Bedrohte Natur Ostkurdistans

Ercan Ayboğa, Initiative zur Rettung von Hasankeyf

Nachdem mir seit Sommer 2011 immer wieder etwas in die Quere gekommen war, schaffte ich es schließlich doch, in die Islamische Republik Iran zu reisen. Über den Grenzübergang Bajirge (Esendere)/Sero gelangte ich von Nord-(Türkisch-)Kurdistan nach Urmîya (Urmia), in die Stadt, in der KurdInnen und AserbaidschanerInnen (Azeris) gemeinsam leben. Während der ca. 50 km langen Strecke ging es aus dem Zagros-Gebirge langsam, aber stetig bergab, immer wieder durch Dörfer und kleine Ortschaften, die von kahlen Bergen umsäumt sind. Bergen, die mit Wäldern wunderschön aussehen würden.

Das Fehlen von Wäldern in vielen Teilen Ostkurdistans fiel mir hier schon auf. Ob das dieselben Gründe hatte wie in Nord-Kurdistan? 

Zurzeit steht ein akuteres Problem in der Region Urmîya an. Kurz vor der Stadt beginnt eine sich meist 5 bis 40 km breit um den Urmîya-See herum erstreckende Ebene. Auf der Nord-, Süd- und vor allem Ostseite des Sees leben insbesondere Azeris, auf der westlichen auch KurdInnen. Der Urmîya-See ist in vielerlei Hinsicht bedeutend für den Iran. Zum einen als größter See (mit einer bis vor kurzem intakten Ökologie) und eines der wichtigsten Symbole für diesen Staat, und dann auch als Einkommensquelle für tausende Menschen, die von der Landwirtschaft oder dem Tourismus um den See leben.

Doch der abflusslose Urmîya-See trocknet aus, jedes Jahr ein bisschen mehr … Er trocknet aus, weil seine 13 Zuflüsse deutlich weniger Wasser führen. Und zwar nicht, weil es einfach weniger regnet, sondern weil der Staat seit vielen Jahren auf diesen Zuflüssen Staudämme baut (bis heute 39). Das abgezweigte Wasser wird zur systematischen Bewässerung vieler zehntausender Hektar Land eingesetzt, Wasser, das dem 140 km langen und durchschnittlich 40 km breiten Urmîya-See fehlt. Zusätzlich verhindert eine Brücke in Ost-West-Richtung den Wasseraustausch im See. Auf der bin ich acht Tage später auf meiner Rückreise in die Türkei gefahren. Es war ein mehr als dramatischer Blick auf den See selbst – kilometerlange weiße Salzflächen, während der Mittagszeit kaum anzuschauen.

Die Austrocknung des größten Salzsees im Mittleren Osten führt seit zwei bis drei Jahren zu heftigen Debatten und Protesten im Iran. Demonstrationen in Urmîya und Täbriz wurden im Sommer 2011 zusammengeschossen und hunderte Menschen festgenommen. 2012 wurden protestierende Kinder mit Peitschenhieben bestraft. Die Regierung bestreitet ihre Verantwortung für die Austrocknung des Sees. Sie verweist lediglich auf geringeren Niederschlag in den letzten Jahren, was zwar in geringem Maße zutreffen mag, doch selbst 10–15 % weniger Niederschlag führen nicht zu einer so dramatischen Austrocknung. Der See hat mehr als die Hälfte seines Volumens und seiner Oberfläche verloren. Das führte zu einem enormen Anstieg seines Salzgehalts. Einige Regierungsvertreter behaupteten sogar, der Westen ließe mit verschiedenen Maßnahmen die von Westen heranziehenden Tiefdruckgebiete über der Türkei abregnen. Das ist nicht nur unhaltbar, sondern auch lächerlich, auch weil in der Türkei und insbesondere in Nordkurdistan die Niederschlagsmenge um ca. 8 % abgenommen hat. Als Lösung präsentiert die Regierung Irans die Option, vom Grenzfluss Aras regelmäßig Wasser in den Urmîya-See umzuleiten. Doch das wäre nichts anderes als eine Verlagerung des Problems in die Unterstromgebiete des Aras auf dem Staatsgebiet Aserbaidschans. Hier würden Landwirte entlang des Aras-Flusses leiden.

