Könnten doch die Wände von Pozanti sprechen …

pozantiAGÎT BAGRIYANIK*

Wenn du vielleicht wegen einer anderen Tat eingesperrt werden würdest, täte man dir dasselbe nicht an. Aber wenn du Steine geworfen hast oder aus politischen Gründen drinnen bist, dann wirst du so behandelt. Ich war etwa ein Jahr in Pozanti. Egal, was und wie viel ich jetzt erzähle, es reicht nicht aus, um die Realität von dort widerzugeben. Könnten doch die Wände von Pozanti sprechen…

Die Gewalt, die den Kindern im Gefängnis von Pozanti in der letzten Zeit angetan wurde, wird als schwarzer Fleck in die Geschichte eingehen. Ähnliches geschah eigentlich auch schon bereits vor zwei Jahren. Im Gefängnis von Pozanti waren früher nur Erwachsenen inhaftiert. Aber mit dem neuen Antiterrorgesetz der AKP-Regierung aus dem Jahr 2006 wurden unzählige Kinder hinter Gittern gebracht. Damit einhergehend wurde Pozanti in ein Kindergefängnis umgewandelt. Mit dem Übergang zu einem Kindergefängnis hat sich auch die Gefängnispolitik verändert. Warum? Weil zu jener Zeit eine Vielzahl von Kindern aus politischen Gründen eingesperrt wurden.
Die Gefängnisleitung befürchtete, dass sich die Kinder im Gefängnis organisieren und sich gegen die Gefängnisregeln wehren. Um dies zu verhindern, haben sie eine Vielzahl von Entscheidungen getroffen und umgesetzt. Diese Entscheidungen erinnerten uns sehr an die Gefängnispraxis vom 12. September [1980, Datum des letzten Militärputsches]. Auch wenn wir zu jung waren, um den 12. September selbst miterlebt haben zu können, haben wir viel von Leuten gehört, die zu jener Zeit in Haft waren, oder aus Büchern darüber gelesen. In Pozanti konnte die Praxis des 12. September problemlos fortgeführt werden.
Wie sah diese Praxis vom 12. September genau aus? Zunächst war der Gefängnisleitung jedes Mittel legitim, um die Kinder unter Kontrolle zu halten. Jegliche physische Gewalt wurde uns angetan. Einmal in der Woche kam jemand zu uns, der sich Imam nannte. Er versuchte die Kinder religiös zu beeinflussen. Am häufigsten sagte er zu uns: „Ihr werdet reingelegt. Sie bestechen euch mit Geld.“
Warum gab es diese Praxis in Pozanti mehr als in anderen Gefängnissen? Weil in Pozanti seit 2007 vor allem Kinder inhaftiert wurden, die aus politischen Gründen festgenommen worden waren. Es gab aber auch einige Inhaftierte aus strafrechtlichen Gründen. Aber die Mehrzahl bestand aus „Steine werfenden“ Kindern. Egal was im Gefängnis vorfiel, zuallererst wurden diese Kinder verdächtigt. Ihre Zellen wurden zuerst gestürmt und durchsucht. Kann man sich unter solchen Umständen vorstellen, dass die Gefängnisleitung nichts von den Vergewaltigungsfällen gewusst haben könnte? Sie tun so, als hätten sie nichts gewusst, um sich rein zu waschen. Aber wir wissen genau, dass die Gefängnisleitung von Vergewaltigung und Folter wusste. Sie bleiben dennoch demgegenüber stets in der Zuschauerposition.
Ich wurde im April 2009 vom Gefängnis aus Antep nach Pozanti verlegt. Meine elf Monate habe ich dort verbracht. Als ich im Gefängnis ankam, wurde ich mit der „Willkommensprügel“ empfangen. Jeder, der neu nach Pozanti kam, musste das durchmachen. Man wird mit einem blauen Knüppel empfangen, welcher Bekanntschaft mit all deinen Körperteilen macht. Dann schlagen sie dir auf die Hände. Nach jedem Schlag musst du deine Hand anfeuchten. Dadurch tun zum Einen die Schläge mehr weh, zum Anderen beugt das anschließenden Spuren vor. Danach sagen sie dir, was du als nächstes zu tun hast. Die Gefängniswärter musst du stet mit „mein Boss“ ansprechen und alles, was sie dir auftragen, musst du in aller Genauigkeit durchführen. Tust du dies nicht, ist die Konsequenz erneut der blaue Knüppel oder der dunkle Bunker [Arrestzelle].
