Ich bewundere deine strategische Intelligenz!

Aslı Aydıntaşbaş, Cumhuriyet, 12.05.2017

Es kann keine tragischere Situation geben, als das die Türkei ihre „Kurdenkarte“ wie eine Waffe gegen sich selbst richtet. Die vergangenen drei Jahre spiegeln genau  dies wieder… Die Macht, die nicht lange, noch vor 2 Jahren, von der Notwenigkeit sprach, in dieser Region „mit den Kurden zusammen zu wachsen“ und auf dem Weg war in ihrer eigenen Region mit einem türkisch-kurdischen Bündnis eine riesige „Burg“ und Kraftzentrale im Mittleren Osten zu schaffen, hat von einem Moment auf den anderen ihre Idee verändert und ist in eine gänzlich andere Richtung getreten. Im Land fließen Blut und Tränen. In den Städten fahren Panzer auf. Unsere Demokratie, die sich ein auf dem Weg der Korrektur befand, hat nun ein vollständiges Knockout erlebt. Wir sind ein Land, das auf der Welt als Beispiel betrachtet wird…

Und als ob das nicht reichen würde, hat Ankara mit seinen eigenen Händen die syrischen Kurden in die Arme der USA und Russlands gestoßen. Ich schreibe immer wieder, dass die uns als „MGK-Intelligenz“1 vorgeschobene, aber eigentlich nur Entscheidungen von engstirnigen und ihr Leben vollständig in Staatsgehäusen verbringenden Männern über mittleren Alters  sind, die weit davon entfernt sind, die heutige Welt wahrzunehmen.

Ich kann es zum tausendsten Mal schreiben: Wer diese Rechnung auch immer getroffen hat, hat es falsch gemacht. Schaut, auch der Osmane hätte sich nicht einmal so verhalten. Doch man wird leider nicht mit dem Schauen von Osmanen-Serien ein Osmane. Es ist nicht möglich mit einem ethnisch-nationalistischem Bündnis in einer multinationalen Region ein Imperium zu gründen.

Ich zähle die Fehler einzeln auf: Die Kurden gegen sich zu stellen und das eigene Land zu destabilisieren. Für die Einnahme einer als Cerablus bezeichneten staubigen Stadt sich von Strasbourg und Brüssel loszusagen. Die brillantesten Köpfe des Landes zu Feinden zu erklären und das Land auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner hinterher zu schleifen. Alle Fäden an Russland zu verlieren. Von den Saudis Hilfe zu erhoffen. Die USA durch unsere Fehlpolitik zum Protektor der Kurden zu machen.

Es gibt kein Limit und keine Rechenschaft für die gemachten Fehler. Wir sagen und erklären es, aber weil wir keinen Bart haben, hört uns niemand zu.

Zurück zum eigentlichen Thema… Dass der US-Präsident Donald Trump den Demokratischen Kräften Syriens, dessen Teil auch die YPG ist, Waffen liefert, war für niemanden eine Überraschung. Auch Ankara wusste es. Weil Washington es für passend ansah, diese Entscheidung nach den Referendum zu treffen, wurde abgewartet. Es wird bei dem Treffen zwischen Erdogan und Trump in der kommenden Woche große Gesten geben. Der US-Präsident wird dem Staatspräsidenten versprechen, die Waffen nach der Rakka-Operation sofort wieder zurückzunehmen. Die Amerikaner werden unterstreichen, dass sie den Kurden nicht irgendeinen Status versprochen haben. Wir werden aus dem Mund von Trump den Staatspräsidenten lobende und schmeichelnde Worte hören. Doch es sieht so aus, als ob alle Chancen verpasst sind. Der klügste Vorstoß, den die Türkei machen kann, ist es, die syrischen Kurden auf ihre eigene Seite zu ziehen, anstatt mit light-dschihadistischen Gruppen zu tanzen und Besatzer der in Nordsyrien entstehenden „sehr fragmentierten“ (kurdisch und arabischen) Region zu werden.

Schaut, auch der Osmane hätte dies ohne zu zögern getan.

Ich gehe noch einen Schritt weiter. Anstelle des französischen Staatspräsidenten Hollande könntet ihr den PYD-Sprecher Salih Müslim einladen und so Mitverantwortung für die Verwaltung der arabischen Stadt Rakka übernehmen…

Ankara muss endlich intern und extern von dieser nicht weiter fortführbaren Spirale heraustreten.
Die Türkei, das riesige Schiff, ist zu kostbar und bedeutend, als dass man ihren Knopf Devlet Bahçeli2, ihren Schlüssel Mehmet Ağar3 und ihre Küche Hayrettin Karaman4 übergeben kann.

Die Türkei ist ein Riese, der nicht in zwergenhafte Anzüge passt.

Ich hoffe, ich konnte meine Gedanken zum Ausdruck bringen?

  1. MGK steht für Milli Güvenlik Kurulu, dt. Nationaler Sicherheitsrat []
  2. Vorsitzender der rechtsradikalen Partei MHP []
  3. Als Innenminister der Türkei in den 90er Jahren verantwortlich für zahlreiche Kriegsverbrechen in Nordkurdistan []
  4. Radikal-islamistische Autorität  innerhalb der AKP []