Das Problem kann sozial und ökologisch nur durch die radikale Rücknahme der Bewässerung großer Flächen aus den Stauseen oder gar am besten durch den Rückbau der Staudämme bewältigt werden. Leider scheint das in den nächsten Jahren mit diesem undemokratischen Regime Irans kaum möglich zu sein, denn es versucht jede Art von kritischer Diskussion zu unterbinden. Überhaupt gibt es im Iran selbst keine kritische Debatte über ökologische Probleme oder Infrastrukturprojekte.

Als ich am nächsten Tag einen Öko-Aktivisten auf dem Busbahnhof von Urmîya treffen wollte, um an einige kritische Stellen des Sees zu fahren, wartete ich vergeblich. Es stellte sich heraus, dass er eine Stunde zuvor von der Polizei festgenommen worden war. Wie ich später erfuhr, weil er kurz nach dem Erdbeben 300 km weiter östlich in der Nähe von Täbriz, bei dem offiziellen Angaben zufolge 300 Menschen gestorben waren, bei den Rettungsarbeiten zu helfen versuchte. Das Management des iranischen Staates ist in solchen Situationen katastrophal, er akzeptiert jedoch keine Hilfe anderer, wohl um seine Unfähigkeit nicht ans Tageslicht kommen zu lassen. Offiziell heißt es, Kriminelle würden solche Situationen ausnutzen. Erst nach einem Monat wurde der Aktivist wieder freigelassen, wie ich erfuhr.

Nach der Region Urmîya kam ich nach Mahabad. Der Stadt, in der 1946 die elf Monate existierende »Republik von Mahabad« ausgerufen und organisiert, doch nach dem Abzug der UdSSR-Armee aus dem Iran durch die Truppen des Schahs zerschlagen worden war. Auch hier sind die nahen umliegenden Berge nicht bewachsen. Das wirkte bedrückend und ich wollte wissen, wo die großen Wälder sind, die ich im Fernsehen gesehen hatte. Ich wurde auf die irakische Grenzregion verwiesen, dort gäbe es große und natürliche Wälder.

Deshalb fuhren wir in die Grenzstadt Pîranşar. Doch auch hier wurde ich enttäuscht. Nur wenige und kleine Waldstücke waren in Richtung irakischer Grenze zu sehen, ausschließlich Buchen, vorwiegend Steinbuchen. Von Pîranşar kehrten wir auf einer alternativen Strecke über eine Bergkette zurück nach Mahabad, ebenfalls vergebens.

Auf meine genaueren Fragen nach den Gründen für die fehlende Vegetation bekam ich nur unklare Antworten. Selbst ältere Menschen konnten sich nicht erinnern, dass es vor 40–50 Jahren wesentlich mehr Wald gegeben habe. Der Grund für sein Verschwinden muss derselbe sein wie in Nordkurdistan. Im 20. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung auch in Kurdistan immer schneller, was zwangsläufig zu mehr Bedarf an Heizmaterial führte. Da die Winter in Kurdistan kalt sind, es in den meisten Gebieten schneit und es kaum Kohle gab, das wenige Erdgas in Ostkurdistan vom iranischen Staat exportiert wurde und der sonst keine anderen Alternativen bot, kam es unausweichlich zum Abholzen ganzer Wälder. Der Staat förderte es sogar und ließ zu, dass sogar bestehende schwache Gesetze gebrochen wurden, d. h. illegal abgeholzt wurde. Bis heute gibt es keine großen Aufforstungsprojekte, die vorhandenen folgen keinem Konzept und langer Planung, sind kleinräumig, und oft werden nicht in diese Ökosysteme gehörende Baumarten (vor allem Nadelbäume) angepflanzt. Es handelt sich um halbtrockene Gebiete ohne das nötige Potential zur Selbstregeneration. Ist der Wald einmal weg, dann für immer. Nur in sehr wenigen Gebieten Kurdistans ist es so, dass sich in einem natürlichen Prozess der Wald wieder erholt.

