.
Auch im Alltag seien Hierarchien für Außenstehende kaum zu erkennen. Kochen, Putzen, Geschirrspülen oder Wachdienste würden gemeinschaftlich erledigt.
Was bleibt von fünf Jahrzehnten Kampf?
Im Gespräch mit Aktan widerspricht Demirtaş der Vorstellung, der bewaffnete Kampf sei innerhalb der kurdischen Freiheitsbewegung als Mittel zur Erlangung politischer Rechte verstanden worden. Die Waffen seien vielmehr unter den Bedingungen nach dem Militärputsch von 1980 und angesichts staatlicher Gewalt als Mittel der Selbstverteidigung betrachtet worden.
„Selbst als wir Waffen einsetzten, vertraten wir die Auffassung, dass die eigentliche Garantie für menschliches Leben und Menschenrechte nicht Waffen, sondern Demokratie ist“, erklärt Demirtaş.
Doch wenn die Waffen nun niedergelegt werden, stellt sich zugleich die Frage nach der Bilanz der vergangenen Jahrzehnte. Demirtaş verweist hierbei vor allem auf gesellschaftliche Veränderungen. Noch vor wenigen Jahrzehnten sei die kurdische Existenz in der Türkei systematisch geleugnet worden. Menschen seien verfolgt worden, weil sie sich öffentlich als Kurd:innen bezeichneten. Heute könnten Millionen Menschen ihre kurdische Identität selbstbewusst vertreten. Darin sieht Demirtaş eine der wichtigsten Errungenschaften des jahrzehntelangen Kampfes.
Auch Veränderungen im gesellschaftlichen Bewusstsein und insbesondere im Verhältnis der Geschlechter hebt er hervor. Der Kampf um die Freiheit der Frauen innerhalb der kurdischen Gesellschaft habe eine Entwicklung angestoßen, deren Bedeutung weit über Kurdistan hinausreiche. Die Parole „Jin, Jiyan, Azadî“ – „Frau, Leben, Freiheit“ hat ihre Wurzeln in der kurdischen Frauen- und Freiheitsbewegung und wurde inzwischen zu einer international bekannten Losung feministischer Proteste. Auch der Kampf der Frauenverteidigungseinheiten YPJ gegen den sog. „Islamischen Staat“, insbesondere bei der Verteidigung Kobanês 2014 und 2015, machte die Errungenschaften der kurdischen Frauenbewegung weltweit sichtbar.
Vom 15. August in eine neue Phase
Über Jahrzehnte stand der 15. August für den Beginn des bewaffneten Kampfes der PKK. Heute fällt der Jahrestag in eine Phase, in der genau diese Strategie hinterfragt und beendet worden ist. Damit verschwinden weder die kurdische Frage noch die politischen Forderungen, die den Konflikt geprägt haben. Vielmehr verlagert sich die Auseinandersetzung auf die Frage, unter welchen rechtlichen und politischen Bedingungen ein demokratischer Kampf möglich sein kann.
Zum englischsprachigen Artikel von Irfan Aktan auf The Amargi gelangt ihr hier: https://www.theamargi.com/posts/three-days-in-the-qandil-mountains