Bei der ersten Durchzählung im Gefängnis bekam ich direkt wieder Schläge. Warum? Weil es mir nicht auf die Sekunde genau gelang, in der Reihe zu stehen und auf Posten zu sein. Du darfst dich nicht wundern und Zeit verlieren. Ansonsten bekommst ein Dutzend Flüche an den Kopf geworfen und wirst geschlagen. Das habe ich auch durchgemacht.
Für jede Zelle erwählt die Gefängnisleitung einen Inhaftierten zum „Vorsteher“. Diese Vorsteher können ihren anderen Zellennachbarn antun, was sie wollen. Sie können sie belästigen, foltern oder auch vergewaltigen. Ihnen steht es frei zu, alles den anderen anzutun, was ihnen grad durch den Kopf geht. In den Zellen, in denen vor allem politische Insassen sind, wird dieser Vorsteher mit einer noch bestimmteren Sicht ausgesucht. Das sind dann Leute, die aus angeblich politischen Gründen inhaftiert worden sind, aber sofort mit ihrer Ankunft sich in den Dienst der Gefängnisleitung gestellt haben. Diese Leute haben dann auch ihre Zellennachbarn vergewaltigt oder sexuell belästigt. Die Kinder, denen das angetan worden ist, wurden für den Fall, dass sie darüber sprechen würden, mit dem Tode bedroht. Einer meiner Freunde, der das nicht mehr aushielt, sprach eines Tages vor Gericht über die Geschehnisse im Gefängnis. Er sagte, dass er damit nicht mehr klar käme und sich sein Leben nehmen würde.
Wenn du in solchen Umständen lebst, wie kannst du dann an die Freiheit denken? Jeden Morgen musst du um 6 Uhr früh aufstehen, die gesamte Zelle waschen und säubern, dann die Kleidung der Zellenvorsteher waschen. Wenn Essenszeit ist, bekommen die Vorsteher dann eine große Portion und du bekommst so viel, wie der Vorsteher gerade Lust hat dir zu geben. Das kann dann auch mal nur ein Keks am Tag sein. Einer unserer Zellengenossen hielt das Ganze nicht mehr aus und durchschnitt seinen Körper mit einer Rasierklingel. Die Gefängnisleitung nahm in sofort aus der Zelle und brachte ihn an den Ort, den wir nur „unter der Tür“ nannten. Dort haben sie Salz in seine Wunden geschüttet. Jedes Mal, wenn sie das taten, hörten wir seine Schreie. Im gesamten Gefängnis hörten wir an jenem Tag nichts außer sein Schreien.
An einem Tag kam ein Neuer in unsere Zelle. Als wir ihn so in seinem Zustand sahen, konnten wir unseren Augen nicht glauben. Sie hatten, als er schlief, seine Fußsohlen mit einem Feuerzeug verbrannt. Er konnte nur noch schwer auf seinen Füßen laufen. Vielleicht trieb ihm auch nur die Angst vor größeren Schmerzen dazu, auf seinen Füßen zu laufen. Natürlich hatten sie auch nicht vergessen, ihm, trotz seines Zustands, die „Willkommensprügel“ zu verpassen. Wenn all das nicht Teil der Praxis des 12. Septembers ist, was ist es dann?
Wenn du vielleicht wegen einer anderen Tat eingesperrt werden würdest, täte man dir dasselbe nicht an. Aber wenn du Steine geworfen hast oder aus politischen Gründen drinnen bist, dann wirst du so behandelt. Ich war etwa ein Jahr in Pozanti. Egal, was und wie viel ich jetzt erzähle, es reicht nicht aus, um die Realität von dort widerzugeben. Könnten doch die Wände von Pozanti sprechen … Dann könnten wir das Ganze noch besser verstehen. Sie haben die Menschlichkeit dort vernichtet. Sie haben die Menschheitsgeschichte befleckt. Und jetzt komm und sprich von Freiheit in solch einem Land …

*Agît Bagriyanik, saß zwei Jahre im Gefängnis, davon elf Monate in Pozanti. Anschließend musste er, aufgrund der Strafe, die er erhalten hatte, nach Europa flüchten.