Später erfuhr ich von FreundInnen, dass es in der Gegend um Merîwan und Serdeşt große Wälder geben soll. Ich fuhr jedoch weiter nach Kermanşah, unterwegs wieder nur vereinzelte kleine Waldflächen. Die Landschaft ist wie um Mahabad, Pîranşar und Sine (Sanandadsch) bergig mit kleinen Ebenen. Weite Ebenen wie um Amed (Diyarbakır), Riha (Urfa) oder Hewlêr (Arbil) gibt es in Ostkurdistan nicht.

In Kermanşah, der größten Stadt Ostkurdistans, wurde mir bewusst, wie schlecht die Luftqualität in den Städten dort ist. In keiner Stadt der Welt habe ich eine so schlechte Luft geatmet wie hier. Einige Tage später in Teheran verschlimmerte sich die Luftqualität noch mal, zeitweise kaum auszuhalten. Ich fühlte mich so schlecht, dass ich die Stadt wieder verlassen wollte.

Die verschmutzte Luft wird natürlich durch die vielen Abgase verursacht. Überall in oder zwischen den Städten sind überproportional viele Autos zu sehen. Das liegt vorrangig an vier Gründen: a) Das Benzin ist mit 33 Eurocent verhältnismäßig günstig; b) die Straßen sind so angelegt, dass jeder Ort problemlos mit dem Auto erreicht werden kann (ich sah z. B. überhaupt keine Fußgängerzonen); c) Falschparken wird nicht bestraft; d) Autos sind verhältnismäßig günstig (der »Paykan« kostet 4 000 US-Dollar). Im Gegenzug ist der öffentliche Nahverkehr in den Städten kaum ausgebaut. Nur in Teheran habe ich für den innerstädtischen Verkehr die neue Metro benutzt, sonst bin ich immer mit Autos von FreundInnen unterwegs gewesen.

Die Regierung hat in Teheran mittlerweile Einschränkungen bewirkt (z. B. dürfen abwechselnd nur PKWs mit geraden oder ungeraden Kennzeichennummern in das Stadtzentrum) und die Metro wird ausgebaut. Doch diese Beschränkungen helfen, wenn überhaupt, nur kurzfristig, ändern aber nichts an der Grundtendenz. In den anderen Großstädten nimmt der Verkehrshorror immer dramatischere Ausmaße an.

Weiter geht es von Kermanşah nach Xorramabad, der Hauptstadt Luristans, einer im Süden an Kermanşah anschließenden Provinz – endlich sehe ich unterwegs große Wälder. Sie sehen aus wie die in Dêrsim (Tunceli), dieselbe Baumart hauptsächlich, wunderschön. Ich hatte bereits gelesen, dass sich Klima und Vegetation von Dersîm und Sêwas (Sivas) bis nach Luristan ähneln sollten. Und richtig, mensch könnte irgendwo in der Landschaft Luristans stehen und sich in einem der Wälder Nordkurdistans wähnen. Nach der Bewunderung will ich nach der Ursache für die Existenz der Wälder forschen, erfahre, dass Luristan dünn besiedelt ist und 25 % der 3 Mio. BewohnerInnen in Xorramabad leben. Ob das alles ist? Mehr Niederschlag als woanders ist hier auch nicht zu verzeichnen. Es lässt sich nicht letztendlich klären; mir bleibt nur, mich über die großen Wälder Luristans zu freuen.

entnommen aus dem Kurdistan Report Nr.164